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13.06.2018, 22:08

Der kleinste Teilnehmer aller Zeiten im Porträt

Pub-Interna und "Scheiß-Fußball": Islands Weg zur WM

Fans und Spieler machten Island zum Sommermärchen 2016. Zwei Jahre später hätte der kleinste WM-Teilnehmer aller Zeiten nichts gegen eine Wiederholung, auch wenn das Land selbst nicht dran glaubt. Der Weg nach Russland ist das Ergebnis von belastenden Vier-Stunden-Tagen.

Island
Huh! Wiederholt sich Islands Märchen in Russland?
© Getty ImagesZoomansicht

Was Theodor Elmar Bjarnason und Arnor Traustason mit Gudmundur Benediktsson anstellten, erfuhr wenige Stunden danach die ganze Welt. Manche hatten sich sogar die Mühe gemacht, aus dem Geschreie, das irgendwo zwischen "Freiburg ist Deutscher Meister" und einem Justin-Bieber-Konzert einzuordnen war, noch Zeilen zu übersetzen; wirklich wichtig war das aber nicht.

Die "Ja! Ja! Ja!"-Rufe des völlig aufgelösten isländischen Kommentators Benediktsson resultierten aus dem 2:1 von Traustason, der Island in der vierten Minute der Nachspielzeit auf Vorlage von Bjarnason gegen Österreich endgültig ins EM-Achtelfinale beförderte. Der Rest ist ebenso bekannt wie Benediktssons emotionaler Ausbruch: Island schaltete auch England aus und avancierte spätestens nach dem darauffolgenden "Huh"-Chor mit seinen Fans zur Feel-Good-Story des Turniers.

Der unerwartete Erfolg bei der Europameisterschaft rief auch einen unerwarteten Ansturm auf die Vulkaninsel hervor: Der Tourismus wuchs noch im selben Jahr um knapp 30 Prozent. "Eine bessere Werbung", meint nicht nur Trainer Heimir Hallgrimsson, "hätte es für Island nicht geben können." Selbst wenn Torwart und Teilzeit-Regisseur Hannes Halldorsson womöglich widersprechen würde, ist der Fakt, dass sich die Werbung bis heute kaum verändert hat, der beste Aspekt an der Geschichte.

Wie der kleinste WM-Teilnehmer es überhaupt schaffen konnte

Das prognostizierte One-Hit-Wonder hat es der Welt ein zweites Mal gezeigt und sich in der "schwersten aller Gruppen" (Kapitän Aron Einar Gunnarsson) vor Kroatien, der Ukraine und der Türkei zum ersten Mal überhaupt für eine Weltmeisterschaft qualifiziert. Einen kleineren Endrunden-Teilnehmer hat es nie gegeben, der bisherige Rekordhalter war Trinidad & Tobago 2006, selbst das Karibikland hatte viermal so viele Einwohner wie Island (etwa 330.000).

Es ist das Ergebnis einer 360-Grad-Drehung um die Jahrtausendwende, die dafür gesorgt hat, dass schon vierjährige Knirpse bei den ersten Stolperschritten auf einem Fußballplatz von professionellen Trainern betreut werden. 2003 gab es davon auf Island keinen einzigen, inzwischen um die 800. Viel Geld wurde investiert in Kunstrasen-Plätze mit Flutlicht und überdachte Anlagen, damit auch gekickt werden kann, wenn die Sonne im Dezember erst um 11.30 Uhr am "Morgen" auf- und um 15.30 Uhr wieder untergeht.

Weil wir so wenige sind, behandeln wir jeden gut.Verbandsdirektor Arnar Bill Gunnarsson

Das Ausmaß des Erfolgs ist dennoch schlichtweg beeindruckend, wenn Nationen wie China, dessen 250. größte Stadt noch immer mehr Menschen beheimatet als ganz Island, oder auch die USA mit eintausend Mal so vielen Einwohnern, ab Donnerstag nur vor dem Fernseher sitzen und bei der WM zuschauen. "Weil wir so wenige sind", erklärt Verbandsdirektor Arnar Bill Gunnarsson, "behandeln wir jeden gut. Wir ziehen aus der engen Gemeinschaft eine große Stärke."

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Hinzu kommt, und das weiß auch Gunnarsson, "die Goldene Generation" um Spielmacher Gylfi Sigurdsson, dem vielleicht als einzigen der 330.000 Bewohner sowas wie ein "Star"-Status nachkommt. Und wenn sich diese Generation mal zurückzieht, "kommt die nächste". Natürlich wird es auch wieder Abs geben nach dem ständigen Auf der jüngeren Vergangenheit, aber "hoffentlich halten die Aufs etwas länger an".

Ronaldo haben sie schon geschafft - jetzt auch Messi?

