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02.07.2018, 10:07

Unterwegs in Russland - "Dabei bin ich doch derselbe Mensch"

Zwei Mexikaner nutzen die WM zur Völkerverständigung

kicker-Reporter Jörg Wolfrum ist in Russland unterwegs und lernte dabei zwei "US-Mexikaner" kennen. Während des Gesprächs stellte er einmal mehr fest: Die Vorrunde ist die Essenz einer WM - zumindest in Sachen Völkerverständigung.


In Russland unterwegs: kicker-Reporter Jörg Wolfrum

Mexiko-Fan
Farbenfroh: Mexiko-Fans in Russland.
© Getty ImagesZoomansicht

Sie wollen unbekannt bleiben, daher baten sie, kein Foto zu machen. Man hatte sich schon am Vortag gesehen, sie aßen Fleischspieß, man selbst Fisch. Im TV lief irgendein Spiel, es war die erste WM-Woche, noch waren viele Teams im Rennen und noch viel mehr Fans unterwegs. Man saß an kleinen Tischen fast nebeneinander, hatte sich aber mit anderen unterhalten.

Eigentlich sollte bei einer WM immer Gruppenphase sein. Die Vorrunde, das ist die Essenz des Turniers, vielleicht nicht aus sportlicher Sicht. Aber in Sachen Völkerverständigung, gerade in weltweit immer unruhigeren Zeiten, kann das oft zufällige Aufeinandertreffen vieler Anhänger an Straßenecken oder Parks durchaus helfen, Vorurteile abzubauen. Denn früher oder später kommt man immer ins Gespräch mit den Fremden, man ist ja selbst auf der Welt fast überall ein Fremder, vergisst man nur schnell, wenn man sich allzu sehr in Heimattümelei ergeht.

Vielleicht sollte man alle nationalen Betonköpfe zum WM-Besuch verpflichten, als Resozialisierungsmaßnahme sozusagen. Aber bitte alleine losschicken. Sonst bauen sie sich ja doch wieder nur eine Wagenburg.

Wir sprachen mit zwei "US-Mexikanern", nennen wir sie Miguel und Martin, beide in den USA geboren. Der eine ein Freigeist, der andere ein Betonkopf, zumindest auf den ersten Blick.

Beide fühlen sich mal als US-Bürger, mal als Mexikaner, an diesem Montag sind sie beim Spiel ihrer "Tricolor" in Samara gegen Brasilien, so war zumindest der Plan, als man sich getroffen hatte. Achtelfinale gucken, egal wo und gegen wen. Doch um die "Tri", die hatte da bereits Deutschland geschlagen, ging es in unserem Gespräch nur am Rande. Und auch Miguel und Martin geht es nur am Rande um den vielleicht ersten Viertelfinaleinzug seit 1986.

Miguels Mutter kommt aus Baden-Württemberg, noch immer besucht er dort alle zwei Jahre die nun schon 90-Jährige Oma. Er spricht und hüpft dabei vom Englischen ins Spanische und sogar ein wenig Deutsch wird ausgekramt. Er kennt München und die Allianz Arena, sah dort 2011 im Achtelfinale einen Sieg von Inter Mailand. Vor allem aber kennt er Stuttgart, da verbrachte Miguel als Kind stets die Sommerferien, "Lebensschule für einen US-Mexikaner" sei das gewesen. "Spaß hat es mir nicht wirklich gemacht, zu unterschiedlich die Kulturen", doch das sei im Nachhinein das Bereichernde.

American Football sei hingegen keine Kultur, meint Miguel, sondern "rubbish". Die MLS sei viel besser, wenn sie auch weiterhin ein Rentnerparadies sei. Siehe, ganz neu, Zlatan Ibrahimovic. Chicago Fire an seinem Wohnort sei leider auch nur ein bisschen besser als der "rubbish" des American Football, da könne auch Bastian Schweinsteiger nicht viel ausrichten.

Als der vor über einem Jahr in Chicago gelandet sei, habe er den Weltmeister am Flughafen empfangen, als Fan. Mittlerweile habe man dasselbe Stammlokal, der Ex-Münchner genieße es, dass ihn kaum einer erkenne am Lake Michigan Warum er das erzähle? "Mensch sein in der Fremde", darum gehe es.

kicker-Reporter Jörg Wolfrum
kicker-Reporter Jörg Wolfrum
© kicker

Nun schaltet sich Martin ein, nicht ganz so massig wie Miguel, dafür durchtrainiert und zunächst nur daran interessiert, ob man die eigene Landesflagge je als Picknickdecke missbrauchen würde. Betonkopf, denkt man. Habe er bei Brasilianern gesehen, gehe gar nicht. Das sei fast schon Landesverrat.

Lange sei er bei einer US-Eliteeinheit gewesen, im Einsatz im Nahen Osten und in Afrika, sagt Martin. "Wir wollten doch nur helfen und waren dennoch unerwünscht", so habe er das zu spüren bekommen. Komme er aber heute, ohne Uniform, in diese Länder, und er reise viel (was den Betonkopf wieder etwas relativiert, denkt man sich), werde er hingegen herzlich empfangen, ist seine Erfahrung. "Dabei bin ich doch ein und derselbe Mensch", staunt Martin.

Seine Schlussfolgerung: Raus aus der Uniform, rein ins Trikot. Nicht als Profi. Als Fan. Und so sitzen Miguel und Martin in ihren Mexiko-Shirts da - und wenn alles gut ging (und warum sollte es auch nicht?), hatten sie seither viele Gespräche mit Fremden, vielleicht wurde sogar Beton abgebaut. In Russland, beim und mit dem einstigen und vermeintlichen Feind.

Sollte heute doch die Selecao gegen die Tri gewinnen oder irgendwann gar Russland: Martin und Miguel, die US-Mexikaner, hätten nichts dagegen. Mexiko, Brasilien, Russland, USA: Man sitze doch in einem Boot. Nur die Flagge, die dürfe nicht missbraucht werden.

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