Claudia Pechstein hat die gegen sie erhobenen Dopinganschuldigungen heftig dementiert. "Ich habe nicht gedopt!", schrieb Pechstein in einer 92-zeiligen Erklärung auf ihrer Website (www.claudia-pechstein.de) als Reaktion auf die gegen sie verhängte Zweijahressperre durch den Eislauf-Weltverband ISU wegen angeblichen Blutdopings. "Weder in meinem Blut noch in meinem Urin wurde jemals eine verbotene Substanz gefunden. Die Erklärung dafür ist ganz einfach: Es wurde nie etwas gefunden, weil ich nie etwas Verbotenes genommen habe, mir nie Fremd- oder Eigenblut zugeführt habe, kurz: nie gedopt habe! So einfach ist das eigentlich!"
"Die Beweiskraft dieser Indizien wird von namhaften Sachverständigen bezweifelt. Es wird von dem vor dem CAS laufenden Verfahren abhängen, ob dem Internationalen Verband der Beweis eines Verstoßes gegen die Anti-Doping-Regeln gelingt", teilte das DOSB-Präsidium am Samstag in einer Stellungnahme mit.
"Sie hat uns aber bekundet, nie gegen die Anti-Doping-Regeln verstoßen zu haben. Es gilt nun, den Verdacht so schnell wie möglich aufzuklären", sagte DOSB-Generaldirektor Michael Vesper der dpa am Samstag auf Anfrage. "Es ist gut, dass es jetzt neutrale Untersuchungen gibt", fügte er hinzu. Vesper bestätigte zudem, der DOSB sei "informiert, aber nicht involviert" gewesen.
Das DOSB-Präsidium unterstrich, Claudia Pechstein habe beteuert, niemals gegen Anti-Doping-Regeln verstoßen zu haben. Dies wolle sie vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS belegen. "Während bei einem positiven Test die Unschuldsvermutung aufgehoben wäre, gilt sie im vorliegenden Fall aufgrund der völlig unterschiedlichen Sachlage weiter", teilte das DOSB-Präsidium mit. Auch die DESG "steht an der Seite der Athletin und geht bis zur rechtskräftigen Verurteilung von ihrer Unschuld aus", heißt es in einer vom Verbandspräsidenten Gerd Heinze und Anwalt Marius Breucker unterzeichneten Erklärung.
Die Disziplinarkommission der Internationalen Skating Union (ISU) hatte bei Claudia Pechstein im Rahmen der Weltmeisterschaften in Hamar am 6./7. Februar erhöhte Werte bei Retikulozyten (junge rote Blutkörperchen) festgestellt. Andere Blutwerte, die auf Doping hindeuten könnten - etwa Hämoglobin oder Hämatokrit -, seien unauffällig gewesen, teilte die DESG mit. Die ISU stützte ihren Vorwurf darauf, dass ein erhöhter Retikulozyten-Wert nur durch Blutdoping zu erklären sei.
Pechstein ist damit weltweit die erste Sportlerin, die infolge der Anfang des Jahres eingeführten Blutprofil-Regel der Welt-Antidoping-Agentur (WADA) gesperrt wurde. Diese Regel besagt, dass derartige Sanktionen gegen Sportler bereits wegen Auffälligkeiten in ihrem Blutprofil ausgeprochen werden können, ohne dass ein konkreter positiver Dopingbefund vorliegt.
Im Verfahren hinzugezogene Sachverständige hielten die von der ISU erhobenen Daten wegen offenkundiger Fehler nicht für verlässlich. Mögliche Ursachen eines erhöhten Retikulozyten-Wertes könnten in einer Krankheit oder Anomalie des Blutes liegen. Aufgrund eines einzelnen Blutwertes sei ein verlässlicher Doping-Nachweis nicht zu führen.
Dass Pechstein, wie sie selbst vermutet, möglicherweise an einer genetischen Erkrankung leiden könnte, hält der Heidelberger Molekularbiologe Werner Franke für ausgeschlossen. "Da kann ich nur laut lachen. In diesem Fall hätten bei Pechstein immer erhöhte Retikulozyten-Werte vorliegen müssen und nicht nur in wenigen konkreten Fällen", sagte Franke.
Pechstein bot an, sich auf mögliche Anomalien untersuchen zu lassen. Die aufwendige Diagnostik kann allerdings Wochen oder Monate dauern. Die Athletin erklärte sich zudem zu einem mehrwöchigen Screening mit lückenloser Erhebung sämtlicher Blutwerte und EPO-Tests bereit, um ihre Unschuld zu beweisen.
Mittlerweile ist Pechstein in die Offensive gegangen. In einem Interview mit der "Berliner Morgenpost" (Sonntags-Ausgabe) kündigte sie an, den internationalen Eislauf-Weltverband (ISU) auf Schadenersatz zu verklagen. "Das tue ich mit Sicherheit", sagte Pechstein und sprach von "einer riesigen Summe". Hintergrund sind Pechsteins Werbeverträge. "Die beinhalten Klauseln, falls ich einen Dopingverstoß begehe. Dann sind meine Werbeverträge erledigt", so Pechstein.
Am Samstagabend nahm Pechstein im "Aktuellen Sportstudio" des ZDF Stellung. Als einen Fehler bezeichnete sie wie schon zuvor auf ihrer Homepage, sich auf einen "Kuhhandel" mit der ISU eingelassen zu haben. Online hatte sie geschrieben: "Die ISU hat unseren Teamleiter von den erhöhten Retikulozytenwerten unterrichtet und mir geraten, den Wettkampf abzubrechen, um in Ruhe die Angelegenheit zu klären. Ich habe mich darauf eingelassen, weil ich Angst hatte, ungerechterweise als Dopingsünderin dazustehen. Heute könnte ich mich dafür backpfeifen. Meine Entscheidung im Februar war ein schwerer Fehler, für den ich mich bei meinem Fans entschuldigen will", so Pechstein mit Blick auf die Vorgänge bei der Mehrkampf-WM im Februar, die sie offiziell wegen eines Infekts nach zwei von vier Rennen abbgebrochen hatte. Die DESG war eingeweiht und machte beim Verwirrspiel mit.
Gerd Heinze, Präsident der DESG, berichtete im ZDF zudem von einem weiteren Angebot der ISU, die Öffentlichkeit nicht über die erhöhten Werte zu informieren, wenn Pechstein ihre Karriere beenden würde.
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