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15.07.2018, 12:58

Unterwegs in Russland

Was wird aus den Leitplanken?

Die WM in Russland neigt sich langsam aber sicher dem Ende zu: Nach fünf Wochen bleiben vor allem die Erlebnisse mit Menschen zwischen Mut und Machtlosigkeit.


In Russland unterwegs: kicker-Reporter Jörg Wolfrum

Immer wieder in Russland zu sehen: Aufmerksame Polizisten.
Immer wieder in Russland zu sehen: Aufmerksame Polizisten.
© imagoZoomansicht

Selbst wenn man den Weg nicht gewusst hätte, man hätte ihn nicht verfehlen können: Heerscharen an Polizisten standen Spalier am Freitagabend nach dem Konzert von Guns n'Roses im Spartak-Stadion von Moskau und bildeten fast schon einen Korridor, durch den man zurück Richtung Metro-Station musste. Man hätte den Weg auch so gefunden, man war klaren Geistes, Bier war beim Konzert nicht ausgeschenkt worden, Wodka erst recht nicht.

Manchem mag das auf die Stimmung geschlagen haben, der Funke sprang jedenfalls nur selten über von Axl und Slash zum Publikum. Nicht mal zwischen denen in den ersten Reihen und der Band, vermeintliche VIPs zogen gar schon vor dem Ende ab, wurde einem später gesagt. Vielleicht wollten sie ja auch nur dem Spalier an Polizisten entkommen.

Den Einsatzkräften entkam man bei dieser WM nie, muss ja nicht schlecht sein, lieber auf einen Polizisten treffen, denn auf einen Bösewicht. Sie mischten sich, natürlich, auch Undercover unter die Passanten, der Kollege Mounir hat das mal beobachtet, raus aus dem Einsatzwagen und rein ins Getümmel. Und natürlich standen die Einsatzkräfte auch stellvertretend: als sichtbare Vertreter einer unsichtbaren Obrigkeit.

Big Brother guckt offenbar überall zu

Hat man in diesen fünf Wochen je einen Menschen über eine rote Ampel laufen sehen, selbst wenn kein Verkehr war? Man erinnert sich nicht. Vielmehr aber daran, dass da Leute selbst spät am Abend noch warteten, bis die rot leuchtenden 30, 40 oder gar 50 Sekunden an den Ampeln runtergezählt waren. Big Brother guckt offenbar überall zu, so muss es sein, da traut sich die Bevölkerung nicht mal zu nachtschlafender Zeit ohne Autorisation über die Straße.

Mag eine Nebensächlichkeit sein. Aber da ist offenbar was eingerammt worden ins Bewusstsein, einem Pflock gleich: nur nicht ausscheren. Einmal sprach man mit einem Menschen, wir nennen ihn daher lieber nicht, der sich fragte, warum mehrheitlich weiterhin ein Präsident gewählt werde in diesem WM-Land, obwohl in diesem Land jenseits der WM doch vieles im Argen liegt. Freiheiten, nicht nur der Medien, oder auch eine soziale Schere, hier die Superreichen, dort die Superarmen. Ein anderer, auch ihn nennen wir nicht, erklärte, er dürfe mit Blick etwa auf Russlands Fußballer alles kritisch anmerken, nur nicht in Sachen (Sport-)Politik.

Kein Foto, nichts

Fast panisch erhielt man hier und da auch eine abschlägige Antwort auf die Frage nach einem Bild. Einmal halfen zwei zuvorkommende Polizistinnen dem am Fuß maladen Autoren, indem sie ihn mit dem Auto chauffierten, ein liebenswerter Taxidienst. Nur, so die Bitte: nicht zu viel Aufhebens darüber, kein Foto, nichts, und daher auch keine Ortskennung hier.

Um keinen Zweifel aufkommen zu lassen: Wir trafen auf wunderbare Gastgeber, ob in Moskau, St. Petersburg, Kasan oder Sotschi. Es ist ja so: Wenn sich Menschen einem öffnen, geht man nie mehr so ganz. Man wird sie vielleicht nie mehr wiedersehen. Aber man wird mehr als ein Bild von ihnen haben im Kopf oder auf einem Stick: Man wird sich an einen Moment des Er-Lebens erinnern, der für den anderen das Leben ist, inmitten des einen oder anderen Spaliers oder anderer Leitplanken.

"Udachi" dabei

Durch manche Treffen wurde einem deutlich, dass es mit dem Einreißen eben dieser Begrenzungen, auch im Kopf, noch lange dauern könnte. Aus Arrangement oder auch nur Angst vor dem Unbekannten. Dauern könnte auch aufgrund mangelnder Chancengleichheit oder staatlicher Aufsicht.

Manche haben ihn für sich und im Kleinen schon angestoßen, anderen traut man den Mut zum Aufbruch zu, jeweils ahnend, wie schwierig dies anhand vorgegebener Leitplanken ist, die ja gerade ihr Talent einengen. "Udachi", viel Glück dabei. Und "bolshoe spasibo", vielen Dank, für viele Erlebnisse.

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