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25.10.2012, 10:03

Gladbach: Die Probleme, die Gründe

Was läuft schief bei der Borussia?

Viele Gegentore, weniger Ballbesitz - Gladbachs Schwächen sind offenkundig. Die Fohlen kriseln sich durch die Liga, in der Europa League droht das Aus. Was läuft schief? Eine Analyse.

Granit Xhaka und Luuk de Jong
Können ihre Qualitäten noch nicht so recht einbringen: Granit Xhaka und Luuk de Jong.
© picture alliance

Die Philosophie: Tief stehen und überfallartig kontern - das wurde in der Vorsaison als Zauberformel wahrgenommen. Ein Irrtum! Tatsächlich lässt Trainer Lucien Favre seine Elf hoch stehen, die Philosophie heißt Ballbesitzspiel. Durch eine schnelle Zirkulation soll die Lücke beim Gegner erzwungen und in die Tiefe gespielt werden. Die Modifikation seit Sommer: Da Neu-Stürmer Luuk de Jong seine Qualitäten im Strafraum hat - Kopfballstärke und Ein-Kontakt-Abschluss -, gilt es, von außen mehr Flanken zu schlagen. Was im Rückblick auf die Zeit mit Marco Reus (Dortmund) vergessen wird: Obwohl mit ihm das blitzschnelle Umschalten funktionierte und gerade nach Führungen der Platz zum Kontern zielsicher genutzt wurde, tat sich die Borussia auch mit Reus gegen kompakt und tief stehende Gegner schwer. Gleichwohl hakt es zurzeit in vielen Bereichen.

Die Defensivprobleme: 24 Gegentore in der Vorsaison, aktuell schon 16. Die Zahl der gegnerischen Chancen stieg von 3,76 pro Spiel auf 6,38. Ein Grund die Abgänge: Alvaro Dominguez sucht im Vergleich zu Dante (FC Bayern) noch die Abstimmung, hat nicht dessen Souveränität und weist eine zu hohe Fehlerquote auf. Der Wert von Roman Neustädter (Schalke) zeigt sich mehr denn je. Spielintelligenz, Antizipation, Balleroberung - Neustädter stabilisierte den Bereich vor der Viererkette. Nachfolger Granit Xhaka interpretierte seine Rolle vom Start weg offensiver, wodurch Stabilität zugunsten der erhofften Durchschlagskraft vorne eingebüßt wurde. Xhakas spätere Versetzung auf die Zehn erzielte aber auch keinen zusätzlichen Stabilitätseffekt, denn: Die Mannschaft arbeitet nicht mit letzter Konsequenz nach hinten. Nach Ballverlusten bleiben die Spieler oft stehen und erleichtern dem Gegner das Umschaltspiel. Auch rücken beide Doppelsechser häufig gemeinsam nach vorne und geben den Raum vor der Viererkette frei. Die Folge: Kontergegentore nach Ballverlusten, die Quote erhöhte sich von acht Prozent (Vorsaison) auf 19 Prozent. Insgesamt passt die Staffelung nicht. Hinzu kommt die Standard-Anfälligkeit (vier Gegentore alleine nach Ecken).

Die Offensivprobleme: Mit Reus ging der Dreh- und Angelpunkt. Er stand für Tempo, Ballsicherheit, Kreativität, Spielintelligenz und Torgefahr. Favres Experimente, das Vakuum im offensiven Zentrum zu füllen fruchteten nicht. Flügelspiel, um de Jong zu füttern? Fast Fehlanzeige. Statistisch sank die Zahl der Flanken sogar von 7,32 auf 7,13 pro Spiel! Es wird versäumt, Patrick Herrmann auf dem rechten Flügel freizuspielen. Links scheint sich Edeltechniker Juan Arango fast zu weigern, Flanken zu schlagen. Dass ihm (wie auch Mike Hanke) Reus als Kombinationspartner für die geliebten schnellen Ballstafetten fehlt, ist offensichtlich. Das größte Manko aber: Die Passsicherheit ist völlig weg, so läuft die Mannschaft in Konter. Der Ballbesitz sank von 54,17 Prozent auf 49,56 Prozent; die Passgenauigkeit um drei Prozent.

Form und Cleverness: Normalform hat keiner. Sogar "Bank" Marc-André ter Stegen wackelt mittlerweile. Es fehlt dem Team an Geduld, notfalls ein 0:0 in Kauf zu nehmen. Offenkundig wird der innere Offensivdrang bei einem 0:1, wenn sofort losgestürmt wird. Das lud Dortmund (0:5) und Bremen (0:4) zu Kantersiegen ein. Am eigenen Strafraum wird unnötig gefoult.

Das Fazit: Über die normalen Umbruchprobleme hinaus lautet die Kernfrage: Können von den Neuen vor allem Xhaka und de Jong in Lucien Favres Lieblingssystem und spielerischer Ausrichtung integriert werden? Oder muss, da beide unbestritten große Qualität mitbringen, nicht eher ein auf sie zugeschnittener Systemwechsel stattfinden? Favres Wechselspiele auf der Doppelsechs und vorne (4-4-2, 4-2-3-1) belegen seine Suche. Klar ist: Das Beibehalten des "alten" Erfolgsmodells wäre leichter gefallen, wenn man im Sommer zusätzlich eine spielstarke, schnelle zweite Spitze für die Reus-Position verpflichtet hätte.

Jan Lustig

 
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