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12.07.2018, 10:35

"Three Lions" zwischen Enttäuschung und Stolz

Chance vertan: Englands schmerzhafter Lernprozess

"Jung, hungrig, eingefleischt" - Die "Three Lions" sehen die Niederlage im WM-Halbfinale gegen Kroatien (1:2 n.V.) als Lernprozess und vertrauen auf die Zukunft. Die Enttäuschung ist natürlich trotzdem riesengroß.


Aus Moskau berichtet Jörg Wolfrum

Enttäuschte "Three Lions"
"Es ist niederschmetternd": Englands Spieler nach dem verlorenen Halbfinale.
© imagoZoomansicht

Längst war Mitternacht vorbei, Ortszeit Moskau, da hatte England wieder Übergewicht. Wie zu Beginn des Spiels. Allerdings: Es zählte nicht mehr, das Halbfinale war für die Three Lions längst verloren. Doch die Fans ließen sich den Spaß an dieser WM nicht verderben, so weit war ihr Team schließlich seit 1990 nicht mehr gekommen. Also sangen die englischen Fans einfach weiter und weiter - und gewannen das Duell gegen die Anhänger aus Kroatien.

"Dass die Fans so lange auf uns warteten ist phänomenal", bedankte sich Jordan Henderson später. Da waren nochmal zwei Stunden vergangen und erneut eine, seit der Liverpool-Profi und seine Kollegen rausgekommen waren aus der Umkleidekabine, ihrem Frustkokon, und sich bei den Anhängern Mal bedankt hatten. Nur, so Henderson: "Es war enttäuschend, ihnen die Unterstützung nicht mit dem Sieg danken zu können."

Muffin als Seelenmassage

Ähnlich sagte das auch Kieran Trippier, der mit seinem Freistoßtor zum 1:0 ganz früh die Hoffnungen auf ganz Großes hatte keimen lassen: "Wir versuchten, es so gut wie möglich für die ganze Nation zu machen, wir wollten für die Fans gewinnen, sie haben so viel Geld für die Reise ausgegeben."

Als er das sagte, hielt er in der rechten Hand einen in Plastik eingeschweißten Muffin und knautschte ihn, als wäre er eine Art Massageball. Trippier suchte nach Worten, hielt den Muffin, überlegte, steckte die Leckerei in die Jackentasche, und sagte: "Es ist niederschmetternd." Überlegte nochmal und wurde kämpferisch: "Aber dieses eine Spiel, das wollen wir gewinnen." Das um Platz 3 am Samstag in St. Petersburg.

"Heute war eine wundervolle Chance"

Zuvor hatte Englands Nationaltrainer Gareth Southgate genau auf diesen Spirit abgezielt, als er versuchte, die Enttäuschung über das Ausscheiden und den Stolz über das Erreichte auszubalancieren. Allerdings hatte der Coach mit Blick auf das Spiel gegen Belgien erklärt: "Keiner will dieses Match. Wenn es so gut läuft wie in der ersten Halbzeit, dann will man natürlich mehr", so der Trainer. "Heute war eine wundervolle Chance." Die Chance auf das Finale.

Doch nach der Führung hatte es seine Mannschaft verpasst, nachzulegen, etwa beim Kopfball durch Harry Maguire (14.) oder durch Jesse Lingards Schuss (36). "Solche Chancen bekommt man nicht oft in einem Halbfinale", war der wuchtige Verteidiger Maguire dann auch zerknirscht. Kroatien indes, so der Mann von Leicester City, habe gezeigt, "wie man auch unter Druck ein sicheres Spiel aufzieht".

Gareth Southgate
Von den Fans noch weit nach Schlusspfiff gefeiert: Englands Nationaltrainer Gareth Southgate.
© imago

Southgate nahm seine im Vergleich zum Gegner international unerfahrene Truppe aber in Schutz: "Die Spieler hätten nicht mehr für Ihr Land geben können." Dass es nicht geklappt habe mit dem ganz großen Wurf, das habe ja auch am Gegner gelegen. "Kroatien hat herausragende Spieler und als Team viel mehr Erfahrung als wir."

Die Folge war Ivan Perisics Ausgleich in der 68. Minute. In der Verlängerung, meinte später Torschütze Trippier, habe man dann zwar gehofft, es wie gegen Kolumbien ins Elfmeterschießen zu schaffen. Doch dann schlug erneut der Ex-Dortmunder und -Wolfsburger Perisic zu. Seine Vorlage verwandelte Mario Mandzukics zehn Minuten vor Schluss zum Sieg.

"Das zweite Tor hat uns gekillt. Wir konnten nicht mehr zurückkommen", gab Mittelfeldmann Henderson zu und philosophierte. "Das schmerzt sehr. Aber nichts im Leben ist einfach." Und: "Aus Fehlern lernt man. Und das hier ist ein Lernprozess. Wir werden stärker zurückkommen." Generell, so der 28-Jährige, sei diese WM dennoch "eine positive Erfahrung".

"Grenzen eingerissen": Lernprozess für das junge englische Team

So interpretierte dies auch Southgate: "Wir haben eine Entwicklung gemacht", als Team, aber auch die Einzelspieler. Und man habe "Grenzen eingerissen", etwa mit dem erstmaligen Sprung ins Halbfinale seit 1990. Um ein "Siegerteam zu werden" müsse man jedoch auch leidvolle Erfahrungen machen. Letztlich aber habe man "aufregenden Fußball gezeigt" und: "Wir haben uns weiterentwickelt."

Das war vor allem gemeint mit Blick auf die Entwicklung seit 2016, seit dem Aus im Achtelfinale bei der EM in Frankreich. Meinte auch Harry Kane. Der Kapitän betonte aber zugleich: "Wir müssen und wir werden uns noch mehr verbessern."

Er sagte es nicht, aber es traf auch auf seine eigene Ladehemmung in der entscheidenden Turnierphase zu. Denn während der Stürmer in der Gruppenphase noch fünfmal getroffen hatte, darunter jedoch dreimal gegen Panama, war er danach nur noch im Achtelfinale gegen Kolumbien per Elfmeter erfolgreich. Southgate nahm seinen Mannschaftsführer in Schutz. "Er ist ein brillanter Kapitän, unser Mann der letzten Wochen."

"Nicht wieder 28 Jahre auf ein Halbfinale warten"

Kane selbst blickte bereits voraus: Nun gelte es, "nicht wieder 28 Jahre auf ein Halbfinale warten zu müssen. Wir wollen unsere Träume erreichen". Die Ausgangsposition sei gut: "Eine junge Mannschaft, von der noch keiner einen Titel erwartet".

"Jung, hungrig, eingefleischt, großartige Chemie." Das waren so die Vokabeln, mit denen sich die Kanes, Hendersons, Trippiers, Maguires im Luschniki auf dem Weg zum Mannschaftsbus Mut zusprachen, nachdem sie sich zuvor, weit nach Spielende, nochmal bei ihren Fans bedankt hatten.

Doch während drüben, bei den Kroaten, das Tor noch stand, war es in der englischen Hälfte von den russischen Helfern schon abgebaut worden. Es hatte etwas Symbolisches. Nochmal Maguire: "Wir haben eine große Chance verpasst. Aber wir wollen den Fans jetzt noch einmal Grund geben, auf uns stolz zu sein."

 
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