"Wir haben unsere Chancen nicht genutzt", kommentierte ein sichtlich genervter Torwart Tim Wiese das Resultat, gleichbedeutend mit der ersten Niederlage in der diesjährigen europäischen Kampagne und dem Ende einer beeindruckenden Serie: Auswärts hatte Werder im Europa-Cup zuletzt elfmal in Folge nicht verloren. "Wenn wir in der ersten Halbzeit Tore machen, läuft die Partie ganz anders."
Eine Analyse, die den Nagel auf den Kopf traf. In den Katakomben der kleinen Arena "De Grolsche Veste" in der niederländischen Grenzstadt drehte sich alles um die ungenügende Chancenverwertung im von Werder-Seite aus gut gestalteten ersten Abschnitt, wie auch Manager Klaus Allofs ansprach: "Wir müssen das Spiel früh entscheiden."
Gleichlautend stöhnte auch Torsten Frings, als Kämpfer wieder mal ein Vorbild im Team: "In der ersten Hälfte war es ein richtig gutes Spiel von uns, doch wir haben halt nicht getroffen."
In der Gruppenphase dieses neuen Wettbewerbs bewies sich die auch auf dem Kontinent gefürchtete Torfabrik von der Weser: 17 Treffer, so viel hat keine Mannschaft erzielt. Doch in Enschede, als die Knockout-Runde startete, streikten die Bremer Scharfschützen. Vor allem Claudio Pizarro, sonst eine Bank, scheiterte mit einer Großchance. Doch auch Marko Marin, Naldo mit einem viel versprechenden Feistoß und selbst Petri Pasanen, der mit Leistenbeschwerden früh ausgewechselt werden musste, hatten Pech im Abschluss.
„In der ersten Hälfte war es ein richtig gutes Spiel von uns, doch wir haben halt nicht getroffen.“Werder-Kapitän Torsten Frings
So kam es wie so oft im Fußball: Der holländische Spitzenklub, der in der Defensive kompakt stand und mit einer disziplinierten Leistung bewies, dass er gewiss nicht zur Laufkundschaft zählt, nutzte die zweite seiner anfangs wenigen Gelegenheiten. Mesut Özil, weiterhin weit von seiner Normalform entfernt und vorzeitig von Thomas Schaaf vom Feld genommen, bildete im Mittelfeld den Geleitschutz für den Torschützen Theo Janssen, der seine Schussgewalt eindrucksvoll nachwies und aus etwa 25 Metern unhaltbar für Wiese einnetzte. "Der Trainer hatte vor solchen Situation eigens gewarnt", ärgerte sich der Keeper, der sich nach mehr als durchwachsenem Start ins Jahr 2010 abermals steigerte und auf dem Weg zur Bestform befindet. So parierte der Nationalspieler in der Schlussphase, als sich den Gastgebern mehr Räume boten, weil Werder vehement, aber ohne gezielten Plan und durchdachte Aktionen auf den Ausgleich aus war, einige Male. Werder kann sich im Endeffekt bei Wiese bedanken, dass es am Ende nur bei dem Ein-Tore-Rückstand geblieben ist.

Thomas Schaaf jedenfalls, der zum vierten Mal in Folge dieselbe Startformation mit dem am Fuß leicht angeschlagenen Aaron Hunt aufgeboten hatte und sich über die Steigerung von Akteuren wie Aymen Abdennour und vornehmlich Peter Niemeyer, dem früheren Enscheder, freuen durfte, konnte der Darbietung nichts Positives abgewinnen. Der Coach meckerte über die Seinen: "Wir haben nicht die Leistung gezeigt, die wir uns vorgestellt haben." 0:1 in Enschede, ein ekliges Ergebnis, wie die Europapokal-Arithmetik verät. "Kein Riesendrama", betont zwar ein Routinier wie Tim Borowski. Für das Rückspiel in einer Woche sei noch alles drin. "Doch dann müssen wir Vollgas geben."
Auch Kapitän Frings, an die Werder-Historie in den kontinentalen Wettbewerben erinnernd, hofft auf einen positiven Ausgang dieser "deutsch-niederländischen Fehde". "Für uns ist noch alles machbar", sagte der Ex-Nationalspieler, zumal diesmal gar nicht mal ein "Werder-Wunder" nötig ist, sondern "nur" ein stinknormaler Heimsieg. Und für einen Optimisten wie Tim Wiese stellt sich gar nicht die Frage, ob Werder weiterkommt. Normal, so sagte er und mag dabei auch an die Auswärtsschwäche der Niederländer gedacht haben, "machen wir zuhause alles klar." Sein Argument: "Weil wir einfach die bessere Mannschaft sind."
Wenn es mal immer so einfach wäre. Werder schien auch in Enschede lange als das bessere Team, scheiterte aber am Ende. Und Werder scheiterte am "Holland-Fluch". Im Nachbarland kann der Nord-Klub einfach nicht gewinnen. Auch im sechsten Anlauf scheiterte dieses Vorhaben. Die aktuelle Bilanz: Bei nur einem Remis gab es fünf Niederlagen im Europacup. "Das ist der größte Sieg, seitdem ich hier bin", freute sich Twente-Coach Steve McClaren: "Werder war die beste Mannschaft, die bisher hier angetreten ist."
Am Donnerstag starb beim ersten Spiel seit langem bei Plusgraden die Hoffnung auf eine neue Werder-Serie. Nach drei Erfolgen in Folge in Deutschland gab es einen leichten Rückschlag. Was diese Niederlage für eine Bedeutung vor dem Liga-Hit gegen Leverkusen habe? "Gar keine", meinte im Brustton der Überzeugung Tim Wiese. Und auch Klaus Allofs erhofft sich eher eine positive Wirkung. "Keine negativen Auswirkungen, im Gegenteil", meinte der Manager. Er unterstrich die heilsame Wirkung dieses erneuten Nackenschlags für die ambitionierte junge Formation: "Die Spieler haben heute noch mal gespürt, dass es ohne das absolute Wollen und die notwendige Leidenschaft nicht geht."
Hans-Günter Klemm
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