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09.07.2018, 12:41

Unterwegs in Russland

Auch eine Lokomotive wird mal müde

Die Welt in einem Waggon - über eine Zugfahrt von Moskau nach Kasan.


In Russland unterwegs: kicker-Reporter Jörg Wolfrum

Zugreise durch Russland
17 Minuten Stopp in Kanasch: die Erbeerverkäuferin freut sich auf Einnahmen.
© kickerZoomansicht

Entscheidende Woche, aber auch letzte Woche bei dieser WM. Längst hat sich das Teilnehmerfeld von 32 auf 4 reduziert, langsam dünnt sich auch das Heer der Fans aus. Aber das ist ja das Schöne an so einer Endrunde: Immer noch sind vereinzelte Anhänger etwa aus Peru oder auch Mexiko unterwegs.

Oder, Ende vergangener Woche, ein Trupp Japaner auf dem Weg von Moskau nach Kasan, zwölf Stunden im Nachtzug hin, 17 Stunden zurück, wie wir auch. Zurück dauert es länger, einen anderen Grund als den, dass offenbar selbst eine Lokomotive mal müde wird, können wir nicht anführen.

Kasan also, da hätten die "Samurai Blue" gespielt, wenn es nicht zuvor in der Nachspielzeit des Achtelfinales diesen belgischen Konter gegeben hätte. Die japanischen Fans jedoch schafften es, anders als ihre Mannschaft nach Tatarstan. Guckten sie eben das nächste Husarenstück der Roten Teufel an, das gegen Brasilien. Der Ball bleibt rund, wer auch immer da spielt. Und was für ein Spiel war das.

Indische Rentner sehen Brasiliens Aus

Fahrgäste
Die Rentner aus Kalkutta kommen rum in der Welt.
© kicker

Mit dabei auf der Bummel-Zugreise in den Osten war auch eine Gruppe aus Kalkutta, Indien. Die Tage vor der WM waren sie noch in Bosnien, Bulgarien und Rumänien unterwegs gewesen, Bukarest hat ihnen gefallen, sie bedauerten nur, wie viel da an alter Bausubstanz abgerissen worden ist in den letzten Jahren. Sie wissen, wovon sie sprechen, waren dort schon zum Europa-League-Finale 2012, Atletico Madrid gegen Bilbao - muss man nicht verstehen. Aber wo die Liebe nun mal hinfällt ... Und sei es nur die zum Ball.

Nun sind sie extra für drei Spiele nach Russland gekommen. Erster Stopp war Kasan, wo sie das Aus des Favoriten Brasilien sahen. Am Folgetag ging es für die rüstigen Rentner (ja, keine Twens oder sonstigen typischen Backpacker) weiter zu Englands Halbfinaleinzug gegen Schweden im nur ein paar Zugstunden entfernten Samara. Schlusspunkt wird das Spiel am Samstag um Platz drei in St. Petersburg sein. Und dann ein Besuch der Eremitage. Auch das gehört zum Programm.

WM-Touristen sind keineswegs nur an Alkohol-Fahnen zu erkennen

Stewart
Bei ihm gibt's jede Menge Süßigkeiten: Stewart Aleksey.
© kickerZoomansicht

Deutschland haben diese Rastlosen schon mehrfacht bereist, natürlich Schloss Neuschwanstein und Heidelberg. Einer aus der Gruppe spricht ein wenig Deutsch, "im Goethe-Institut gelernt". Als man Nürnberg erwähnt, kommt sofort: "Die Nürnberger Prozesse." WM-Touristen sind keineswegs nur an Alkohol-Fahnen zu erkennen, siehe geplanter Besuch der Eremitage.

Man unterhält sich, soweit das eben geht, bei Tee. Den hat Aleksey serviert, unser Stewart auf dieser Halbtages-Fahrt. Er macht die Tour regelmäßig, fünf Tage am Stück, in dem Alter geht das wohl noch, dann fünf Tage Pause, diese Woche setzt er nun aus. Er ist die gute Seele unseres Waggons, kocht und hat so viele Süßigkeiten im Angebot, dass es Mutter Alia angst und bang wird um die Zähne des neunjährigen Nikita.

Schokolade erst am nächsten Morgen

Mit den beiden teilt man das Schlafwagen-Abteil des Nachtzuges nach Kasan, die Reisegruppe aus Indien belegte das Nachbarabteil. Die von uns angebotene Schokolade darf Nikita dann erst, Zähne sind längst geputzt, am anderen Morgen essen, quasi zum Frühstück, irgendwo auf halber Strecke.

Jörg Wolfrum
kicker-Reporter Jörg Wolfrum.
© kicker

Beim Streifen durch den Zug traf man auch auf einen in Finnland lebenden Russen. Doch Sergej versteht seine Eltern nicht: "Wieso wählen sie alle immer wieder die Regierung ...?" Wo doch so vieles im Argen liege, angefangen bei der Rente, endend mit den Freiheiten. Er könne da Vater und Mutter nicht verstehen. Das sei ja auch in anderen Ländern, wo so vieles nicht funktioniere, unerklärlich. Immer wieder würden die im Amt bestätigt, die die Misere zu verantworten hätten. "Dabei wird der Wechsel so doch nur hinausgeschoben." Und dann sei das Erwachen umso mehr dramatischer.

Und so ruckelt man an Wäldern und Sümpfen vorbei, überquert irgendwann die Wolga. Die Fußball-WM? Ist weit weg von all den dahingestreuten Dörfern. Ein paar Becher mehr gehen vielleicht weg bei der Erdbeerenverkäuferin in Kanasch, schließlich vertreten sich bei dem 17-Minuten-Stopp, anders als bald wieder, auch Inder, Belgier, Brasilianer, Japaner und Deutsche die Füße. Es sind nun nur noch gut drei Stunden nach Kasan. Dann das Spiel. Sechs Stunden nach Belgiens Coup wird ab fünf Uhr früh wieder zurückgehen. 17 Stunden lang. Die Lokomotive, auch sie wird müde sein.

 
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