
Um den heißen Brei redet Brand jedenfalls nicht herum, es fehlt laut des 58-Jährigen an allen Ecken und Enden. "Neben vielen Dingen wie Hierarchie, Führungsfiguren und so weiter spielt natürlich auch eine grundlegende Rolle die sportliche Qualität. Deswegen würde ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht davon sprechen, dass wir die Perspektive haben, eine Top-Mannschaft zu werden", erklärte er nach der deprimierenden 25:35-Schlappe zum Hauptrunden-Abschluss in Jönköping gegen Norwegen. Klingt nach Resignation, nach Abschied - doch Brand hat sich noch nicht entschieden, ob er seinen bis 2013 laufenden Vertrag erfüllt. "Ich werde das wie alles andere auch mit dem Präsidium besprechen, mit dem ich sehr gut über die ganzen Jahre hinweg zusammengearbeitet habe und noch arbeite", kündigte der Weltmeister von 1978 Gespräche mit der Führung des Deutschen Handballbundes (DHB) an.
An den Funktionären beim deutschen Handball-Verband würde ein weiteres Engagement nicht scheitern. "Von meiner Seite gibt es keine Trainer-Diskussion. Wir wären froh, wenn es weitergeht entsprechend des Vertrages", erklärte er demonstrativ. Brands Rücktritt erwartet er nicht. "Im Augenblick halte ich das nicht für möglich."
„Wir haben nicht die Leute, die die Verantwortung in Spitzenmannschaften tragen. Ich kann nicht sagen, da sind einige Weltmeister geworden. Die waren 2007 dabei, aber die waren nicht die zentralen Personen. Auf der anderen Seite muss man sagen: Nennt mir einen. Vielleicht auch jüngere mit Perspektive. Da herrscht nämlich Schweigen hier. Und bei mir auch.“Bundestrainer Heiner Brand
Vor vier Jahren, beim WM-Sieg im eigenen Lande, schien eine derartige düstere Entwicklung weit weg zu sein. Doch die Nackenschläge nahmen kein Ende: Vorrunden-Aus bei Olympia in Peking, der zehnte Platz bei der EM im Vorjahr und nun maximal Rang elf. Der Mangel an Führungsspielern gilt als Hauptproblem. 2007 spielten zwar auch Spieler wie Markus Baur, Christian Schwarzer oder Henning Fritz nicht immer überragend, sie konnten das Team jedoch mitreißen. "Letzten Endes ist das eine Entwicklung, vor der ich immer gewarnt habe, aber die ich auch versucht habe zu verhindern und auch geglaubt habe, es zu schaffen. Diesmal hat es nicht hingehauen", konstatierte Brand. Wie der Bundestrainer sieht auch Bredemeier das grundsätzliche Problem in der mangelnden Auswahl an geeigneten Spielern. "Was viel schlimmer ist, wir führen auch keine Personaldiskussion."
Bredemeier sieht das Problem darin begründet, dass in den HBL-Klubs die entscheidenden Positionen mit ausländischen Assen besetzt seien. "Unsere Spieler spielen in der Champions League nicht die entscheidenden Rollen", so Bredemeier. Daran wird sich seiner Meinung nach auch nichts ändern. Die Vereine würden das Alarmsignal "überhaupt nicht" hören. "Das sind Egoisten, weil jeder nur an seinen Erfolg denkt. Die haben von unserem Boom profitiert." Keine Ausländerbegrenzung und schlechte Nachwuchsförderung lauten die Hauptkritikpunkte. Die Stärke der Liga mit der unbegrenzten Ausländerzahl koste die Nationalmannschaft viel Substanz, sagte Bredemeier.
HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann wies die Vorwürfe zurück, zeigte sich aber gesprächsbereit. "Ich würde empfehlen, persönliche Angriffe zu unterlassen. Der DHB muss offen analysieren, woran es gelegen hat. Wenn sie dann Lösungsansätze haben, kommen wir mit ins Boot. Wir sind bereit mitzuhelfen", sagte Bohmann dem SID. Immerhin: Ab der Saison 2012/13 denkt man über die Einführung einer deutschen Quote nach, jeweils mindestens vier deutsche Spieler sollen die Klubs im Kader haben.
Brand verzichtete in Schweden auf die Konfrontation mit der Liga, doch jeder weiß ohnehin, dass er wie Bredemeier darüber denkt. Der richtete nochmals klare Worte in Richtung Klubs. Die Junioren waren unter Brands Co-Trainer Martin Heuberger bei EM und WM von Erfolg zu Erfolg geeilt, die Spieler aus diesen Mannschaften aber kommen nicht in der "stärksten Liga der Welt" an. "Wir brauchen die Anschlussförderung. Das geht nur gemeinsam mit der Liga. Da sind viele Gespräche nötig. Das muss auch die Liga kapieren, dass die Nationalmannschaft das Aushängeschild ist", so der einstige Weltklassespieler.

Viel Zeit bleibt den Beteiligten nicht für ein Umdenken, denn die Qualifikation für Olympia ist noch nicht vom Tisch. Bei der EM 2012 in Serbien sind noch zwei Tickets zu vergeben. Die beiden Plätze gehen an die beiden bestplatzierten europäischen Mannschaften, die noch nicht für eines der Qualifikationsturniere bzw. für London 2012 qualifiziert sind. Die EM jedoch ist noch gar nicht erreicht. Im März wird die Qualifikation mit zwei Spielen gegen Island fortgesetzt. Allein dies könnte Brand bewegen, Bundestrainer zu bleiben. "Es ist ja im Handball auch das Schöne, man hat ja dann direkt wieder das nächste Ziel vor Augen. Qualifikation und Europameisterschaft 2012. Motivation ist sicherlich keine Schwierigkeit." Sollte Brand aufhören, würde vor allem DHB-Präsident Ulrich Strombach einem Weltmeister von 2007 die Aufgabe am ehesten zutrauen. Und der heißt Christian Schwarzer.
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