Ein Kommentar von Mounir Zitouni

Deschamps' Arbeit wird weitergehen

WM - 15.07. 20:43

Um 20.32 Uhr russischer Zeit war es soweit. Im strömenden Regen reckte der französische Kapitän Hugo Lloris die WM-Trophäe in den wolkenverhangenen Himmel von Moskau. Frankreich ist Weltmeister. Völlig verdient. Ein Kommentar von Mounir Zitouni.

Sieht sich als Weltmeister neuen Herausforderungen gegenüber: Didier Deschamps. © Getty Images

Wer sechs von sieben Spiele in der regulären Spielzeit gewinnt (dazu ein 0:0 gegen Dänemark zum Abschluss der Vorrunde), wer Kaliber wie Argentinien, Uruguay, Belgien und Kroatien aus dem Weg räumt, wer 14 Tore im Turnier erzielt, wer einen Gegner wie Kroatien im Finale nach der Pause wie ein TGV-Express überrollt, der darf nach viereinhalb Wochen völlig zurecht den Weltpokal empfangen.

Es ist der zweite Titel nach 1998 und es dürfte keine allzu gewagte Wette sein, wenn man voraussagt, dass es keine weiteren 20 Jahre bis zu einem dritten Titel dauern wird. Aus heutiger Sicht scheint es völlig absurd zu sein, dass diese Nation 65 Jahre auf die erste Finalteilnahme bei einer WM warten musste. Dabei war es Frankreich gewesen, das schon bei der ersten Turnierrunde 1930 als eines von vier europäischen Ländern die lange Reise nach Uruguay auf sich nahm, dort das erste Spiel einer WM überhaupt gegen Mexiko absolvierte und gewann (4:1). Diese Nation hat schon immer den Fußball geliebt und doch mussten die Franzosen bis Ende des vergangenen Jahrhunderts warten bis es zum Urknall kam. Anders ist der Triumph von Zidane und Co. 1998 nicht zu bewerten. Denn, was sich seit dem Ende der 90er-Jahren im vergangenen Jahrhunderts im französischen Fußball getan hat, ist phänomenal. Keine Nation war seitdem erfolgreicher: WM-Titel 1998, EM-Sieg 2000, WM-Finale 2006, Euro-Endspiel 2016 und jetzt tatsächlich wieder die Wiederholung des globalen Triumphes.

Die Gründe für Frankreichs Erfolg

Die Gründe liegen auf der Hand: Die Talentsichtung jenseits des Rheines sucht ihresgleichen, das Reservoir an jungen Top-Akteuren dadurch schier unerschöpflich. Dazu kommt auch eine zentrale Struktur, die mit dem nationalen Fußballzentrum in Clairefontaine zur Brutstätte des französischen Erfolges geworden ist. Das Land profitiert zudem von der historischen Verbindung, weil kolonial, in viele Länder auf der südlichen Hälfte der Erdkugel, die unendlich viele begabte Kinder und Jugendliche nach Frankreich führte, wo der Fußball oftmals der einzige Weg zu sein scheint für einen gesellschaftlichen Aufstieg. Die französische Jugend lechzt nach Fußball. In der Startelf in Moskau waren sechs Spieler 25 Jahre oder jünger, dazu kamen sieben weitere junge Akteure auf der Bank. Und Youngsters wie Kingsley Coman oder Anthony Martial sind dabei noch nicht einmal berücksichtigt.

Für Nachschub ist gesorgt

Frankreich hat eine goldene Zukunft vor sich und muss sich um Nachschub aus den Jugendinternaten der Profiteams im Lande nicht sorgen. Doch es gab 1990 schon mal einen Weltmeister, der davon ausging, auf Jahre unschlagbar zu sein. Das traf damals nicht ein. Auch die Franzosen werden merken, dass man als Weltmeister anderen, neuen Herausforderungen gegenübergestellt ist. Doch mit Didier Deschamps hat die Equipe Tricolore einen Trainer, der nach dem WM-Triumph 1998 als Kapitän Teil einer Mannschaft war, der genau diese Aufgabe meisterte und zwei Jahre nach der Weltmeisterschaft auch die EM gewann. Deschamps Arbeit wird weitergehen. Und wer ihn kennt, weiß, dass er keinen Zentimeter nachlassen wird. Sein Ziel wird es nun sein, diese Mannschaft weiterzuentwickeln, eventuelle Abgänge wie Olivier Giroud, Steven Mandanda oder Blaise Matuidi mit jungen Akteuren zu ersetzen, um 2020 als amtierender Weltmeister die EURO zu gewinnen. Doch das ist noch Zukunftsmusik. Am Sonntagabend ging es erst einmal ums Feiern. In Moskau und vor allem in Frankreich.

Mounir Zitouni © kicker

Dass die Spieler eine gefühlte Ewigkeit darauf warten mussten, dass die Führung der FIFA, dazu die Staatschefs aus Russland, Kroatien und Frankreich endlich so weit waren, um die Ehrung durchzuführen, das blieb nur ein Randaspekt. Eigentlich sollten Weltmeister keine 30 Minuten warten, um den Pokal zu empfangen. Doch die Franzosen ließen sich ihre gute Laune selbstverständlich nicht nehmen, sie feierten im Moskauer Regen wie ausgelassene Kinder, rutschten auf dem nassen Rasen entlang, liefen mit Fahnen und Fähnchen durch das Rund. Es waren die schönsten Bilder dieses denkwürdigen Abends, der für Frankreich eine Gewissheit brachte: Wir sind die Besten der Welt. Mal sehen, wie diese Mannschaft damit umgehen wird.

weitere News und Hintergründe