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11.07.2018, 12:18

kicker-Korrespondent Keir Radnedge vor dem WM-Halbfinale

England 1966 und 1990: Ein Reporter erinnert sich

kicker-Korrespondent Keir Radnedge war stets dabei, wenn England ein WM-Halbfinale erreichte - 1966 in Wembley und 1990 in Turin. Wie hat sich der Fußball verändert? Vor dem dritten heute Abend erinnert er sich an eine unschuldige Ära.

Keir Radnedge (M.)
Augenzeuge in England 1966 und beim Halbfinal-Aus 1990 nach Chris Waddles Elfmeter-Fehlschuss: kicker-Korrespondent Keir Radnedge (M.).
© imago (3)Zoomansicht

Ein Hattrick ist in Sicht. Der Autor dieses Artikels war bei Englands erstem und zweitem WM-Halbfinale vor Ort. Jetzt steht das dritte in Moskau an. Die zeitlichen Abstände zwischen ihnen von 24 und jetzt 28 Jahren - jeweils eine Generation - bieten einen fantastischen Kontrast verschiedener Epochen und das nicht nur in der Welt des Fußballs.

1966 war England der Gastgeber. Die Three Lions besiegten das Portugal Eusebios mit 2:1 in Wembley und zogen ins Finale gegen Deutschland ein, das bekanntlich mit einem englischen Triumph endete. Es ist in diesen Zeiten, in denen laut nach Torlinientechnik und Videobeweis gerufen wird, kaum noch vorstellbar, dass der französische Schiedsrichter Pierre Schwinte in der 23. Minute erstmals wegen eines Fouls pfeifen musste, weil Eusebio von Martin Peters gestoßen worden war. Auswechslungen mussten wir Journalisten damals nicht notieren - sie waren noch nicht erlaubt. Bobby Charlton traf nach einer halben Stunde und dann nochmal zehn Minuten vor Schluss. Eusebio brachte sein Team zwei Minuten später per Elfmeter nochmal heran. Es war das erste Gegentor für die Engländer bei dieser WM. Nach 90 Minuten hatte England zum ersten Mal das Finale erreicht.

Vielleicht markiert dieses Turnier den Endpunkt einer relativ unschuldigen Ära des Fußballs. "World Cup Willie" war das erste kommerzielle WM-Maskottchen, der Film über die WM war der erste, der in Farbe gedreht wurde. Englands Kapitän Bobby Moore und seine Frau Tina waren das erste Celebrity-Paar. Bei allem Respekt vor Englands WM-Kapitän von 1958, Billy Wright, und seiner Frau, der Sängerin Joy Beverley - aber Bobby und Tina Moore waren das Paar, über das jeder sprach, und das genau zur Stimmung der Swinging Sixties passte.

Zwei gegen einen: Zwei Engländer attackieren Portugals Star Eusebio im Halbfinale 1966.
© imago

Erstmals Farbe bei der WM 1970

In jenen Tagen schaffte es die WM kaum auf die Titelseiten. Nicht mal auf die der dünnen englischen Zeitungen, obwohl die damals noch nicht die aufgeblähten Sport-Supplements beinhalteten, wie sie später üblich wurden. Keine Rede davon, dass die Titelseiten gänzlich durch enorme Foto-Montagen von Geoff Hurst oder Roger Hunt hätten gekapert werden können. Fußball war in England die Sportart Nummer 1, hatte aber noch nicht diese gierige soziale Fast-Monopolstellung, die er später einnehmen würde. Es gab keine Laptops, Tablets oder Handys und die Fernseh-Sendungen waren in Schwarz-Weiß. Den großen Sprung nach vorne machte der Fußball erst nach der WM 1970, als das Aufkommen des Farbfernsehens einen hypnotisch-faszinierend neuen Blick auf das Geschehen auf dem Rasen erlaubte.

1990 hatte sich die Stimmung verändert. Fußball war fast ein Schimpfwort geworden. Das verheerende Wüten der Hooligan-Gewalt hatte im Gesicht dieses Sports in den 70er und 80er Jahren tiefe Narben hinterlassen - mit den Tiefpunkten in den Tragödien von Heysel und Hillsborough (und nicht nur dort). Sicherheitsbedenken führten dazu, dass die FIFA und die italienischen Gastgeber England und seine Fans ganz bewusst in einer Erstrunden-Gruppe auf der Insel Sardinien isolierten. Englands Team explodierte geradezu dank des Fußballs, den Gary Lineker, Paul Gascoigne und ihre Teamkollegen unter der Führung von Trainer Bobby Robson darboten. Robsons Enthusiasmus und seine Liebe zum Spiel, verbunden mit den Fans vor Ort und den Anhängern zu Hause, ließ die Prügel, die er in den Medien während der meisten Zeit seiner vierjährigen Tätigkeit einstecken musste, völlig sinn- und bedeutungslos werden. Wenn Robson zu einer Pressekonferenz kam, musterte er die Gesichter und wusste schon vor dem Anschalten der blendend hellen TV-Scheinwerfer, wo seine Antagonisten unter den Journalisten saßen.

Trotz Halbfinal-Aus als Helden gefeiert

Anders als 1966 erreichte England 1990 nicht das Finale. In der fan-unfreundlich gestalteten Schüssel, die das Stadio delle Alpi in Turin war, sahen meine Medienkollegen und ich, wie England nach einer Stunde in Rückstand geriet - durch einen von Paul Parker ins eigene Tor abgefälschten Schuss Andy Brehmes. Lineker glich zehn Minuten vor Schluss aus und es ging zunächst in die Verlängerung und dann ins Elfmeterschießen, das 3:4 verloren wurde. Nach der Niederlage im Spiel um Platz 3 flogen die Engländer nach Hause, um am Luton-Airport wie Helden empfangen zu werden. Keiner von uns, der in jener Nacht in Turin auf der Medien-Tribüne saß, dachte, dass wir weitere 28 Jahre würden warten müssen, bis England wieder in einem WM-Halbfinale antreten sollte.

Doch schließlich sind sie hier ... und ebenso, immer noch, auch einige von uns.

(Dieser Text erschien zunächst in der Association Internationale de la Presse Sportive (AIPS), einem internationaler Verband für Sportjournalisten)

Keir Radnedge

 
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Vorname:Gareth
Nachname:Southgate
Nation: England


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