Heiliger Abend ist am 29. Oktober. Der Vorabend des Tages, an dem der "Erlöser" zur Welt kam. Der höchste Feiertag der Glaubensgemeinschaft ist jedoch der 22. Juni. Denn an jenem Tag im Jahre 1986 zeigte der "Allmächtige" sich in seiner vollen Größe. Damals geschah das Wunder.
Innerhalb von zwölf Sekunden tanzte Diego Armando Maradona sechs Gegner aus. Es war das Viertelfinale der WM in Mexiko, und mit seinem genialen Solo zum 2:0 schickte Argentiniens Kapitän die - vier Jahre nach dem Falklandkrieg - am Rio de la Plata noch immer verhassten Engländer in die Hölle. Und seine Heimat zugleich in den siebten Himmel. Die Schmach des verlorenen Waffengangs war getilgt.
Am Obelisken, dem Wahrzeichen von Buenos Aires, trafen sich die Normalsterblichen spontan zur nationalen Freudenfeier. Auch, weil den Argentiniern zuvor bereits die "Hand Gottes" zu Hilfe geeilt war - und mit dem 1:0 den für das nationale Selbstbewusstsein so überaus wichtigen Triumph erst eingeleitet hatte.
Wunderdinge dieser Art sind es, die auch im Jahr 50 n. D. das Heer der Maradona-Gläubigen in Argentinien nicht schwinden lassen. Nicht nur in Buenos Aires, der Geburtsstadt des Angebeteten. Auch in Rosario.
Dort war Maradona Anfang der Neunziger den Menschen für ein paar Wochen im Dress der Newell's Old Boys erschienen. In der "Iglesia Maradoniana" treffen sich auch im Jahr 50 nach der Geburt Diegos noch immer regelmäßig Dutzende Jünger und huldigen ihrem "Dios". "Diego ist der Gott unserer Herzen", erklärte Alejandro Veron, Gründer der Maradonianer-Sekte.
Zigtausende eingeschriebene Mitglieder hat die Gemeinde. "El Diego - Mein Leben" heißt ihre Bibel. Das ist Maradonas Autobiografie, erschienen zu dessen 40. Geburtstag. Zehn Gebote gibt es auch. Das dritte ist das wichtigste: "Stehe zu Diego, was immer geschehe", sagt Alejandro.
Und das tun sie dann auch. Erst recht in den schlechten Zeiten.
Schließlich sei Maradona "argentinische Folklore". Was der Maradonianer-Gründer meint: "Maradona gehört uns allen." Noch immer folgen sie daher in Heerscharen ihrem Fußball-Gott.
Als der damals 43-Jährige mit Herzproblemen in ein Krankenhaus in Buenos Aires eingeliefert wurde, ging auf der Avenida Pueyrredon davor nichts mehr. Hunderte kamen, am Abend waren es weit über tausend. Besetzten Vorplatz, Gehweg und Straße - und blieben teils wochenlang. Bis Diego entlassen wurde. Richteten sich in Bushaltestellen ein, zündeten Kerzen an und beteten für ihren mit dem Tod ringenden Helden. Briefe und Blumen, Poster und Plüschtiere. Vor dem Buckingham Palace sah es nach Dianas Tod auch so aus.
Radio- und TV-Stationen berichteten rund um die Uhr. Wie während der WM 1986 oder, Jahre später, als Maradona wegen eines Drogenvergehens vor laufender Kamera festgenommen wurde.
So war es immer. Was Maradona sagt, macht oder auch unterlässt (vor allem einen dem kranken Herzen angemessenen Lebenswandel), ist in Argentinien fast schon von nationaler Bedeutung. Als Maradona sogar den Papst übel beschimpfte, drohte zwar nicht die Exkommunikation. Die Beziehungen zum Vatikan zu kitten, bedurfte es jedoch allerhand diplomatischen Geschicks. Doch um Außenwirkung hat sich Maradona ohnehin noch nie geschert. Auch das lieben sie so an ihm.
Eduardo Damboriana erklärt es so: "Er verbiegt sich eben nicht", weiß der Maradona-Anwalt. Vor Jahren machte sich der Ex-Fußballer darüber lustig, bei der WM 1990 habe man den brasilianischen Nationalspieler Branco mit einem Schlafmittel außer Gefecht gesetzt: Das deutlich schwächere Argentinien gewann das Spiel gegen den Erzrivalen mit 1:0.
Wahrheit oder Dichtung? Wer weiß das schon. Auch Maradona nicht. Ohnehin - es ist ihm egal. Doch die Idee, die findet er "gut". Und klatscht sich, zur Freude des Moderators, grienend auf die Schenkel.
So ist er eben: "Er nimmt nie ein Blatt vor den Mund", sagt Damboriana. Das ist vor allem für den "kleinen Mann" wichtig: Wenn der einstige "Goldjunge" mit seiner ureigensten Mischung aus Patriotismus, Stolz und Bauernschläue gegen Politiker, die FIFA, die ungeliebten USA oder die verhassten internationalen Konzerne wettert, dann kommt das an. Auch, weil bei Maradona meist die anderen schuld sind. Und Argentinier eigenen Misserfolg ohnehin gerne auf böse Mächte schieben.
Zudem braucht es in Krisenzeiten Helden. Und weil der Pampa-Staat seit Jahrzehnten von einer wirtschaftlichen Unpässlichkeit und politischen Extremsituation in die nächste taumelt, bleibt vielen nur der Glaube an die Mythen. Evita, Che Guevara, Gardel, der Tangokönig. "Von den Lebenden kann da nur Diego mithalten", weiß Damboriana.
Kaum eine Rockband, die keine Diego-Hymne im Repertoire hätte. In den Stadien des ganzen Landes intonieren Maradona-Jünger noch immer regelmäßig und minutenlang "Maradooo, Maradooo". Graffiti im ganzen Land preisen ihn ohnehin als "Größten aller Zeiten".
Und nun ist der Weltmeister von 1986 wieder Hoffnungsträger. Einer, der sich vor Jahren nach Herzanfall und künstlichem Koma selbst aus dem Krankenhaus entließ, Journalisten sein nacktes Hinterteil zeigte, einen Rückfall erlebte, 133 Tage in eine psychiatrische Anstalt gesteckt wurde (Maradona: "Die schlimmste Zeit meines Lebens. Es war wie in 'Einer flog über das Kuckucksnest'."), mit Selbstmord drohte und schließlich auf richterlichen Beschluss zu seiner 20-jährigen Freundin Adonay Frutos nach Kuba ausreisen durfte. In ihm stecken nun wieder die Hoffnungen eines ganzen Landes.
Ende Oktober 2008 übernahm Maradona das Amt des argentinischen Nationaltrainers. In dieser Funktion unerfahren, führte er die Albiceleste durch eine holprige Qualifikation, mit spätem Happy End. Jedoch nicht, ohne erneut für einen Skandal zu sorgen, nachdem das Ticket für Südafrika gebucht war.
Der Weltmeister von 1986 hatte nach dem 1:0-Erfolg in Uruguay im Oktober und der dadurch im Schlussspurt gerade noch geglückten Qualifikation für die WM 2010 in Südafrika Journalisten und Kritiker bei einer live im Fernsehen gezeigten Pressekonferenz mit einem ordinären Wutausbruch beschimpft. Zudem sorgte er mit weiteren vulgären Aktionen für Empörung. Dafür ist er von der FIFA für zwei Monate gesperrt worden.
Jörg Wolfrum/mas
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