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29.06.2014, 00:32

Julio Cesar triumphiert im Elfmeterschießen

Seleçao hält dem Druck von 200 Millionen stand

Ganz Brasilien hielt am Samstag den Atem an. Nach 120 Minuten und einem dramatischen Elfmeterschießen hatte es die Seleçao gegen ein bärenstarkes Chile geschafft, sich fürs Viertelfinale zu qualifizieren. Doch außer dem nimmermüden Neymar ist den Spielern der immense Druck anzumerken. Das Ende war dann der Triumph von Julio Cesar, dem Keeper, den viele nicht wollten. "Wir müssen uns verbessern", stellte Luiz Felipe Scolari nach dem Krimi fest.


Aus Belo Horizonte berichtet Jörg Wolfrum

Brasiliens Keeper Julio Cesar
Matchwinner: Brasiliens Keeper Julio Cesar startet derzeit seine zweite Karriere
© Getty ImagesZoomansicht

"Geweint", habe er, sagte Chiles Pechvogel Gonzalo Jara, der ein Eigentor erzielte und den letzten Elfmeter an den Innenpfosten setzte, nach dem Spiel. Man möchte sich gar nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn Brasilien das knappe Achtelfinale gegen Chile nicht im Elfmeterschießen gewonnen hätte. Sturzbäche hätten sich ergossen, die Zeitung "Hoy" aus Belo Horizonte hatte ja getitelt zu einem Bild des Mineirao: "In diesem Stadion sind heute 200 Millionen Brasilianer!"

Sie durften am Ende jubeln, nachdem sie sich vor Beginn noch etwas daneben benommen hatten, bei der chilenischen Hymne war das. Als die Fans der Roja aus purer Freude am Spektakel einfach das Lied weitersangen, ertönte ein gellendes Pfeifkonzert der rund 50.000 im fast 60.000 Zuschauer fassenden Rund - macht man eigentlich nicht.

Was dann im Anschluss die Seleçao machte, ist indes schon erlaubt: Ein Chancenplus von 12:4 erspielte sich die Mannschaft von Trainer Luiz Felipe Scolari, doch es wurde dennoch episch lange - weil alle Möglichkeiten vergeben oder vom erstklassigen chilenischen Torhüter Claudio Bravo zunichte gemacht wurden: "Es war ein ausgeglichenes Spiel", so der Trainer, in dem "Chile die Niederlage eigentlich nicht verdient hatte, Chile war sehr gut", gab Scolari zu. Solche Ehrlichkeit tut gut, und er gab noch zu: "Alle fühlen den Druck einer WM, auch die Erfahrenen."

Wer so ein Spiel gewinnt, der hat danach viel Selbstvertrauen.Thiago Silva

Kapitän Thiago Silva hatte das am Vortag schon gesagt, nach dem Spiel unterstrich der Abwehrchef erneut: "Das war kein großes Spiel von uns, aber wir haben eben die Erwartungshaltung gespürt." Er, auch wenn es ihm auf dem Platz weniger anzumerken war, und vor allem die Kollegen. Nicht nur beim Elfmeterschießen Willian (vorbei) und Hulk (gescheitert an Bravo) beim Elfmeterschießen.Druck - wie anders ist das Abtauchen des bislang hochgelobten Oscar zu erklären oder Fred oder später Jo? Auch mit der starken Leistung der Chilenen, die dem Gastgeber weit mehr abverlangten als die Gegner in der Gruppenphase. Zudem gab es anders als im Eröffnungsspiel keinen unberechtigten Elfmeter, als diesmal Hulk per Oberarm sein vermeintliches 2:1 vorbereitete. Kapitän Thiago Silva wollte keine Einzelkritik üben, sagte lieber: "Es war kein großes Spiel der Seleçao." Aber, das sei ihm schon wichtig: "Wer so ein Spiel gewinnt, der hat danach viel Selbstvertrauen."

Video zum Thema
kicker.tv Analyse- 29.06., 09:36 Uhr
Brasilien atmet durch: Sieg im Elfmeterkrimi
Im ersten K.o.-Runden-Spiel der Weltmeisterschaft stand der Gastgeber und Topfavorit gleich vor dem Aus: Chile zwang Brasilien ins Elfmeterschießen, in dem Neymar die Nerven behielt und Jara zum doppelten Pechvogel wurde.
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Julio Cesar bedankt sich bei Scolari

Bezeichnend, dass außer dem nimmermüden Neymar dann eben zwei Abwehrspieler die Seleçao im Rennen halten mussten in der regulären Spielzeit: Thiago hatte vor dem 1:0 nach einer Ecke den Ball per Kopf an den langen Pfosten verlängert. Dort stand David Luiz und bedrängte Gonzalo Jara, der so ins eigene Tor traf.

Das Ende war dann der Triumph von Julio Cesar, dem Keeper, den viele nicht wollten, einer dafür ganz bewusst: Trainer Scolari. Der längst zum FC Toronto abgeschobene Torwart hielt zwei Elfmeter, gegen Mauricio Pinilla und Chiles Superstar Alexis Sanchez. "Deshalb habe ich ihn mitgenommen", sagte Scolari, weil er trotz aller Kritik der Medien gewusst habe, dass er sich auf den 34-Jährigen verlassen könne. "Dank an den Trainer", gab der Keeper die Blumen artig zurück. "Meine Karriere war eigentlich schon vorbei." Nun könnte sie mit dem WM-Sieg gekrönt werden. Das letzte Kapitel, so Julio Cesar, "ist noch nicht geschrieben".

 

Machtlos wäre aber auch er gewesen, hätte Chiles Pinilla in der 120. Minute nicht das Gebälk getroffen. Je länger das Spiel gedauert hatte, desto mehr habe Brasilien Angst gehabt, dass es sich mit den vielen vergebenen Chancen noch einmal rächen würde. Tat es dann ja bekanntlich nicht, dennoch: "Wir müssen uns verbessern", sagte Trainer Scolari.

So oder so, Teil eins der Ko-Runde ist überstanden. Allerdings sollten die Brasilianer nicht auf die Statistik blicken: Noch nie wurde ein Team Weltmeister, dass im Achtelfinale ein Elfmeterschießen zum Sieg brauchte. David Luiz war solches egal: "Es war ein Superspiel, eine Superemotion." Und weiter ist der Gastgeber, nur das zählt. Zumindest aus Sicht des Lockenkopfs, der bei der Hymne immer ganz besonders mit Inbrunst singt, und aus Sicht der von der Zeitung "Hoy" gezählten 200 Millionen Fans im Stadion von Belo Horizonte. Also ganz Brasilien.

Weltmeisterschaft, 2014, Achtelfinale
Brasilien - Chile 3:2
Brasilien - Chile 3:2
Party

Der Gastgeber zeigte sich wieder - und mit ihm die Fans, die mit Trommeln schon vorab für Stimmung sorgten.
© Getty Images

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