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06.06.2018, 11:22

Annalena Baerbock (Grüne) zum Verhältnis von Sport und Politik

"Die Fußballseele hat schwere Kratzer"

Linkes Mittelfeld bei der TuSpo Jeinsen. Das war die Position von Annalena Baerbock. Später kickte sie noch während ihres Auslandsaufenthalts in den USA an der High School. Der Skandal um die Vergabe der WM 2006 "hat mich als ehemalige Fußballerin schwer getroffen", sagt die Vorsitzende der Grünen, die Bundesregierung, DFB und FIFA in Sachen Pressefreiheit bei der WM in Russland in die Pflicht nimmt.

Fordert freie Berichterstattung bei der WM in Russland: Grünen-Politikerin Annalena Baerbock.
Fordert freie Berichterstattung bei der WM in Russland: Grünen-Politikerin Annalena Baerbock.
© GrüneZoomansicht

Frau Baerbock, die WM in Russland steht vor der Tür, das Turnier 2022 findet in Katar statt. Um die EM 2024 konkurriert Deutschland mit der Türkei, die immer autokratischer agiert. Verkauft der Sport seine Seele, den Fairplay-Gedanken?

Zumindest hat die Fußballseele schwere Kratzer. Die FIFA selbst hat angekündigt, dass bei zukünftigen Vergaben verstärkt auf Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und freie Berichterstattung geachtet werden soll. Da sehe ich bislang noch große Fragezeichen. Auch zum Fall Hajo Seppelt kann die FIFA nicht einfach schweigen.

Im Fall des ARD-Anti-Doping-Experten Seppelt hat Russland das Einreiseverbot aufgehoben. Glauben Sie, dass er frei berichten kann?

Nein, denn er muss sich ja von russischer Seite noch verhören lassen. Das geht gar nicht. Die FIFA, der DFB und auch die Bundesregierung müssen hier weiter Druck machen und für die freie Berichterstattung einstehen - ohne Wenn und Aber. Und mit freier Berichterstattung meine ich auch die Bewegungsfreiheit, dass Journalisten im ganzen Land berichten können und nicht nur an den Spielorten.

Erwarten Sie vergleichbare Tendenzen in Katar, wo 2015 ein Team der britischen BBC zwischenzeitlich festgesetzt wurde?

Die Lage dort lässt nichts Gutes erahnen. Es wäre fatal zu sagen, während des Turniers wird schon alles gut werden und was davor und danach passiert, interessiert uns nicht.

Ist politischer Boykott, wie ihn England für die WM ankündigt, eine Option?

Von einem generellen Boykott halte ich nichts. Politisches muss politisch geklärt werden und nicht auf dem Spielfeld. Und Fans und Sportler für schlechte Entscheidungen der FIFA zu bestrafen, finde ich falsch. Ebenso falsch ist es aber, wenn deutsche Regierungsvertreter jetzt neben einer autokratischen Führung auf der Tribüne sitzen und so tun, als wäre nichts. Mit Großevents wird immer auch Politik gemacht. Nichtsdestotrotz freue ich mich aus sportlicher Sicht total auf das Turnier.

Warum suchen IOC oder FIFA die Nähe von Autokraten?

Ich hoffe mal sehr, dass sie nicht bewusst die Nähe suchen. Aber in Staaten, die Menschenrechte, Ökologie und Pressefreiheit respektieren, dauern Genehmigungsverfahren oft länger. Dass autokratische Staaten wiederum da nicht so genau hinschauen, spielt für IOC und FIFA dann offensichtlich eine nicht so große Rolle. Und das muss sich dringend ändern. Große Sportereignisse sind Feste der Völkerverständigung, deshalb ist es sinnvoll, diese weltweit an unterschiedlichste Orte zu verteilen. Aber es kann nicht sein, dass ausländische Gäste den Sport feiern und die Menschen im Land unterdrückt werden.

Mesut Özil und Ilkay Gündogan sahen sich zuletzt nach ihrem Foto mit Erdogan massiver Kritik ausgesetzt, andererseits posierte auch - ohne sie mit Erdogan vergleichen zu wollen - Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Nationalspielern. Wir sprechen ja nun auch über Sport. Politik steigert ihre Popularität auf dem Rücken des Sports. Ist das nicht eine falsche Botschaft?

Dass eine deutsche Bundeskanzlerin oder ein Bundespräsident zu einem Titel gratulieren, finde ich total richtig, immerhin sind im DFB mehr als sieben Millionen Mitglieder unseres Landes organisiert. Es darf aber zu keiner Instrumentalisierung kommen. Mit Blick auf Özil und Gündogan gilt: Sportler können nicht die besseren Diplomaten sein und man kann keine anderen Maßstäbe an sie anlegen als an die Bundesregierung. Sie sind mündige Bürger, die sich frei äußern dürfen. Ich finde es sogar wichtig, dass sie das tun. Aber sie haben eine herausragende Stellung. Und wenn man für Deutschland spielt, dann vertritt man auch das Land und seine Werte, weshalb ich das Foto mit Erdogan, der massiv Menschenrechte verletzt und Willkür gegenüber Teilen seiner eigenen Bevölkerung ausübt, ziemlich daneben fand.

Wie fanden Sie die Reaktion des DFB?

Dass bei Menschen mit Migrationsgeschichte mal zwei Herzen in einer Brust schlagen, ist doch völlig in Ordnung, dennoch ist ein Foto mit einem Autokraten falsch. Bundestrainer Jogi Löw hat sich in diesem Sinne treffend geäußert und an die persönliche Verantwortung appelliert.

Ist es richtig vom DFB, sich um die EM 2024 zu bewerben trotz des Sommermärchenskandals?

Die Bewerbung ist nur glaubwürdig im Zuge voller Transparenz. Mich als ehemalige Fußballerin hat der Skandal total getroffen, weil mein eigener Verband, der eine Vorbildfunktion hat, nicht sauber gearbeitet hat. Wir können die Missstände in anderen Ländern nicht glaubhaft kritisieren, wenn wir selbst nicht in der Lage sind, es besser zu machen. Als Fußballfan freue ich mich aber über die Bewerbung. Mit Blick auf die EM 2024 kann es nicht sein, dass die Fans für etwas bestraft werden, was beim DFB damals nicht richtig lief.

Sehen Sie den Willen zur vollständigen Transparenz in der neuen DFB-Spitze?

Da bin ich skeptisch. Der DFB hat einiges unternommen, das ist richtig. Aber die entscheidende Frage, ob die WM 2006 gekauft war, ist immer noch unbeantwortet.

Gerade die Politik aber hat doch Transparenz mitverhindert, indem zum Beispiel der Sportausschuss des Deutschen Bundestages nicht öffentlich zum WM-Skandal debattierte ...

Wir Grüne fordern schon lange, dass alle Ausschüsse im Bundestag öffentlich tagen. Aber bei manchen Befragungen sind nicht-öffentliche Sitzungen richtig, weil mehr dabei herauskommt.

Also dann doch lieber "halbe Transparenz"?

Nein, mit Blick auf 2006 wären öffentliche Sitzungen sicher gut gewesen. Das haben wir damals auch so gefordert.

Interview: Benjamin Hofmann

 

kicker

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