"Schlacht am Rio de la Plata", das "Bruderduell" - die Erwartungen an das entscheidende WM-Qualifikationsspiel zwischen Uruguay und Argentinien kannten keine Grenzen. Was dann aber tatsächlich in Montevideo ablief, war alles andere als eine Schlacht. Uruguay begann zwar mutig und hatte durch Scotti eine gute Kopfballchance, doch auch der Gastgeber wurde immer passiver.
Das blieben die Gauchos von vornherein. Ballzauberer Messi hatte seinen Zauberstab anscheinend in Barcelona gelassen, wo er regelmäßig groß auftrumpft. Vom "Floh" kamen keine Impulse - was allerdings für Spielmacher Veron oder Reals Gonzalo Higuain genauso galt. Lediglich die Abwehr mit dem Münchner Martin Demichelis gab auch in der zweiten Hälfte eine gute Figur ab, seine Kollegen und er erstickten die zaghaften Angriffsversuche der Uruguayer meist im Keim. Da half auch die fantastische Atmosphäre auf den Rängen nichts.

Viel Leerlauf also in Montevideo. Zum Knackpunkt kam es so erst in der 85. Minute: Uruguays Caceres sah die Gelb-Rote Karte, beim anschließenden Freistoß fiel der Ball nach einer unübersichtlichen Situation vor die Füße von Bolatti, der das 1:0 erzielte - Maradona hatte den 24-Jährigen gerade erst eingewechselt. Die Hand Gottes hatte ihr glückliches Händchen bewiesen. Der Rest war Freude pur bei der Albiceleste.
Auf der anschließenden Pressekonferenz nahm Diego Maradona einmal mehr kein Blatt vor dem Mund - und zog vor allem über die heimische Presse her, die ihn zuletzt mit ihrer Kritik aufs Korn genommen hatte. "Sie haben mich wie Abfall behandelt", wetterte Maradona, um dann unter die Gürtellinie zu zielen: "Ihr könnt mir einen blasen - die Damen mögen das entschuldigen." Ein in Argentinien eher geflügelter Begriff, dennoch: Die Tageszeitung "Nacion", die Maradona zuletzt heftig kritisiert hatte, reagierte nach dem Spiel prompt in einem Kommentar. "In jedem anderen Betrieb wäre man nach solch einer Aussage entlassen worden", so der Wortlaut. Dies droht Maradona jedoch offenbar nicht. Zumindest rücken die argentinischen Medien ganz klar das Sportliche in den Mittelpunkt. Am Freitag kündigte dann jedoch der Fußball-Weltverband FIFA an, dass ein Verfahren gegen Maradona eröffnet werden soll. Verbandschef Joseph Blatter sagte am Rande der U-20-WM in Kairo: "Die Berichte, die wir bislang bekommen haben, lassen uns keine andere Alternative als den FIFA-Disziplinarausschuss zu bitten, ein Verfahren gegen den Trainer Diego Armando Maradona zu eröffnen." Maradona droht eine Geldstrafe von bis zu 30.000 Dollar (20.000 Euro) und/oder eine Sperre.
Der einstige Weltklassespieler hatte nach dem Derby keinerlei Selbstkritik auf der Pressekonferenz geübt. Er habe den Job übernommen, "um eine Mannschaft nach vorne zu bringen und diese Mannschaft hat mich heute bestätigt." Mit dem WM-Ticket in der Tasche konnte er die zum Teil blamablen Leistungen der vergangenen Monate erfolgreich verdrängen. Auch tags darauf zeigte sich "El Diez" nicht gerade einsichtig. Gegenüber dem Radiosender "Continental" erklärte er, sich keinesfalls entschuldigen zu wollen. "Diejenigen, die kritisieren, scheinen Anti-Argentinier zu sein und wollen die Seleccion nicht bei der WM. Und das verzeihe ich ihnen nicht", sagte Maradona.
Für die Vehemenz seiner "Kritik an seinen Kritikern" bat um Nachsicht bei denjenigen, "die sich verletzt fühlen". Verständnis zeigte Argentiniens Verbandspräsident Julio Grondona. "Jeder kann in bestimmten Momenten Dinge sagen, die ihm später leid tun. Man muss ihn respektieren", erklärte Grondona.
Durch den argentinischen Sieg war der Weg für Ecuador frei, das Uruguay mit einem Erfolg in Chile noch vom Relegationsplatz fünf hätte verdrängen können. Doch Chiles argentinischer Nationaltrainer Marcelo Bielsa machte sein Versprechen wahr, nichts herzuschenken. Arturo Vidal (Leverkusen) und seine Kollegen gewannen dank des Treffers von Humberto Suazo (53.) mit 1:0. Somit bleibt die Tabelle der Eliminatorias unverändert. Argentinien hat sich direkt qualifiziert, Uruguay muss in die Relegation. Dort treffen die "Himmelblauen" auf Costa Rica, das die Qualifikation in der CONCACAF-Gruppe mit Platz vier abschloss. Bereits zu den Weltmeisterschaften 2002 in Südkorea und Japan sowie 2006 in Deutschland musste Uruguay durch die Play-Offs gehen. Beides Male war Australien der Gegner, den man 2001 noch bezwingen konnte, 2005 allerdings den Kürzeren zog.
An der Tabellenspitze sicherte sich Brasilien indes den für die WM-Quali bedeutungslosen Gruppensieg, ohne allerdings beim 0:0 gegen Venezuela zu glänzen. Die Selecao profitierte viel mehr von der 0:2-Niederlage Paraguays gegen Kolumbien, zu der Herthas Stürmer Adrian Ramos den ersten Treffer beisteuerte.
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