Kroatien hat eine Rechnung mit Frankreich offen

Die Erinnerungen treiben Lovren an

WM - 12.07. 10:30

Teamgeist, Kollektiv und Kondition einerseits, Nationalstolz andererseits - Kroatiens Gründe für den Finaleinzug sind so vielfältig wie bunt. Meinen die Spieler.

Aus Moskau berichtet Jörg Wolfrum

Greift mit Kroatien nach dem Titel: Dejan Lovren. © imago

Es war ein wenig wie mit Entenküken. Wie am Schnürchen sausten sie hintereinander her, fünf an der Zahl. Zwei hatten die 3 auf dem Rücken, zwei die 4, einer die 21. Es waren die Kinder der WM-Finalisten Ivan Strinic, Ivan Perisic und Domagoj Vida, und sie hatten kroatische Trikots an mit den Rückennummern ihrer Väter drauf. Und weil das Schauspiel gar so süß war, feuerten die noch gut zweitausend kroatischen Fans die kleinen Wirbler kaum weniger an, als zuvor die Nationalmannschaft beim erstmaligen Einzug ins WM-Finale.

Am Ende setzte sich dann beim Torschuss meist Perisic-Junior durch, kein Wunder, der Papa war ja zuvor auch Spieler des Spiels gewesen, nicht nur für die - nicht nur in dieser Kategorie - oft mal danebenliegende FIFA. Das Tor zum Ausgleich in der 68. Minute und die Vorlage zu Mario Mandzukics Siegtor in der 109. gehen auf das Konto des 29-jährigen Ex-Dortmunders und Wolfsburgers, der nun sagt: "Gegen Frankreich im Finale zu stehen ist für mich etwas ganz Besonderes." Vor gut zehn Jahren hatte er seine Karriere in der zweiten Mannschaft von Sochaux begonnen.

Als ob er ein Hellseher sei oder zumindest, als ob er es gewusst hätte (vermutlich hatte er es), hatte Nationaltrainer Zlatko Dalic am Vortag noch just die Erfahrung seiner Truppe gelobt. Hatte auf Perisic verwiesen, auch auf Stoßstürmer Mandzukic, der dann prompt traf, nachdem der ehemalige Wolfsburger und Münchner zuvor im gesamten Spiel fast keinen Ball gesehen hatte. Doch genau so etwas mache eine erfahrene Mannschaft nun mal aus, meinte Ivan Rakitic: "Es war eine unvergessliche Nacht. Wir haben so großartig gekämpft. Deshalb haben wir es auch verdient. Wir gingen praktisch mit Rückstand in das Spiel, so früh fiel das Gegentor. Aber dann haben wir unglaubliche Moral gezeigt", freute sich der Ex-Schalker. Sogar Englands Haudegen Harry Maguire zollte Respekt: "Davon können wir lernen."

Dabei spielte Kroatien bereits die dritte Verlängerung in Folge, England hatte immerhin im Viertelfinale gegen Schweden nach 90 Minuten Feierabend gehabt. Aber, so Rakitic: "Das zeigt nur die Kraft, die wir haben." Es sei "bemerkenswert, dass die physisch starken Engländer diese Kondition nicht aufbringen konnten. Als wir den Rhythmus erhöht haben, konnte England nicht dagegenhalten."

"Ich war neun, und meine Mutter schrie und weinte vor dem Fernseher."

Dejan Lovren zur Halbfinalpleite Kroatiens gegen Frankreich 1998

Man habe, so der Barca-Profi, der am Mittwoch aber nicht an seine oft glanzvollen Partien für die Katalanen anknüpfen konnte, "das zweite Tor gesucht und deshalb haben wir uns dieses Endspiel auch verdient. Kurzum: "Wir waren besser." Allerdings, so Kapitän Luka Modric, "hätten wir das Spiel früher für uns entscheiden müssen, schon vor der Verlängerung." Aber auch so habe man sich als "körperlich und mental stärker" entpuppt. Motiviert habe das Team auch, dass zumindest Englands Presse Kroatien "unterschätzt" habe, so Modric. Da habe man sich gedacht "umso besser."

Rausgekommen sei "ein Traum. Der größte Erfolg in der Geschichte Kroatiens". Der für ihn persönlich mögliche Weltfußballer-Titel? "Daran denke ich nicht", so der Star von Real Madrid. Es gehe nur um den WM-Pokal. Klappt es, dann werde er sich "die Haare färben. Ich und die ganze Mannschaft".

"Können es Frankreich heimzahlen"

Weniger bunt drückte das da noch der kantige Dejan Lovren aus. Der Verteidiger sagte nur: "Wir stehen im Finale. Also sind wir eines der zwei besten Teams der Welt." Das mag verkürzt sein, aber so effizient und pragmatisch wie sich Frankreich für das Endspiel qualifiziert hat, so abgezockt hat das auch Kroatien getan.

Nun also hat der WM-Dritte von 1998 die Chance, "es Frankreich heimzuzahlen", meinte Lovren mit Blick auf das verlorene Halbfinale vor zwanzig Jahren, als sich die Equipe Tricolore gegen das damalige Überraschungsteam durchsetzte - und dann im Finale gegen Brasilien den Titel holte. "Wir können es jetzt schaffen", so Lovren. Und natürlich könne er sich noch an das Spiel damals erinnern. "Ich war neun, und meine Mutter schrie und weinte vor dem Fernseher." Doch wie er da so in den Erinnerungen kramte, wurde aus dem Abwehrchef plötzlich ein Angreifer, zumindest verbal. Kroatien könne ohnehin alles nur Erdenkliche schaffen: "Unglaublich, wie viele gute Sportler wir haben, egal ob im Fußball, im Basketball, im Tennis, oder im Wasser-Polo." Und das bei gerade mal einer Bevölkerung von vier Millionen.

Gute Gene

Müsse wohl an den Genen liegen, scherzte Lovren: "Wir haben gute Väter und Mütter." In Kroatien werde offenbar "gut Liebe gemacht". Und weil er gerade bei Gefühlen war: "Schon seit dem 3:0 gegen Argentinien habe ich ein gutes Gefühl." Jetzt war Lovren wieder beim Fußball, nicht mehr der Liebe. "Unsere Mentalität", nannte er als Grund für die Siegesserie, und sei es, sich erst im Elfmeterschießen durchzusetzen wie gegen Dänemark im Achtel- und Russland im Viertelfinale. Auch der "größere Rahmen", und er meinte die ruppigen politischen Jahre mit dem Krieg bis schließlich zur Unabhängigkeit hätten den Charakter der Menschen geschult.

Noch nicht müde

Doch zurück zum Fußball. Trotz der nun dreimal 120 Minuten: "Müde? Hieß es schon vorher." Meinte übrigens auch Kollege Rakitic: "Das dachte man doch schon gegen England. Aber wir holen die Kraft von wo auch immer her." Vielleicht ja vom Nationalstolz, Lovren nochmal: "Ich lade alle ein, jetzt mal nach Kroatien zu kommen und sich das anzuschauen." Dann war er weg, nicht ohne noch zu betonen: "Wir haben heute Geschichte geschrieben."

Übrigens auch Kroatiens Küken: der Nachwuchs von Perisic, Strinic und Vida. Der blonde Innenverteidiger machte am Ende der Nacht mit den Steppkes, die ihm gerade mal so bis übers Knie gingen, die Welle. Und die Kurve machte begeistert mit. Klappte zwar noch nicht so ganz. Aber als Übung für das Endspiel sah es durchaus vielversprechend aus.

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