Kandidat für den Ballon d'Or und/oder Europas Fußballer des Jahres

Schlüssel Griezmann: "Ohne Kollektiv bist du nichts"

WM - 16.07. 14:00

Als der Schlusspfiff im Luschniki-Stadion ertönte und es Gewissheit war, dass diese französische Mannschaft sich zur besten der Welt gekrönt hatte, da sank Antoine Griezmann auf die Knie, vergrub den Kopf und ließ hemmungslos seinen Tränen freien Lauf. Schon nach dem Halbfinalsieg gegen Belgien war der Angreifer emotional berührt wie kein anderer dieses Teams.

Aus Moskau berichtet Mounir Zitouni

Ergriffen und in Jubelpose. Antoine Griezmann. © imago

"Ich will unbedingt diese Trophäe in den Händen halten. Dafür arbeite ich seit Beginn dieser Saison", hatte Griezmann nach dem Belgien-Sieg gesagt. Am Sonntag ließ er seinen Worten Taten folgen . Griezmann war der französische Schlüssel zum Sieg. Er holte den Freistoß vor dem 1:0 heraus, schlug anschließend den Ball, den Mario Mandzukic ins Tor bugsierte, er servierte die Ecke, die zum Elfmeter führte, verwandelte diesen dann eiskalt, schließlich legte er nach einer perfekten Ballannahme für Paul Pogba auf, der zum vorentscheidenden 3:1 traf.

Doch nicht nur wegen dieser spielentscheidenden Szenen war der Angreifer herausragend. Griezmann fühlte sich als Freigeist neben Stoßstürmer Olivier Giroud pudelwohl; er presste, ließ sich fallen, gab dem französischen Angriffen mit klugen Pässen Struktur und Wucht.

Ohne Griezmann kein Weltmeister

Der Spieler selbst hatte nach der Kritik an seinen Auftritten in der Vorrunde gesagt, er fühle sich immer besser, in der K.o.-Runde werde er da sein. Das war er. Der Erfolg der Franzosen wäre ohne Griezmann nicht möglich gewesen.

"Ich sehe immer das Kollektiv als Erstes, ohne dieses Kollektiv bist du nichts, das hat diese WM gezeigt."

Antoine Griezmann

Nach stotterndem Start hatte er am Ende des Turniers vier Tore und zwei direkte Assists zu verzeichnen. Nach der Generation Platini und Zidane, voilà die Generation Griezmann. Der Spieler selbst mag solche Vergleiche nicht, doch der Mann von Atletico steht exemplarisch für den Geist des neuen Weltmeisters. Der Einzelne muss sich unterordnen, nur in der Gemeinschaft ist der ganz große Erfolg möglich. "Ich sehe immer das Kollektiv als Erstes, ohne dieses Kollektiv bist du nichts, das hat diese WM gezeigt", lauteten die Worte von "Grizou".

Für Deschamps ist der Angreifer der perfekte Führungsspieler. Starke individuelle Klasse, ehrgeizig und dabei immer das Ganze im Blick habend. "Antoine hat große Demut, er weiß, dass er das Kollektiv braucht. Aber es gibt Individualisten wie ihn, die eine Qualität haben, auf die man nicht verzichten kann, die den Unterschied machen", lobte ihn der Trainer am Sonntag. Doch der Spieler blieb sich treu. "Ihr kennt mich", rief er den Journalisten zu, als der "Man of the Match" über seine Leistung sprechen sollte. "Das bin nicht ich. Das sollen andere tun. Wir sind eine echte Mannschaft, alle haben für das Kollektiv gearbeitet, das war das Geheimnis unseres Teams. Wir waren eine echte Mannschaft, wegen dieser Stärke waren wir erfolgreich. Und darauf bin ich sehr stolz."

Griezmann: Ballon d’Or und/oder Europas Fußballer des Jahres

Es ist das Jahr des Atletico-Stürmers, der noch nie in der französischen Liga gespielt hat, da er in der Jugend nach Spanien gegangen war. Erst das gewonnene Europa-League-Finale gegen Marseille , nun der WM-Titel. Dank seiner Leistungen ist Griezmann auch ein heißer Kandidat für den Ballon d’Or und/oder Europas Fußballer des Jahres. "Das liegt nicht in meinen Händen", antwortete er lapidar auf eine entsprechende Frage. Am Montag ging es dann für Griezmann und Co. nach Paris, wo hunderttausende die Mannschaft feiern wollen.

20 Jahre nach dem ersten globalen Triumph hat das Land eine Begeisterungswelle erfasst. Didier Deschamps kennt das, er weist aber darauf hin: "Mein Sohn ist 22 Jahre alt. Er hat das 1998 nicht verstanden. Es ist schön, dass nun diese Generation das auch erleben darf." Die Fans feiern, die Spieler feiern, ein ganzes Land ist im Fußball-Taumel. "Die Spieler wissen nicht, was es bedeutet, Weltmeister zu sein", erzählte Deschamps nach dem 4:2 gegen Kroatien. "Ich sagte meinen Spielern zwei Dinge: Erstens, ihr 23 Spieler seid nun für euer Leben miteinander verbunden. Und zweitens: Ab heute seid ihr nicht mehr die gleichen, denn ab sofort seid ihr Weltmeister. Es verändert euer Leben."

Deschamps im Olymp: "Zirkel ist sehr begrenzt"

Auch für Deschamps hat sich mit diesem Sieg einiges verändert. Nach dem verlorenen Champions-League-Finale mit AS Monaco gegen FC Porto 2004, der Endspielniederlage bei der EURO 2016 gegen Portugal hat er nun als Trainer sein erstes großes Finale gewonnen. Damit steigt er in den Olymp der Sieger auf. Nur Mario Zagallo und Franz Beckenbauer war es zuvor gelungen als Spieler und als Trainer Weltmeister zu werden. "Das freut mich, das ist ein persönlicher Stolz, denn dieser Zirkel ist sehr begrenzt. Aber ich freue mich mehr für die Spieler. Ich bin stolz auf diese Mannschaft, aber natürlich auch auf mich."

Die Kritik am Spielstil seiner Mannschaft tat Deschamps mit zwei Sätzen ab: "Ist Frankreich ein schöner Weltmeister? Wir sind Weltmeister, Punkt und werden nun auf dem Dach der Welt für vier Jahre stehen."

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