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10.07.2018, 10:53

Die Geschichte einer kleinen "Revolution"

Schützt den Quarterback! Warum England Standards kann

Vor zwei Jahren lachten sie sich noch selber aus, doch bei dieser WM hat niemand bessere Werte bei Standardsituationen als die Engländer. Dabei half auch die NFL - und das sieht man sogar.

Jeder weiß, was zu tun ist, nur der Gegner meistens nicht: Eine englische Ecke gegen Schweden.
Jeder weiß, was zu tun ist, nur der Gegner meistens nicht: Eine englische Ecke gegen Schweden.
© picture allianceZoomansicht

Der EM-Auftritt der englischen Nationalelf warf 2016 reihenweise Fragen auf, doch keine wurde so oft gestellt wie diese: Warum um alles in der Welt tritt Harry Kane Ecken und Freistöße? Niemand hatte das zuvor gesehen, und niemand sah es noch einmal danach. Nach insgesamt 33 erfolglosen englischen Ecken in Frankreich und mindestens 33-mal so vielen Witzen darüber auf Twitter musste sogar Kane selbst zugeben, dass sich da "offensichtlich" ein Running Gag entwickelt habe. "Da muss man einfach mitlachen."

Einer der Witze kam vom Urheber dieses merkwürdigen EM-Experiments selbst und war nicht als Witz gemeint: Er habe einfach seinen "besten Techniker" für die ruhenden Bälle nominieren wollen, verteidigte sich Nationaltrainer Roy Hodgson auch nach dem Turnier samt Rücktritt noch, und weil Kane ja sowieso nie nach Ecken treffe, sei die Wahl halt auf ihn gefallen (und nicht etwa auf den 18 Zentimeter kleineren Raheem Sterling, der dann im Strafraum auf Hereingaben wartete, die nie kamen).

Plötzlich führt jede fünfte englische Ecke zu einem Tor

Zwei Jahre später klingt das, als seien locker zehn vergangen. Bei der WM in Russland hat England acht seiner elf Tore nach Standardsituationen erzielt (73 Prozent), mehr als jeder andere Teilnehmer: vier nach Ecken, eines nach einem Freistoß, drei durch Elfmeter, wobei wiederum zweien davon eine Ecke vorausgegangen war. Und Kane, die Lachnummer von 2016, schoss fünf dieser acht Treffer und holte die beiden "Ecken-Elfmeter" heraus.

Man muss sich das mal vorstellen: Seit dem WM-Achtelfinale gegen Deutschland 2010 (1:4) hatte England bei keinem großen Turnier mehr nach einer Ecke getroffen - und in Russland führen letztlich sechs von 30, jede Fünfte also, zum Torerfolg. Wie hat England das gemacht?

Southgates Ansatz war nicht revolutionär, sieht aber manchmal so aus

Die bitterste Nachricht für die Konkurrenz, zum Beispiel Deutschland (25 Ecken, 0 Tore): Ein Wunder ist es nicht, sondern einzig Ergebnis von Gareth Southgates leidenschaftlicher Akribie, die sich schon beim Elfmeterschießen gegen Kolumbien ausgezahlt hatte. Wie wohl jeder seiner Trainerkollegen identifizierte er "Standards als Schlüssel in den letzten Turnieren", und dann tat er eben alles dafür, sie zur eigenen Waffe zu machen.

Das war nicht gerade revolutionär, wirkt aber so, wenn man all die Ecken bei dieser WM beobachtet, die kurz ausgeführt werden und binnen Sekunden beim eigenen Keeper oder im Toraus landen. Und manchmal sieht es auch revolutionär aus.

Bei Ecken stehen die Spieler, "als würden sie in einen Bus steigen wollen"

Dem 1:0 im WM-Viertelfinale gegen Schweden (2:0), Harry Maguires Kopfballtor nach einer Ecke, geht bei genauem Hinsehen eine regelrechte Choreografie voraus: Wie gewohnt reihen sich zunächst mehrere Spieler parallel zur Seitenauslinie zwischen Elfmeterpunkt und Strafraumgrenze auf, "als würden sie in einen Bus steigen wollen", so die "Daily Mail". Dann stieben sie auseinander, und zwar ganz gezielt: Sie blocken Maguire, das meistgesuchte, weil 1,94 Meter hohe Ziel bei englischen Ecken, so clever frei, dass der erstens Anlauf nehmen und ihm zweitens jeder der großen schwedischen Verteidiger nur noch dabei zusehen kann.

Allan Russell
Bis ins letzte Detail: Vor allem Allan Russell (r.) ist für Englands Standard-Stärke verantwortlich.
© picture alliance

Es war wie beim American Football, wenn die Kollegen den Quarterback schützen, und das war kein Zufall: Southgate hospitierte vor der WM bei den Seattle Seahawks, sprach mit NFL- und NBA-Trainern darüber, wie sich in engen Situationen Räume schaffen lassen, wie kluge Läufe und gezielte Blocks gegnerische Spieler binden. Und vor allem sein schottischer Stürmertrainer Allan Russell (37) kümmerte sich dann penibel darum, diese Erkenntnisse auf den Fußballplatz zu übertragen. "Wir haben sehr viel Zeit mit den Standards verbracht", bestätigt Ruben Loftus-Cheek, "bis hin zu allen Details, den Läufen, den Blocks." Alle wissen, was zu tun ist, wenn die Hereingaben von Ashley Young oder Kieran Trippier an den Elfmeterpunkt segeln. Nur die Gegner meistens nicht.

Kroatien kassierte fast jedes Gegentor nach einer Standardsituation

Kroatien, Englands Halbfinalhürde am Mittwoch (20 Uhr, LIVE! bei kicker.de), musste drei von vier Gegentoren nach ruhenden Bällen (Freistoßflanke, Einwurf, Elfmeter) hinnehmen. Und niemand sollte erwarten, dass England die Ideen irgendwann schon ausgehen werden: Als sie gegen Panama die bislang schönste Freistoßvariante des ganzen Turniers vorführten, stand es bereits 3:0.

Jörn Petersen

Fotos
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© imago

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15 Leserkommentare

Vilomaro
Beitrag melden
10.07.2018 | 22:55

Die Überraschung heisst England!

Wenn jemand den Franzosen ein Bein stellen kann, dann sind es meiner Meinung nach die Engländer mit [...]
Turboschwimmer
Beitrag melden
10.07.2018 | 21:31

Und wir haben den Jogi...

Löw selbst sieht sich mit Sicherheit auf einer Ebene mit Guardiola und Mourinho. Realistisch betrachtet [...]
Wendisuity
Beitrag melden
10.07.2018 | 20:18

Lotterie?

tolle Idee von Southgate, sich etwas vom American Football abzugucken. Bereits in den 1990er Jahren [...]
rauschberg
Beitrag melden
10.07.2018 | 20:18

olliundseinkahn 10.07.18, 18:51

Was heißt hier Integratio.....verpasst. Nicht verpasst, dem eigenen Nasenfaktordenken geopfert. Die [...]
olliundseinkahn
Beitrag melden
10.07.2018 | 18:51

Wie heißt es so schön:,, Im Nachhinein ist man schlauer!"
Das ganze hat jetzt bei den Engländern d[...]

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