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18.10.2015, 23:00

Claudia Roth im Interview

"Beckenbauers Rolle? Das soll er persönlich sagen"

Claudia Roth (60), Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, war von 2010 bis 2013 in verschiedenen DFB-Gremien tätig. Die frühere Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen ist Mitglied im Kuratorium der DFB-Kulturstiftung und engagierte sich auch für die gescheiterte Bewerbung Münchens um die Winterspiele 2018.

Claudia Roth
Claudia Roth (60), Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, fordert vom DFB eine lückenlose Aufklärung der Vorwürfe durch das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel".
© Getty Images

kicker: Überrascht es Sie überhaupt, Frau Roth, dass nun auch der DFB im FIFA-Sumpf steckt?

Claudia Roth: Mich erschreckt es, auch wenn der Verdacht nicht neu ist. Nur weil keiner mehr Sepp Blatter glaubt, der vor Jahren entsprechende Andeutungen gemacht hatte, hat man vielleicht gedacht, man duckt sich jetzt einfach weg. Damit schadet sich der DFB aber selbst. Nun fällt ein Schatten auf das Sommermärchen. Ich hoffe, dass alle, wirklich alle, bedingungslos transparent und offen mit den Vorwürfen umgehen.

kicker: Ist es realistisch, anzunehmen, dass eine WM-Vergabe nach Deutschland mit rechten Dingen zugeht, wenn die Entscheidungen für Endturniere davor und danach unter Manipulationsverdacht stehen?

Roth: Wenn man vom Weltfußball redet, kann man sich inzwischen vieles vorstellen. Viele Menschen glauben nicht ohne Grund, dass die FIFA eine kriminelle Organisation ist. Wer so unverblümt die Interessen von Katar vertritt und auch seinen Sohn noch mit hereinbringt, wie UEFA-Präsident Michel Platini, dann ist das einfach nicht sauber. Der Eindruck, wenn es alle machen, dann macht es Deutschland auch, herrschte jedoch bisher nicht vor.

kicker: Worauf führen Sie das zurück?

Roth: In Brasilien und Argentinien wollen so viele Menschen wie noch nie Deutsch lernen. Das Goethe-Institut hat sie gefragt, warum, und die Antwort ist: wegen des deutschen Fußballs. Viele Menschen haben gedacht, die FIFA und Blatter ist das eine und wir sind anders. Deshalb ist der Schock so riesig groß. Die moderne Art der Nationalmannschaft und von Jogi Löw, unser Land zu repräsentieren, galt, das klingt jetzt bitter, als ein Exportgut wie VW.

kicker: Was erwarten Sie jetzt vom DFB?

Hat Franz Beckenbauer für Katar gestimmt oder nicht? Warum kann man das nicht sagen? Und wenn er das einräumt, muss man den DFB fragen: War das ein Dankbarkeitsgeschäft?Claudia Roth

Roth: Fehlende Transparenz führt dazu, dass ein Verdacht noch kräftiger auf den Tisch kommt. Der DFB muss in aller Offenheit alles ausräumen. Wie haben eigentlich unsere deutschen Vertreter abgestimmt, als es um Katar ging? Die Fans haben ein Recht darauf, das zu erfahren. Hat Franz Beckenbauer für Katar gestimmt oder nicht? Warum kann man das nicht sagen? Und wenn er das einräumt, muss man den DFB fragen: War das ein Dankbarkeitsgeschäft?

kicker: Sehen Sie einen Zusammenhang der Veröffentlichung neuer Verdachtsmomente zur WM 2006 mit dem Machtkampf in FIFA und UEFA?

Roth: Der Zeitpunkt legt nahe, dass es Quellen gibt, wo der eine dem anderen eins auswischen will. Es sind Machtspiele, in denen man sagt: Der DFB als einer der größten Sportverbände mit dem amtierenden Weltmeister, die kriegen jetzt auch was ab. Umso wichtiger ist, dass der DFB nicht so zögerlich reagiert: Wie haben wir abgestimmt? Wer hatte Interessen? Wie kam es zu einem Deal mit Robert Louis-Dreyfus? Wer hat verdient am Sommermärchen? Adidas hatte natürlich ein Rieseninteresse. Also: Alles auf den Tisch! Bliebe etwas hängen, wäre das verheerend für das Ansehen des Sports.

kicker: Der DFB und Wolfgang Niersbach galten als wichtige Faktoren für einen Reformprozess in den internationalen Verbänden. Ist die Glaubwürdigkeit nun schon so beschädigt, dass der deutsche Fußball keine Führungsrolle mehr einnehmen kann?

