Zur Loginbox springen Zur Navigation springen Zum Inhalt springen
Nicht registriert?

10.08.2012, 11:22

Die beiden Leipziger Trainer im großen Kicker-Interview

"Wir sind nicht die Kreuzritter des Ostens"

Die neue Regionalliga Nordost legt los. Auch in Leipzig. Zwei Klubs, zwei neue Trainer, zwei Welten. Bereits am dritten Spieltag steht das Derby an. Für den kicker haben sich Alexander Zorniger (44, RB) und Marco Rose (35, Lok) in der RedBull-Arena erstmals getroffen, um über Rivalität, Kooperation und Nachhaltigkeit zu sprechen.

Treffen am dritten Spieltag mit ihren Teams aufeinander: Alexander Zorniger und Marco Rose.
Treffen am dritten Spieltag mit ihren Teams aufeinander: Alexander Zorniger und Marco Rose.
© imagoZoomansicht

kicker: Ihr Vorgänger auf dem Trainerstuhl von Lok Leipzig schmiss mangels Perspektive die Brocken hin. Der Klub stieg als Tabellensechster auf, weil die besser Platzierten verzichteten, zudem soll es Etat- und Kompetenzprobleme geben. Wieso lassen Sie sich auf ein solches Abenteuer ein, zumal es Ihre erste Trainerstation ist, Herr Rose?

Marco Rose: Sie haben recht, es ist ein Abenteuer. Aber Abenteuer machen Spaß. Ich denke, dass wir uns in der Liga etablieren können. Es gibt Regionalligisten, die mit größeren Problemen zu kämpfen haben als Lok Leipzig.

kicker: Hätten Sie den Posten angetreten, wenn es nicht Ihr Heimatverein wäre?

- Anzeige -

Rose: Leipzig ist meine Heimat, für mich ist das natürlich eine emotionale Kiste. Aber klar ist auch: Wer solche Herausforderungen nicht annimmt, ist für dieses Geschäft ungeeignet. Ich wollte das so, denn hier sehe ich für mich persönlich die Chance, den nächsten Schritt zu machen. Und bisher habe ich es noch keine Sekunde bereut.

kicker: Auch für Sie beginnt am Wochenende ein Abenteuer, Herr Zorniger. Allerdings ein völlig anders geartetes.

Alexander Zorniger: Abenteuer ist der falsche Ausdruck, denn bei einem solchen gibt es zu viele Faktoren, die sich nicht beeinflussen lassen. Ich sehe es als Herausforderung.

kicker: Eine Herausforderung, an der drei Ihrer Vorgänger bei RB Leipzig jeweils nach einem Jahr gescheitert sind. Warum haben Sie sich einen solchen Schleudersitz ausgesucht?

Zorniger: Wenn ich mir darüber Gedanken machen würde, hätte ich Ralf Rangnick damals sagen müssen: Tut mir leid, ich verzichte. Dann dürfte ich nicht in die 3. Liga, die 2. Liga oder irgendwann vielleicht in die Bundesliga gehen. Ich kann nicht meinen Spielern sagen, sie müssen immer ans Maximum gehen, selbst aber den Kopf einziehen, wenn sich mir eine solche Chance bietet. Dann wäre ich schön blöd. Wer bei so einer Aufgabe dabei sein kann, muss sie am Schopf packen. Oder andernfalls in der Bezirksliga trainieren.

kicker: Dennoch dürfte das Risiko einer Entlassung bei RB höher sein als andernorts.

Zorniger: Jeder Trainer kennt das Risiko, das er mit der Vertragsunterschrift eingeht. Mittlerweile sollte man sich gut überlegen, einen Zweijahresvertrag für eine Mietwohnung abzuschließen. Aber wer zehn Jahre lang einen normalen Job hatte wie ich, fällt nicht ins Bodenlose, wenn die Blase Fußball platzt. Bisher habe ich im Verein jedoch nicht die Erfahrung gemacht, dass sich jemand nicht meinen Vornamen merke möchte, weil ich in einem Vierteljahr sowieso nicht mehr da bin.

kicker: Ihre beiden Klubs kommen aus derselben Stadt und spielen in derselben Liga. Dennoch trennen sie Welten.

Rose: Das ist definitiv so. Die Ausgangsposition und die finanziellen Möglichkeiten sind komplett andere, neben dem Sportlichen habe ich mit anderen Sachen zu kämpfen. Aber ich finde das überhaupt nicht schlimm.

kicker: Können Sie das konkretisieren?

Rose: Ich muss mir nur den Rasen hier anschauen, der sieht aus wie ein Golfplatz. Aber es gibt auch eine Kehrseite der Medaille. Bei RB ist die Erwartungshaltung völlig anders.

