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14.07.2014, 12:07

Löw triumphiert gegen Argentinien auch über seine Kritiker

Wider alle Widerstände

Seit dem EM-Halbfinale gegen Italien sah sich Bundestrainer Joachim Löw Hindernissen aller Art ausgesetzt, die Schar der Kritiker wuchs monatlich. Jetzt ist er Weltmeister - weil er die richtigen Lehren zog, eine beeindruckende Einheit formte und sich von seinen Idealen verabschiedete. Seine Zukunft lässt er trotzdem vorerst offen.

Joachim Löw jubelt nach dem WM-Finale gegen Argentinien
"Ding der Unmöglichkeit"? Bundestrainer Joachim Löw zeigt nach dem WM-Finale die Siegerfaust.
© Getty ImagesZoomansicht

Erst umarmte Joachim Löw all seine Nationalspieler, später all ihre Partnerinnen. Und wäre das am Sonntagabend nicht im fernen Rio, sondern mitten in Berlin passiert: Viele Fans hätten Löw ebenfalls innig geherzt, darunter auch solche, die vor einigen Wochen noch meinten, mit diesem Bundestrainer werde Deutschland niemals etwas gewinnen.

Jetzt aber ist es genau dieser 54-Jährige aus Schönau im Schwarzwald, der in einer Reihe mit Sepp Herberger, Helmut Schön und Franz Beckenbauer steht, der erstmals eine europäische Mannschaft auf amerikanischem Boden zum Weltmeister machte. Der logische Schritt war das nicht. Denn der Weg zum Triumph war keine gerade, breitspurige, ebene Straße. Er ähnelte vielmehr einer Buckelpiste mit Furchen wie auf dem Rasen im Maracana kurz vor der Verlängerung des WM-Finals, mit Hindernissen aller Art, Haarnadelkurven und steilen Anstiegen. Und einem Fotofinish am Ende.

Löw lernt es nie, sagten die Kritiker - und wie er lernte

Als Löw nach dem 1:0-Sieg gegen Argentinien den WM-Pokal über seinen Kopf stemmte, hätten neben ihm auch Ilkay Gündogan oder Marco Reus, Mario Gomez oder Holger Badstuber, Sven oder Lars Bender stehen können. Doch sie alle fehlten verletzt. Und nachdem lange auch noch unklar gewesen war, ob Sami Khedira und Bastian Schweinsteiger fit ins Turnier gehen könnten, hielt es so mancher Beobachter urplötzlich nicht mehr für empörend, sondern für durchaus angemessen, dass Oliver Bierhoff vor einem Jahr den WM-Titel als "Ding der Unmöglichkeit" bezeichnet hatte.

Die Hitze in Brasilien! Die Verhätschelung im Luxus-Camp! Und dieser Kader erst! Kein Lasogga, kein Kruse? Nur ein Stürmer? Das, waren sich einige Millionen Bundestrainer in Deutschland sicher, konnte ja nichts werden. Löw wird es nie lernen, sagten sie.

Und wie er lernte.

Die Frage, was denn nun eigentlich zum vierten WM-Titel geführt hatte, beantwortete Löw auf der Pressekonferenz nicht mit der Entwicklung, die seine Mannschaft im Turnierverlauf genommen hatte, nicht mit seinen taktischen Umstellungen, schon gar nicht profan mit Siegtorschütze Mario Götze. Löw sagte: "Dieser unglaubliche Teamgeist, dieser Spirit."

Nur mit deutschen Tugenden hätten wir keine Fortschritte gemacht.Joachim Löw

Dass Lionel Messi zum besten Spieler der WM gekürt wurde, war die größte Auszeichnung für die deutsche Auswahl: Sie hatten sich so geschlossen und verschworen präsentiert, dass es unmöglich war, einen einzelnen, alle anderen überstrahlenden Spieler herauszugreifen. Obwohl neun der elf Startspieler gegen Argentinien auch im EM-Halbfinale gegen Italien 2012 (1:2) auf dem Rasen gestanden hatten (Neuer, Boateng, Hummels, Lahm, Schweinsteiger, Özil und Kroos von Beginn an, Klose und Müller als Joker), hatte diese Mannschaft mit der vor zwei Jahren nicht mehr viel zu tun.

