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09.01.2016, 12:16

Kieler Senkrechtstarter kommt immer besser in Fahrt

Dissinger: Folgt dem tiefen Fall der steile Aufstieg?

Das Lieblingsthema der Bundesliga-Manager in diesem Jahr ist die Dauerbelastung, eine Pause sei den Profis kaum gegönnt. Das ist sicherlich die eine Seite der Medaille. Wie man von dem Spiele-Marathon aber auch schwer profitieren kann, stellt dieser Tage Christian Dissinger unter Beweis. Das einstige Wunderkind hat die dunkle Vergangenheit aus den Kleidern geschüttelt - und avanciert national zu einem der größten Hoffnungsträger. Ein Portrait.

Verletzt am Boden, im Kieler Aufschwung und auf dem Sprung beim DHB: Christian Dissinger.
Verletzt am Boden, im Kieler Aufschwung und auf dem Sprung beim DHB: Christian Dissinger.
© imagoZoomansicht

Eine derartige Berg- und Talfahrt, die Christian Dissinger in seiner noch jungen Karriere durchleben musste, sucht seinesgleichen. Ausgebildet wurde der langgewachsene Rechtshänder bei der TSG Friesenheim, wo er bereits mit 17 Jahren in der zweiten Liga auflief. Es dauerte nicht lange, ehe Dissinger mit einem Zweitspielrecht für die SG Kronau/Östringen (heute Rhein-Neckar Löwen) ausgestattet wurde und früh Erstliga-Luft schnupperte. Im Sommer 2011 wollte der 2,02-Meter-Hüne den nächsten Karriereschritt machen, schloss sich folglich den Kadetten Schaffhausen an, mit denen er gleich in seiner ersten Saison Schweizer Meister wurde.

Kein Wunder also, dass man auch in Sachen Nationalmannschaft nicht um den Namen Dissinger herumkam. Mehr als 30 U-Länderspiele stehen auf seinem Konto, der Höhepunkt dabei ohne Frage die Junioren-Weltmeisterschaft in Griechenland 2011. Neben dem ersten großen Titel wurde das riesige Rückraumtalent auch als bester Halblinker sowie als wertvollster Spieler des Turniers ausgezeichnet. Ein Grund für Dissinger abzuheben? Mitnichten.

"Die Kreuzbandrisse gehören einfach zu mir dazu"

Stattdessen erlebte der bodenständige Ludwigshafener im Oktober 2011 den ersten großen Rückschlag: Im Champions-League-Spiel gegen Weltklub Barcelona riss sich Dissinger das Kreuzband. 351 Tage Zwangspause. Doch die große deutsche Hoffnung steckte nicht den Kopf in den Sand, sondern stand wieder auf. Im März 2013 feierte er gegen die Schweiz sein Debüt in der A-Nationalmannschaft, ehe ihn das Schicksal wieder ganz tief fallen ließ. Nur einen Monat später legte Dissinger erneut eine Knieverletzung außer Gefecht. Erneute Diagnose: Kreuzbandriss.

Bei seinem ersten Kreuzbandriss: Christian Dissinger im Spiel gegen Barcelona.
Bei seinem ersten Kreuzbandriss: Christian Dissinger im Spiel gegen Barcelona.
© imago

Aufgeben war deswegen noch nicht angesagt. "Die Kreuzbandrisse gehören einfach zu mir dazu. Aber die sind nicht mehr im Kopf präsent", äußerte sich Dissinger kürzlich. Seine Fähigkeiten hatten sich zu diesem Zeitpunkt aber längst herumgesprochen, sodass die erste ganz große Nummer anklopfte. Der europäische Spitzenklub BM Ciudad Real stattete den damals 21-Jährigen im Juni mit einem Dreijahresvertrag aus. Zu einem Einsatz für die Spanier kam Dissinger aber nicht, der Verein meldete kurz nach der Verpflichtung Insolvenz an.

"Dadurch war ich arbeitslos und verletzt. Da war auch durchaus so ein Gedanke, höre ich jetzt vielleicht ganz auf und konzentriere mich auf ein Studium", gab Dissinger Einblick in sein damaliges Gefühlsleben: "Ich wusste, dass ich ein halbes Jahr sowieso nicht spielen kann, und kein Verein will einen Spieler haben, der verletzt ist. Von daher war das ein relativ bescheidenes Gefühl da zu stehen, ohne etwas in der Hand zu haben. Das war schon belastend für den Kopf."

Weinhold: "Er wird zur Zeit sehr gehyped"

Jubel im Kieler Trikot: Christian Dissinger steigerte sich stetig beim THW.
Jubel im Kieler Trikot: Christian Dissinger steigerte sich stetig beim THW.
© imagoZoomansicht

Aber Dissinger entschied sich dagegen, seine Handballschuhe an den Nagel zu hängen. Im Januar 2014 nahm er beim Bundesligisten TuS N-Lübbecke wieder das Training auf, sein Comeback gab der dynamische Hüne im April. Den anschließenden Vertrag bis Sommer 2016 erfüllte er, ehe Dissinger den zweiten großen Karrieresprung wagte. Mit dem Wechsel zum Serienmeister THW Kiel erfüllte sich der Halblinke einen Traum. "Es ist eine unglaubliche Chance, die mir die Verantwortlichen hier in Kiel geben", bekannte der bekennende Fan von Borussia Dortmund. Dabei trat er aber in riesige Fußstapfen, gemeinsam mit Joan Canellas sollte Dissinger die Lücke schließen, die Kapitän Filip Jicha mit seinem Abgang hinterließ. Am Anfang fehlten ihm aber Rhythmus, Selbstvertrauen und körperliche Präsenz.

Von Spiel zu Spiel steigerte sich Dissinger aber - und schwang sich zum Ende der Hinrunde zu einem der wichtigsten Akteure bei den Zebras auf. Als einer der Senkrechtstarter der Saison brachte er sich sogar in das Blickfeld für die deutsche Nationalmannschaft. Sehr verwunderlich kam es letztendlich also nicht, dass ihn Bundestrainer Dagur Sigurdsson in den Kader für die Europameisterschaft in Polen (15. bis 31. Januar) berief.

Gerade auf seiner Position ist es sehr wichtig, dass wir Druck und Power haben.Bundestrainer Dagur Sigurdsson über Dissinger

Im Vorbereitungsspiel gegen Tunesien (37:30) war Dissinger mit Abstand auffälligster deutscher Spieler und dürfte in dieser Form zum Auftakt gegen Spanien zur ersten Sieben gehören. "Gerade auf seiner Position ist es sehr wichtig, dass wir Druck und Power haben", lobte Sigurdsson. Dass Dissinger nun zu viel Höhenluft schnuppert, daran glaubt THW-Kollege und Nationalmannschaftskapitän Steffen Weinhold nicht: "Er wird zur Zeit sehr gehyped, weil er in den letzten Wochen auch sehr gut gespielt hat. Aber er ist ein Typ, der das alles sehr gelassen nimmt." Selbst wenn er eine perfekte EM und eine herausragende restliche Saison mit Kiel hinlegt, abheben wird Dissinger sicherlich nicht. Dafür ist zu viel passiert.

msc

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DHB-Kader: Weinhold & Co. bereit für Polen
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