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14.01.2009, 19:11

WM-Held 2002: Oliver Kahn, Deutschland

Vom Titan zum Volkshelden

Oliver Kahn gehört zu den Aushängeschildern des deutschen Fußballs der letzten zwei Jahrzehnte. Er war zweifelsohne einer der besten Torhüter, die dieser Sport jemals hervorgebracht hat. Auf der anderen Seite symbolisierte Kahn aber auch lange Zeit das Bild eines vom Ehrgeiz getriebenen Sportlers, der für den eigenen Erfolg weder sich noch andere schont. Erst später wurde hinter dieser Fassade der Mensch Kahn sichtbar.

Oliver Kahn und Pele
Champions-League-Sieger und bester Spieler des Finals: Keiner Geringerer als Pele überreicht die Trophäe.
© picture allianceZoomansicht

"Die Erkenntnis, dass Fußball kein Martyrium ist, sondern ein Spiel, das Spaß macht und bei dem es Spaß machen soll, sich zu verbessern, diese Erkenntnis hat bei mir länger gebraucht", sagte Kahn im Spiegel-Interview im Mai 2008, wenige Tage vor seinem 557. und letztem Bundesligaspiel (4:1 gegen Hertha BSC). Zu diesem Zeitpunkt war Kahn längst zur Kultfigur in den deutschen Stadien gereift.

Kahn im Fokus des FC Bayern

Dies war nicht immer so. Aufgewachsen in den 80er Jahren, wurde für ihn das Streben nach Erfolg zur Lebensmaxime. Für den Sieg ordnete Kahn fast alles unter, auch sein Privatleben. Wer ihm auf seinem Marsch nach oben im Wege stand, sah er als Feind, beschrieb er einmal die Anfänge seiner Karriere. Sein überragendes Talent, gepaart mit einem eisernen Willen und einem unstillbaren Ehrgeiz ließen ihn schnell in das Blickfeld von Bayern München rücken.

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1994 wechselte er von seinem Heimatverein Karlsruher SC zum deutschen Branchenprimus. Mit den Bayern sollte er anschließend alles gewinnen, was es auf Vereinsebene zu holen gibt. Achtmal wurde er deutscher Meister, sechsmal Pokalsieger. Im Jahr 2001 triumphierte er mit den Bayern in der Champions League (5:4 i.E.). Mit drei gehaltenen Versuchen im Shootout war er der entscheidende Mann und wurde von der FIFA zum "Man of the Match" bestimmt. Im selben Jahr holten die Bayern auch den Weltpokal. Fünfmal wurde er zum besten deutschen Torhüter und dreimal zum Welttorhüter gewählt.

Kahn schont niemanden

Bei den Bayern wurde er aber durch seine egozentrische Art zum Buhmann der gegnerischen Fans. Mit geballter Faust und verzerrten Gesichtszügen bejubelte er Tore. Verbalattacken und etliche fragwürdige Aktionen taten ein Übriges. Berühmt-berüchtigt ist sein Auftritt am 3. April beim 2:2 in Dortmund, als er den damaligen BVB-Stürmer Heiko Herrlich in den Hals "biss" und dessen Kollege Stephane Chapuisat mit einer Kung-Fu-Einlage gefährlich nahe kam. Doch auch Mitspieler bekamen den Zorn Kahns zu spüren. So Andreas Herzog im Jahr 1996, als er im Spiel gegen den VfB Stuttgart von seinem Kollegen gewürgt und durchgeschüttelt wurde.

Trotz Fehlers: Bester Torhüter der WM 2002

Vielleicht kosteten ihm seine Ausfälle ihm auch einige Spiele in der Nationalelf. Erst im Jahr 1998, nach dem Rücktritt von Andreas Köpke, wurde er zur Nummer eins. Seine größte Stunde sollte dann bei der WM 2002 schlagen. Kahn spielte als DFB-Kapitän ein überragendes Turnier und nur ihm war es zu verdanken, dass die deutsche Elf überhaupt bis ins Finale vorstieß.

Unvergessen: Kahn am Pfosten von Yokohama

In Yokohama unterlief ihm dann aber in der 67. Minute der vorentscheidende Fehler, als er einen eigentlich harmlosen Schuss von Rivaldo nach vorne abklatschen ließ. Ronaldo war zur Stelle und traf zur Führung für den späteren Weltmeister Brasilien. Nach dem Abpfiff der Partie sahen die Zuschauer einen untröstlichen Oliver Kahn, der am Pfosten lehnte und leeren Blickes in das Rund von Yokohama schaute. Nur wenig Trost schöpfte er aus der Tatsache, dass er bereits zuvor zum besten Spieler des Turniers gewählt wurde. Als erster und bisher einziger Torhüter wurde ihm diese Ehre zuteil.

Ich bin richtig erschrocken, als diese Szene dann zeitversetzt auf dem Monitor im Olympiastadion gezeigt wurde. Auf einmal ging ein Riesenapplaus über die Ränge. Das war ein Moment, der war viel größer als die eigenen Eitelkeiten oder egomanischen Verhaltensweisen.Oliver Kahn im Spiegel über die Szene, als er Jens Lehmann die Hand reichte


Das Bild des am Pfosten lehnenden Kahns stand am Anfang seiner Wandlung in der öffentlichen Wahrnehmung. Ursprünglich wollte Kahn seinen Fehler bei der Heim-WM 2006 wieder wett machen. Doch dazu kam es nicht, da sich der damalige Bundestrainer Jürgen Klinsmann für Jens Lehmann als neue Nummer eins entschied. Als alle dachten, dass Kahn aus gekränktem Stolz hinschmeißen würde, sorgte er für die größte Überraschung seiner Karriere. Er nahm die Rolle als Ersatzkeeper an und stellte sich ganz in den Dienst der Mannschaft.

Oliver Kahn und Jens Lehmann
Die Szene, die bleibt: Oliver Kahn reicht Jens Lehmann die Hand.
© picture alliance

Und dann passierte das Unerhörte. Im Viertelfinale gegen Argentinien (4:2 i.E.) reichte er vor dem Elfmeterschießen seinem Rivalen Lehmann die Hand und wünschte ihm alles Gute. Ganz Fußball-Deutschland staunte und applaudierte. Und als er im Spiel um Platz drei gegen Portugal (3:1) nach 86 Einsätzen seinen Abschied aus der Nationalelf feierte, wurde er vom Stuttgarter Publikum frenetisch gefeiert. Aus dem Ich-bezogenen Titan wurde endgültig ein Volksheld.

14.01.09
 
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