Löw machte aus kämpferischen Künstlern künstlerische Kämpfer

Wo damals noch Grüppchen regierten und Enttäuschungen nach dem "Fiasko dahoam", stand diesmal eine Einheit gespickt mit Champions-League-Siegern. Und an der Außenlinie ein Trainer, der das Italien-Spiel damals so schmerzhaft vercoacht hatte, sich in Rio aber nicht einmal von seinem Grundkonzept abbringen ließ, als nach Khedira mit Christoph Kramer auch sein letzter defensiver Mittelfeldspieler den Geist aufgegeben hatte: Statt Per Mertesacker einzuwechseln und Philipp Lahm wie in den ersten vier WM-Partien ins Mittelfeld zu beordern, kam Offensivmann André Schürrle. Auch diese letzte Hürde nahm Löw - und mit ihm die Spieler, die sich weder von All-inclusive-Grätschen gegen Achillessehne, Knöchel und Rücken (Schweinsteiger) noch von Fäusten im Gesicht (Schweinsteiger) aufhalten ließen.

Löw bewies bei dieser WM, dass er entgegen jeglichen Vorbehalten alles dem Erfolg unterzuordnen weiß, seine Ideale zum Beispiel. Er ließ Standards trainieren, setzte seine Einwechselspieler klug ein, trennte sich von der falschen Neun und - als Khedira und Schweinsteiger die nötige Fitness hatten - auch vom Sechser Philipp Lahm. Je länger das Turnier dauerte, desto deutlicher wurde sein neuer Pragmatismus: Löw baute aus Künstlern mit kämpferischen Talenten ein Team aus Kämpfern mit künstlerischen Talenten. Ein Weltmeister-Team, das weltweit Sympathien genießt.

"Nur mit deutschen Tugenden", das wollte Löw dann aber schon noch betonen, als er die letzten zehn Jahre Revue passieren ließ, "nur mit deutschen Tugenden hätten wir keine Fortschritte gemacht." Götzes Wunderwerk der Technik in der 113. Minute war das schönste aller Beispiele.

Ob er jetzt weitermacht, seinen bis 2016 laufenden Vertrag erfüllt, verriet Löw am Sonntagabend zunächst nicht. Während Assistent Hansi Flick DFB-Sportdirektor wird und Manager Oliver Bierhoff sicher weitermacht, sagte Löw nur: Er wolle "erst einmal mit dem Präsidenten sprechen". Zum Teufel wird ihn Wolfgang Niersbach sicherlich nicht jagen. Das traut sich vorerst niemand mehr.

Fotos von 2004 bis 2014: Vom "Co" zum Weltmeister
Löw: Stationen einer Ära
Jürgen Klinsmann, Joachim Löw
Der Taktiker

Unter seinem Vorgänger Jürgen Klinsmann fungierte Joachim Löw zunächst zwischen 2004 und 2006 als Co-Trainer des Nationalteams und war dabei vor allem für die Taktik zuständig, wie hier ersichtlich beim 1:1 gegen Brasilien im zweiten Spiel der Klinsmann-Ära.
© Getty Images

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14.07.14
 

19 Leserkommentare

miltes
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16.07.2014 | 10:09

Nicht meckern, lieber froh sein, dass es nicht schief ging

Sicherlich hat nicht in allen Spielen alles gestimmt, aber das war sicher bei allen anderen Mannschaften [...]
stromi
Beitrag melden
16.07.2014 | 09:01

Ein echter Coach

Was ich an Coach Löw so mag, ist, dass er sowohl in den Spielen als auch nach Analyse der jeweiligen [...]
werner1860
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15.07.2014 | 15:01

Alles nur Glück?

Wenn man manches hier so liest, kann man echt meinen, wir haben uns durchs Turnier gestolpert und sind [...]
Phate
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15.07.2014 | 12:58

Typisch Deutsch

Da werden wir durch eine großartige Mannschaftsleistung Weltmeister und die deutschen Miesepeter können [...]
joatiat
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15.07.2014 | 10:06

Das beste was Löw passiert ist, war die Verletzung von Shkodran,
sonst hätte er weiter mit Lahm a[...]

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weitere Infos zu Löw

Vorname:Joachim
Nachname:Löw
Nation: Deutschland
Verein:Deutschland