Kroaten zwischen Stolz und Enttäuschung

"Manchmal gewinnt eben nicht der Bessere"

WM - 16.07. 08:28

Dejan Lovren und Luka Modric vom Vize-Weltmeister wissen nach der Niederlage nicht so genau, wo sie mit ihren Gefühlen hinsollen.

Aus Moskau berichtet Jörg Wolfrum

Von der Niederlage gezeichnet: Luka Modric (li.) und Dejan Lovren. © imago

Ein paar Tage erst ist es her, da hatte Dejan Lovren den erstmaligen Finaleinzug von Kroatien in der WM-Geschichte in die Historie des Landes gesetzt, "in den großen Rahmen", wie er gesagt hatte, nach dem 2:1 nach Verlängerung im Halbfinale gegen England an genau derselben Stelle. Kroatien könne stolz sein auf so vieles, was sein Heimatland erreicht habe in den Jahren seit der Unabhängigkeit. Nun, nach dem mit 2:4 verlorenen WM-Finale gegen Frankreich sagte er im Luschniki-Stadion von Moskau dies: "Kroatien kann auf diese Mannschaft stolz sein. Stolz darauf, was wir erreicht haben. Auch ich bin stolz. Wir sind die Zweitbesten der Welt." Doch der Abwehrchef gab auch zu: "Ich habe gemischte Gefühle, wir haben besser gespielt als der Gegner." Aber der Gegner hat gewonnen, ist Weltmeister. Frankreich. Er wisse daher noch nicht so genau, wohin mit seinen Gefühlen. "Eine Sekunde bin ich enttäuscht, dann wieder stolz. Wir werden ein paar Monate brauchen, das einzuordnen."

Dem neuen Weltmeister warf er vor, "nur abgewartet und die Tore erzielt zu haben. Das ganze Turnier über". Das mag ein wenig hart klingen, war aber so weit nicht entfernt vom Dargebotenen. Sachlich, nüchtern und überfallartig, so agierte der neue Weltmeister, nicht nur am Finalabend. Und vertrauend auf seine tollen Individualisten. Allerdings hatte sich Kroatien auch selbst um Mehr gebracht. Zum einen machte man nicht die Tore in der Drangphase, etwa nach der Pause, der Frankfurter Ante Rebic scheiterte dabei an Hugo Lloris. Zum anderen war das ja das frühe Eigentor von Mario Madzukic, dem jedoch ein strittiger Freistoß vorausging, einer den man in der Tat nicht pfeifen muss.

Lovren: "Es schmerzt persönlich"

Was Lovren daher vor allem schmerzt, ist die verpasste Chance: "Ich würde wünschen, wir wäre alle noch 24, vor allem Luka (Modric). Es gibt eine Zeit, wo alles zu Ende geht." Er hoffe daher, das Team könne noch einige Jahre zusammen weitermachen. "Ich glaube, ich kann noch." Er ist 29. Aber sein Kapitän ist bereits 32, der kongeniale Ivan Rakitic 30, Mandzukic 32. "Es schmerzt, es schmerzt persönlich", gab Lovren daher etwas sein Innenleben preis. "Erst das Champions-League-Finale mit Liverpool, nun dieses Finale. Das wird mich mein Leben lang begleiten. Es gibt nicht viele Spieler, die die beiden größten Endspiele in gut einem Monat verlieren."

Das andere Finale, das der Champions League, das hatte Kapitän Luka Modric zumindest gewonnen mit Real Madrid gegen Liverpool und Lovren. Doch Modric hatte am Abend des WM-Finales nur die Nationalelf im Blick: "Wir können stolz sein auf das, was wir erreicht haben, heute und im ganzen Turnier." Man habe "alles versucht. Und wahrscheinlich werden wir erst in einiger Zeit realisieren, was wir in diesen Wochen geschafft haben".

Der Elfmeter als "kritischer Moment"

Der große Antreiber bei den Kroatien im Mittelfeld, der Kapitän und Kopf der Mannschaft wirkt ja auch im Triumph, und den hat man oft erlebt mit dem Profi von Real Madrid, nicht gerade überschwänglich. Daher musste man schon genau hinhören im Luschniki, um bei dem 32-Jährigen die Leere angesichts des verpassten WM-Titels zu spüren. "Wir sind nicht enttäuscht, aber wir sind sehr traurig", gestand der Mannschaftsführer, dem vor allem das Wie der Niederlage zu denken gab. Vor allem zwei knappe Entscheidungen, die noch vor der Pause zum 2:1 für Frankreich geführt hatten. "Ich habe den Elfer nicht gesehen. Aber mir wurde gesagt, das sei keiner gewesen. Ein unbeabsichtigtes Handspiel. Das kann man in so einer Situation nicht machen." Lovren: "Ich war sicher, dass er den Elfer nicht geben würde." Kollege Perisic habe nicht konnte nicht reagieren, er konnte nichts machen. "Das war das kritische Moment", meinte auch Lovren.

Der argentinische Schiedsrichter Nestor Pitana hatte nach Studium der Videoanalyse auf Elfmeter entschieden nach dem Handspiel von Ivan Perisic. Eine harte, aber vertretbare Entscheidung. Antoine Griezmann ließ sich die Chance nicht nehmen. "Das war der Wendepunkt des Spiels, in einem Moment, als wir es dominiert hatten", ärgerte sich der Kapitän.

Hadern mit den Schlüsselmomenten

Damit nicht genug aus Sicht von Modric: "Der Freistoß vor dem 1:0 war für mich kein Foul." Ein Tackling von Marcelo Brozovic gegen Griezmann, das tatsächlich nicht wirklich freistoßwürdig war. "Wir können es nicht mehr ändern." Doch auch dies: "Schiedsrichter haben keinen leichten Job."

Größe auch in der Niederlage, darum hatte sie auch Nationaltrainer Zlatko Dalic gebeten. Noch auf dem Platz, unmittelbar nach dem Schlusspfiff. Ist ja gar nicht so leicht, wenn man, wie Modric bei den Königlichen von Real Madrid, an das Titelsammeln gewöhnt ist. "Momente entscheiden nun mal ein Spiel. Und die Schlüsselmomente waren auf Seiten der Franzosen."

Was Modric und Kollegen mitnehmen und wovon sie zehren könnten, so der Kapitän: "Wir waren das bessere Team und haben verloren. Oder zumindest waren wir gleich gut. Das ist zumindest unser Gefühl." Wie hatte Lovren gesagt? "Gemischte Gefühle. Dennoch: Ich bin stolz, wir gaben alles. Manchmal gewinnt eben nicht der Bessere." Zumindest nicht schlechter gewesen zu sein als der Weltmeister, das wird haften bleiben bei denen, die genau hingucken. Aber die sehen auch die tollen Protagonisten bei Frankreich. Es kann eben nur einer gewinnen. Den Preis für den besten Spieler dieser WM? Lovren sieht die Auszeichnung bei Modric gut aufgehoben. Der jedoch schränkte selbst ein: Nicht, dass er diesen Titel nicht möge. "Eine schöne Auszeichnung", so der Gelobte. "Aber den WM-Titel hätte ich mir mehr als alles andere gewünscht."

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