Der Zusammenhalt ist ein Aspekt des Erfolgs, der Spielstil ein anderer. Im Team von Trainer Hallgrimsson, der nach wie vor auch als Zahnarzt arbeitet und den Fans vor Länderspielen im örtlichen Pub die Taktik der kommenden Partie nahebringt, kennt jeder seine Aufgabe: Halte die Dinge einfach. Eng verteidigen, den Gegner entnerven, schnell und schnörkellos umschalten und sich für jeden Kollegen auf dem Feld zerreißen.

"Die Leute können das langweiligen oder Scheiß-Fußball nennen, aber für uns klappt das ja." Ari Skulason muss es wissen, immerhin war er einer derjenigen, die Cristiano Ronaldo im ersten EM-Gruppenspiel 2016 zur Verzweiflung gebracht hatten. Eine "kleine Mentalität" hatte Ronaldo beim Außenseiter festgemacht, der sich völlig überraschend über einen Punkt gegen das Team des fünfmaligen Weltfußballers gefreut hatte. Für Skulason, einen "verrückten Mann, der läuft und kämpft" (O-Ton Skulason), hätte es besser kaum sein können. "Das macht es noch süßer, wenn er so ein schlechter Verlierer ist. Was erwartet er? Dass wir wie Barcelona gegen ihn spielen?"

Fast ganz Island glaubt an ein Scheitern Islands

Alles, was Hallgrimsson von seinem Team verlangt, ist das, was es kann; nicht mehr und nicht weniger. Tore fallen meistens nach Ecken, Freistößen oder - erstaunlich oft - nach Einwürfen. Island ist auch bei der WM - diesmal dann gegen Lionel Messi - der Außenseiter in der Gruppe D. Eben dieser Punkt muss aber genauso auch sein. 28 Prozent der isländischen Bevölkerung glauben an einen Achtelfinaleinzug von "Strakarnir Okkar", von "unseren Jungs" - 72 Prozent tun es nicht.

Ganz im Gegensatz zu Diego Maradona, der meint, Island könne sogar Argentinien im ersten Spiel schlagen. "Wow", staunte Torwart Halldorsson, dem das Gesagte eigentlich völlig egal war. "Diego Maradona denkt über Island nach." Er selbst freut sich wie seine Kollegen einfach nur auf das Turnier. "Wir spielen für die Liebe zum Fußball, zu unserem Land und zu unseren Fans." Man merke bereits, wie sich die Anhänger darauf freuen, ihren - inzwischen markenrechtlich geschützten - "Huh"-Chor in Russland erneut anzustimmen. 66.000 Ticket-Anfragen hat es aus Island gegeben, jeder Fünfte wäre die weite Reise gerne angetreten.

Auch wenn die Informationen, die ich ihnen gebe, ziemlich wichtig sind und wohl gut zu verkaufen wären.Trainer Heimir Hallgrimsson über seine Pub-Besuche

Und die, die bei regnerischen neun Grad eben zuhause bleiben, machen es wie vor zwei Jahren und feiern - selbst, wenn es nichts zu feiern geben sollte - im Arnarholl-Park in Reykjavik. Beim Viertelfinal-Triumph gegen England lag die Einschaltquote im gesamten Land bei 99,8 Prozent.

Heimir Hallgrimsson
WM-Trainer und Teilzeit-Zahnarzt: Heimir Hallgrimsson ist den Fans nah.
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Es hat sich schon was verändert seit dem Coup vor zwei Jahren: Mehr Menschen kennen Island jetzt, mehr Menschen kommen nach Island und mehr Menschen sind gewarnt vor Strakarnir Okkar. Verändert hat sich durch die WM-Qualifikation aber nicht das Gemeinschaftsgefühl. Hallgrimsson geht nach wie vor zu den Fans ins Pub. "Seit sieben Jahren mache ich das jetzt und nichts - wirklich nichts - ist in den sozialen Medien aufgetaucht. Auch wenn die Informationen, die ich ihnen gebe, ziemlich wichtig sind und wohl gut zu verkaufen wären. Es wäre nicht möglich, wenn sich so wie hier nicht jeder vertraut."

2:3 im Test gegen Norwegen - da war doch was?

Vor dem ersten WM-Test gegen Norwegen (2:3) gesellte sich sein einstiger Kollege Lars Lagerbäck ebenfalls dazu. Beide hatten Island gemeinsam zum EM-Erfolg geführt und sind nach wie vor gute Freunde. Dass Lagerbäck jetzt der Trainer des Gegners war, der später auch das Spiel gewann, schien niemanden zu stören. Nach der Niederlage gegen das im FIFA-Ranking um 31 Positionen schlechter positionierte Norwegen machte es Hallgrimsson übrigens wie davor; er ging zu den Fans und plauderte mit ihnen, natürlich mit einem Lächeln auf den Lippen.

Warum auch nicht? 2016 hat Island ebenfalls vor dem Turnierstart gegen Norwegen getestet - und 2:3 verloren. Der Rest ist bekannt.

Mario Krischel

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Weltmeisterschaft - Tabelle

Pl. VereinTorePkte.
1 Kroatien2:03
 
2 Argentinien1:11
 
  Island1:11
 
4 Nigeria0:20

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