Roth: Nein. Es gilt wie immer in einem Rechtsstaat, auch wenn man bei einer Organisation wie der FIFA sicher nicht von einem Rechtsstaat sprechen kann, und ich bei der UEFA mit Platini auch meine Zweifel habe, die Unschuldsvermutung. Wer nach all den Skandalen und Affären ein wirkliches Interesse hat an einem sauberen Neuanfang der FIFA, wie der DFB und Niersbach, dann muss er mit den aktuellen Vorwürfen gegen sich richtig aufräumen.

kicker: Kurz vor der Veröffentlichung des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" teilte der DFB mit, dass er nach dem Verbleib von 6,7 Millionen Euro fahndet. Ein Zufall?

Roth: Ich will keinen vorverurteilen, es steht Aussage gegen Aussage. Aber die Begründung des DFB ist schon "verschwurbelt". Die Fans wollen eine klare Aufklärung. Was war die Rolle von Franz Beckenbauer? Das soll er persönlich sagen. Franz Beckenbauer repräsentiert wie kein anderer den deutschen Fußball. Er hat auch eine Verantwortung, dass das Image unbescholten ist. Die Haltung, wir sind halt auch nicht anders als die anderen, wäre fatal. Dann kann man auch den Kindern nichts mehr von der Vorbildfunktion und den Regeln des Sports erzählen.

kicker: Im WM-OK und dessen Aufsichtsrat saßen neben Beckenbauer weitere prominente Persönlichkeiten, wie Bundesinnenminister Otto Schily. Müssen neben dem DFB nicht auch sie für Transparenz sorgen?

Roth: Natürlich. Alle, die rund um das Bewerbungsverfahren am Tisch waren. Es war ja auch der große Wunsch der Bundesregierung, dass wir eine WM bekommen. Und es war eine tolle WM, ein wunderbares Sommermärchen.

kicker: Finden Sie, dass die Mannschaft, Jürgen Klinsmann, die Fans, die Bevölkerung, die plötzlich als so weltoffen gefeiert wurde, sich für dieses sogenannte Sommermärchen heute schämen müssen?

Roth: Nein, aber das sind zweierlei Sachen. Großartige Spiele, wunderbares Wetter, gastfreundliche Fans, die Stadien, Public Viewing, eine Mannschaft, die einen guten Eindruck hinterließ, und der Blick der Welt auf unser Land. Das war alles richtig toll. Das alles bleibt auch. Aber das kann nicht als Rechtfertigung dafür gelten, dass man keinen Schatten darauf zulassen will. Dann hieße es, der Zweck heiligt die Mittel. Das geht nicht. Wir können doch nicht Russland und Katar hinterfragen und wenn es um uns selber geht, sagen: Die WM lassen wir uns nicht kaputtmachen. Diese WM bleibt, aber ich will wissen, wie der Weg dorthin war. Ist etwas an den Vorwürfen dran, darf sich das nie mehr wiederholen. Ist nichts dran, weiß man, in welcher Schlangengrube sich Funktionäre in der Sportpolitik bewegen.

Das war alles richtig toll. Das alles bleibt auch. Aber das kann nicht als Rechtfertigung dafür gelten, dass man keinen Schatten darauf zulassen will.Claudia Roth über das "Sommermärchen 2006"

kicker: Erwarten Sie Auswirkungen auf das Votum der Bürger und die Haltung der Politik im Bezug auf die Hamburger Olympia-Bewerbung 2024, salopp ausgedrückt, einen Kollateralschaden?

Roth: Das hoffe ich wirklich nicht. Ich glaube, dass man unterscheiden kann zwischen der FIFA, der man wirklich alles zutraut, und einem offenen Verfahren für Hamburg. Auch bei der Bewerbung für Berlin damals hat man sich sehr klar verhalten und formuliert, auf Zuwendungen für die, die darüber entscheiden, zu verzichten. Für Hamburg muss es die größtmögliche Transparenz geben, zumal es ja auch durchaus Zweifel am IOC sowie Putins Winterspielen in Sotschi gab.

kicker: Soll sich der DFB weiter für die Ausrichtung der EURO 2024 bewerben?

Roth: Erst einmal müssen die Vorwürfe so schnell wie möglich aufgeklärt werden, dann kann sich der DFB wie immer bewerben, weil Deutschland ein hervorragender Austragungsort ist und ein wunderbares Fußballland. Aber noch einmal: Es muss sauber sein und es muss bewiesen sein, dass es bisher auch sauber war.

kicker: Abgesehen von Ihrer Forderung an den DFB: Wer muss von außen eine führende Rolle bei der Aufklärung übernehmen? Die deutsche Politik, die Schweizer Bundesanwaltschaft oder die Ethikkommission der FIFA?

Roth: Eine Unterorganisation der FIFA sicher nicht! Politik kann sich auch nicht selber untersuchen. Es braucht eine unabhängige Untersuchung seitens der Justiz. Damit auch da erst gar kein Verdacht aufkommt. Das Wichtigste ist, dass die Protagonisten für Transparenz sorgen. Auch Franz Beckenbauer muss Auskunft geben.

Interview: Jörg Jakob

 

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