Zorniger: Wir nehmen diese Zuspitzung, hier der Underdog, dort der Krösus, doch auch an. Was sollen wir denn anderes sagen bei diesen Rahmenbedingungen? Wir besitzen drei Rasenplätze, die in einem Topzustand sind, zwei Kunstrasenplätze und die nächsten Rasenplätze entstehen gerade. Zudem haben wir ein Stadion, das 45 000 Zuschauern Platz bietet, mit Tim Lobinger einen hervorragenden Athletiktrainer, mit Philipp Laux einen super Psychologen und 15 Leute auf der Geschäftsstelle. Für einen Trainer ist das ideal, ist doch klar. Bloß, eines sollte nicht unerwähnt bleiben: In anderen Vereinen werden die Spieler auch mit Geld bezahlt und nicht mit ehemaligen Meisterwimpeln.

Rose: Na ja, viel Geld wird bei uns nicht gezahlt.

kicker: Viele Ihrer Spieler arbeiten oder studieren. Wie viele leben nur vom Fußball?

Rose: Es sind vielleicht zwei. Aber die kommen mit wenig zurecht.

Zorniger: Meine Jungs kommen mit mehr zurecht. Definitiv. Die Bedingungen sind so, wie sie sind. Aber die waren auch in den letzten beiden Jahren die gleichen. Dennoch garantiert das keinen Aufstieg, das ist das Geile am Fußball. Und trotzdem: Über eine komplette Saison gesehen muss sich der Aufwand rechnen. Ansonsten haben wir alle etwas falsch gemacht. Obwohl ich vielleicht ein recht guter Rhetoriker bin, kann ich das nicht wegdiskutieren. Und ich will es auch gar nicht, weil ich davon ausgehe, dass es funktioniert.

kicker: Beneiden Sie Ihren Kollegen um diese Rahmenbedingungen?

Rose: Jeder hätte gerne solche Möglichkeiten. Aber ich heule deshalb nicht rum. Wir sollten bitte nicht den Fehler machen, ein Duell der Guten mit den Bösen zu schüren. Das ist einfach albern. Es sind zwei grundverschiedene Vereine. Lok respektive der VfB Leipzig hat durch Fehler in der Vergangenheit die Chance verspielt, sich in der Bundesliga zu etablieren und musste ums Überleben kämpfen. So hat jeder seine Geschichte.

kicker: Wobei die von RB reichlich jung ist.

Rose: RB ist nun mal in Leipzig gelandet, das ist Fakt. Für die Stadt kann ich mir nur wünschen, dass das ganze Projekt mit brutaler Nachhaltigkeit durchgezogen wird. Viele Leipziger lechzen danach, wieder Bundesligafußball zu sehen. Und wenn RB dieser Verein ist, der das bewerkstelligt, ist es halt so. Jedem in Leipzig muss klar sein, dass der Weg in die Bundesliga momentan nur über RB gehen kann.

Zorniger: Ich glaube nicht nur in Leipzig. Wir sehen uns sicherlich nicht als Kreuzritter des Ostens. Aber man sieht es doch an Dresden. Das ist eine super Stadt, und bei Dynamo sind richtig gute Leute am Werk. Und dennoch ist es brutal, welchen Aufwand die dort betreiben müssen, um ansatzweise eine Chance zu haben, den nächsten Schritt zu machen. Das ist auf Dauer fast unmöglich.

kicker: Sind die 3000 Fans bei der Saisoneröffnung von RB und die Zuschauerzahlen der abgelaufenen Saison ein Beleg, dass sich der Klub ein Standing in der Stadt erworben hat?

Zorniger: Ich denke schon. Mir ist jedoch vor allem eines wichtig: Eltern wollen mit Ihren Kindern ins Stadion gehen, ein gutes Spiel sehen und eine Stadionwurst essen. Eines möchten sie jedoch auf keinen Fall: in eine Prügelei hineinlaufen. Ich weiß sehr wohl, dass Emotionen beim Fußball dazugehören. Aber es muss Grenzen geben. In der Gesellschaft genauso wie im Fußball. Das, was hier passiert, darf auf keinen Fall herhalten für irgendwelche politischen Entwicklungen.

kicker: Sie spielen auf Übergriffe auf RB-Fans an.

Zorniger: Klar. Die körperliche Unversehrtheit muss das A und O sein. Wenn mir ein Stinkefinger entgegengestreckt wird, kann ich damit leben. Nicht jeder muss RB geil finden. Aber es gibt Grenzen, und die müssen eingehalten werden.

kicker: Wie haben Sie reagiert, als ein Freundschaftsspiel von RB gegen Aue ausfiel aus Angst vor Ausschreitungen der Fans, Herr Rose?

Rose: Aus sportlicher Sicht ist es nicht nachvollziehbar. Andererseits habe ich Verständnis für jeden Fan, der mit Herzblut an seinem Klub hängt und das Projekt kritisch hinterfragt. Da stampft jemand mit einem Batzen Geld einen Klub aus dem Boden, der anderen einen Platz in der Liga wegnimmt. Andere indes müssen sich das wahnsinnig hart erarbeiten. Aber noch mal: Man muss beide Seiten verstehen.

