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09.07.2014, 05:05

Vom Rumpel-Fußball zum Galaabend

Löw: "Den letzten Schritt gehen"

Die deutsche Nationalmannschaft steht nach dem triumphalen 7:1-Erfolg gegen Gastgeber Brasilien im WM-Finale. Nicht einmal eine halbe Stunde nachdem Schiedsrichter Mario Antonio Rodriguez Moreno das Halbfinale in Belo Horizonte eröffnet hatte, war dieses im Grunde schon entschieden. Individuelle Fehler auf der einen, Kaltschnäuzigkeit auf der anderen Seite waren ausschlaggebend.

Die Welle für die Fans: Ron-Robert Zieler, Jerome Boateng und Thomas Müller (v.l.).
Die Welle für die Fans: Ron-Robert Zieler, Jerome Boateng und Thomas Müller (v.l.).
© Getty ImagesZoomansicht

"Fußball von einem anderen Stern", schwärmte ein überglücklicher Wolfgang Niersbach nach dem Abpfiff. Dem DFB-Boss stand die Freude ins Gesicht geschrieben. Verständlich, nachdem die deutsche Nationalmannschaft bei Weltmeisterschaften zuletzt zweimal im Halbfinale gescheitert war. Gleichzeitig mahnte er aber auch, es sei "noch nichts erreicht". Zwar hat die DFB-Elf in der Tat noch nichts gewonnen, erreicht hat sie aber schon einiges, immerhin den Einzug in ein WM-Finale. Und das in einer beeindruckenden Art und Weise - mit einem 7:1 gegen den Rekordweltmeister! Doch dieses Mal will man mit mehr als nur mit Lobeshymnen nach Hause kommen.

Gemessen am Achtelfinale gegen Algerien (2:1), das die deutsche Mannschaft nur mit Hängen und Würgen nach 120-minütigem Kampf für sich entscheiden konnte, grenzt der Finaleinzug an ein Wunder. Seit der Partie gegen die Nordafrikaner sind zwar erst neun Tage vergangen, aber geändert hat sich seither vieles - taktisch und personell.

Denn Joachim Löw scheint seit dem Viertelfinale gegen Frankreich seine Top-Elf offenbar gefunden zu haben. Mit Hummels und Boateng im Abwehrzentrum und Philipp Lahm auf der Rechtsverteidiger-Position. Also genau dort, wo der Bundestrainer seinen Kapitän eigentlich partout nicht aufstellen wollte. Viel mehr hatte er Lahm im defensiven Mittelfeld eingeplant. Vor der Viererkette haben aber sowohl Bastian Schweinsteiger als auch Sami Khedira mittlerweile die nötige Form und Fitness, um zusammen auflaufen zu können.

Es müllert nach wie vor - und Klose trifft sowieso

Thomas Müller hat die Zurückstufung aus der Sturmspitze auf den rechten Flügel ebenso gut verkraftet wie sein Torriecher. Der funktioniert nach wie vor blendend beim Münchner, der bei seiner zweiten Weltmeisterschaft schon seinen zehnten WM-Treffer markierte. Ganz vorne ackert, wirbelt und trifft der offenbar nicht alternde Klose, der im zarten Alter von 36 Jahren mal so eben sein 16. Endrundentor schoss und damit Ronaldo überflügelte.

Wieder ein frühes Tor aus einem Standard heraus

Ecke, Müller, Tor: Thomas Müller nutzt die Stellungsfehler der brasilianischen Hintermannschaft eiskalt aus.
Ecke, Müller, Tor: Thomas Müller nutzt die Stellungsfehler der brasilianischen Hintermannschaft eiskalt aus.
© Getty Images

Wie schon gegen die "Equipe Tricolore" half der deutschen Mannschaft eine Standardsituation für ein frühes Tor, um sich den entscheidenden Vorteil zu verschaffen. Gegen die Franzosen hatte Hummels nach einem Kroos-Freistoß in der zwölften Minute eingenickt, nun gegen Brasilien war es Müller, der jedoch 60 Sekunden schneller war - Vorbereiter war auch diesmal Toni Kroos. Für Brasilien war der frühe Rückstand, bei dem Müller ungedeckt am Fünfer zum Abschluss kam, der Anfang vom Ende.

Der Unterschied zum Viertelfinale: In der Mittagshitze von Fortaleza beschränkten sich die Löw-Schützlinge auf das Verteidigen des Spielstandes. Gegen Brasilien spielte Deutschland erbarmungslos weiter und fand in der Seleçao einen angeschlagenen Gegner vor sich, der durch die Öffnung des eigenen Spiels in sein Verderben rannte. Nicht nur war die Mannschaft von Felipe Scolari somit anfällig für das deutsche Umschaltspiel, sie brachte sich zudem mit haarsträubenden Fehlern selbst um die Möglichkeit eines Comebacks. "Brasilien war offenbar bereits nach unserem 2:0 geschockt und hatte keine Lösungen mehr. Wir haben die Verunsicherung dann eiskalt ausgenutzt", meinte Löw in der Nachbetrachtung der Ereignisse. Damit dürfte der Bundestrainer speziell die Situation vor dem 0:4 meinen, als Fernandinho den Ball in der eigenen Hälfte verstolperte und damit Kroos' zweiten Treffer binnen weniger Momente ermöglichte.

Löw: "Mannschaft bleibt auf dem Boden"

Der einzige Wermutstropfen an einem Abend, der besser kaum hätte laufen können, war der Gegentreffer in der Schlussphase. Ganz besonders Torhüter Manuel Neuer hätte wohl lieber zu null gespielt und ärgerte sich über das Tor in letzter Minute. Aber vielleicht kam der Treffer Oscars ja zur rechten Zeit, um die DFB-Elf wachsam ins Finale gehen zu lassen. Der Bundestrainer sieht derweil keine Problematik darin, dass seine Schützlinge nach dem Galaabend von Belo Horizonte die Bodenhaftung verlieren könnten. "Ich spüre, dass die Mannschaft auf dem Boden bleibt und geerdet ist. Man darf sich nie unbesiegbar fühlen", so Löw.

Ansonsten steht für die DFB-Elf in den kommenden ein bis zwei Tagen Regeneration auf dem Programm, darunter fällt auch das Studium des Finalgegners, der am Mittwoch zwischen Argentinien und den Niederlanden (22 Uhr, LIVE! bei kicker.de) ermittelt wird. Und danach heißt es, den "letzten Schritt zu gehen" (Löw). In Rio de Janeiro. Im legendären Maracana. Im Finale der Fußball-Weltmeisterschaft.

kicker-Chefreporter Oliver Hartmann aus Belo Horizonte
Die DFB-Elf gegen Brasilien in der Einzelkritik
Manuel Neuer
Manuel Neuer - kicker-Note 1

In der ersten Halbzeit nahezu beschäftigungslos, dann aber sofort gefordert. Gegen Ramires (51.), Oscar (52.) und zweimal Paulinho (53.) mit großartigen Paraden. Beim Ehrentreffer chancenlos.
© Getty Images

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