Selbst im größten Moment blieb er sich treu, der neue Weltmeister-Trainer. Natürlich. Vicente del Bosque ist kein Mann großer Worte, er wählt sie mit Bedacht. Und wie er spricht, so ist er auch. Also hat sich der 59-Jährige nach dem 1:0 gegen die Niederlande auch nicht auf den Boden des "Soccer City" geworfen oder das Hemd vom Leib gerissen. Er hat den Triumph auf seine Art genossen - still.
Dabei hat er ja die Herkulesaufgabe gemeistert und als Nachfolger von Luis Aragones den Europameister von 2008 zum WM-Titel geführt. Aber, so del Bosque, "ich bin keiner, der all seine Emotionen offenbart". Am Vorabend des Finales schimmerte dann doch mal etwas durch: "Lieber stünde ich als Spieler in diesem Endspiel. Aber ich bin auch so ganz zufrieden."
Als er nach der EM Nationalcoach wurde, erfolgte die Ernennung im Konsens, wie ihn kaum einer seiner 49 Vorgänger je hatte. "Menschlich, fachlich sportlich. Del Bosque ist der Richtige", sagte Sportdirektor Fernando Hierro, der den Vertrag mit dem Coach weit vor der WM bis 2012 verlängerte. Dabei waren die Erwartungen seit 2008 riesig. Doch der besonnene del Bosque schaffte den Spagat, sie zu schüren und zugleich als Bremser zu agieren: "Spanien wird weiter Zeichen setzen", sagte er dem kicker im Juli 2008 in einem seiner ersten Interviews als Nationaltrainer. Das hat die "Roja" nun eindrucksvoll getan. "Wir hatten stets vom Titel geträumt", gibt del Bosque zu.
Wenn er in Südafrika über sein Team dozierte, tat er dies nicht selten mit gedrechselten Sätzen. Am meisten gaben oft seine Augen preis. Da blitzte es, und unter dem Schnauzer zeigte sich der Ansatz eines Lächelns, vor allem aber Genugtuung, wenn er etwa erklärte, dass seine Spieler nach der Startniederlage gegen die Schweiz peu a peu "mental wie spielerisch wieder ins Gleichgewicht" gerieten.
Del Bosque mag großväterlich wirken, doch in sich trägt er eine fast kindliche Fußball-Freude: Ob zu Hause in Salamanca, wenn er bei örtlichen Amateur-Klubs beim Training der Kleinsten vorbeischaut, oder im WM-Trainingslager, wo er schon mal aus Begeisterung über eine gelungene Übungseinheit den Ball ins Publikum drosch.
Fußball ist eben nur ein Spiel, wer wüsste das besser als del Bosque. Sein Vater war Eisenbahner und in den Jahren der Franco-Diktatur lange in Haft: "Ich habe gelernt, dass es im Leben oft ungerecht zugeht", sagt der Coach, dessen Bruder früh an Krebs starb. Del Bosque hat drei Kinder, ein Sohn leidet unter dem Down-Syndrom: "Durch ihn habe ich gelernt, Dingen den richtigen Stellenwert beizumessen."
Etwa, als ihn Real Madrids Präsident Florentino Perez 2003 nach sieben Titeln, darunter zwei Siegen in der Champions League, entließ. 35 Jahre Spieler-, Jugend- und Cheftrainerlaufbahn bei Real waren damit nur deshalb zu Ende, weil der 18-malige Nationalspieler dem medialen Perez schlicht zu wenig modern und telegen war. Dabei ist del Bosque bis heute der Einzige, der Reals "Galaktische" dauerhaft in der Spur halten konnte.
Gleiches glückte ihm nun mit der "Roja", weil er, neben aller Organisation und erstklassigen Spielern, "großen Wert auf das Befinden jedes Einzelnen" legte. "Nach jedem Sieg denke ich daran, wie sich die fühlen, die nicht spielten." Daher sei es ihm auch schwer gefallen, vor dem Turnier den Kader einzukürzen: "Ich habe 1978 die WM wegen einer Verletzung im letzten Moment verpasst. Daher weiß ich, was für ein Schlag ein WM-Aus bedeutet."
Dass er aber nicht nur Gutmensch ist, zeigte sich gegen Deutschland, als er den bis dahin guten Pedro nach vergebener Großchance vom Feld nahm. "Ich meditiere stets darüber, was ich mache, was ich bin", sagt del Bosque. Und kommt zum Schluss: "Grenzen sind dazu da, eingerissen zu werden."
Das klingt dann auf einmal doch lautsprecherisch. Aber als Weltmeister darf er das auch. Denn wie sagte er schon zu Real-Zeiten: "Wenn man diese Position erreicht hat, dann muss man wissen, dass die nächste Station nur die Endstation sein kann." Das klingt dann doch wieder ganz realistisch, eben ganz nach Vicente del Bosque.
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