Zorniger: Wenn die Fans es hinterfragen, habe ich auch kein Problem damit, weil sie sich mit diesem Thema auseinandersetzen. Aber dieses Gefühl habe ich nicht immer.

kicker: Befürchten Sie Fankrawalle beim Derby?

Rose: Was Ausschreitungen betrifft, habe ich schon seit geraumer Zeit keine negativen Meldungen von unseren Fans mehr vernommen. Wir müssen auf diesem guten Weg bleiben und wachsam sein. Leider gibt es ein Gewaltpotenzial in unserem Verein. Wir werden die Stimmung im Vorfeld gewiss nicht mit Parolen anheizen, so ein Stadtderby birgt genügend Brisanz. Ich hoffe, wir erleben ein friedliches Fußballfest.

kicker: Ist die Euphorie in der Stadt spürbar?

Rose: Genau das ist momentan das Problem. Man spürt es eben nicht. Fußball zieht in Leipzig und lebt. Aber ich denke, die Leute haben über die Jahre das Zutrauen in die Sache verloren. Es geht darum, dieses Gefühl wiederzubeleben.

kicker: Es gab einmal das Angebot einer Kooperation beider Klubs im Nachwuchsbereich. Das hat 2011 die Mitgliederversammlung von Lok Leipzig abgelehnt. Wäre es nicht besser, im Schatten des Großen mitzuwachsen, Herr Rose?

Zorniger: Wenn ich kurz einhaken darf. Will Lok wirklich nichts mit uns zu tun haben? Soviel ich weiß, ist das Heimrecht beim Derby am dritten Spieltag auf Wunsch von Lok getauscht worden.

Rose: So ist es. Das ist für uns aus finanzieller Sicht ein überlebenswichtiger Spieltag. Anfangs ist alles noch relativ spannend, es werden viele Leute ins Stadion kommen. Auf unsere Bitte hin hat RB, ohne groß zu diskutieren, zugestimmt. Ich habe mich bereits dafür bedankt. Daran sieht man, dass trotz aller sportlicher Rivalität und dem Hochhalten unserer Tradition ein partnerschaftliches Nebeneinander funktionieren kann.

kicker: Könnten Sie sich eine Kooperation im Nachwuchsbereich vorstellen, Herr Rose?

Rose: Es ist so: Sollte bei uns ein guter C-Jugendlicher spielen, wird er sich irgendwann überlegen müssen, wo er die bestmögliche Ausbildung in den nächsten Jahren bekommt. Und dann werden wir relativ wenige Argumente haben. Wir müssen eine gute Nachwuchs-Philosophie haben, aber die Möglichkeiten von RB werden wir ihm nie bieten können. Nur: Vielleicht findet ein Spieler, der es dort nicht schafft, den Weg zurück, um bei uns den nächsten Schritt zu machen.

Zorniger: Es geht nicht nur um eine Kooperation mit Lok. Wir wollen alle Vereine im Umkreis einbeziehen. Bloß werden wir definitiv nicht vor jedem buckeln, um ihn zu überzeugen. Andererseits ist es nicht die Philosophie des Unternehmens und der sportlich Verantwortlichen, ohne Rücksicht unseren Weg durchziehen und immer mehr Geld reinzustecken, sodass links und rechts die Klubs wegfliegen. Tradition ist grundsätzlich immer etwas Gutes. Aber es darf niemals die Orientierung der sportlichen Verantwortungsträger ersetzen.

kicker: Geht es nach Ralf Rangnick, soll RB das Aushängeschild des Ostens werden. Was denken Sie?

Rose: Solchen Äußerungen müssen Taten folgen. Und dafür muss man zunächst Ligen nach oben klettern. Im Moment sind Dynamo Dresden, Union Berlin, Cottbus und Aue die Aushängeschilder, weil sie den Osten im Profifußball vertreten. RB hat klare Ziele. Aber die müssen mit Leben gefüllt werden.

Das Interview führten Oliver Hartmann und Uwe Röser.

10.08.12
 

- Anzeige -
Seite versenden
zum Thema
- Anzeige -

weitere Infos zu Rose

Vorname:Marco
Nachname:Rose
Nation: Deutschland
Verein:

- Anzeige -

Vereinsdaten

Vereinsname:1. FC Lok Leipzig
Gründungsdatum:10.12.2003
Vereinsfarben:Blau-Gelb
Anschrift:1.FC Lokomotive Leipzig
Connewitzer Straße 21
04289 Leipzig
Telefon: (03 41) 86 99 90
Telefax: (03 41) 86 99 911
Internet:http://www.lok-leipzig.com/

Vereinsdaten

Vereinsname:RasenBallsport Leipzig
Gründungsdatum:19.05.2009
Anschrift:RasenBallsport Leipzig e.V.
Neumarkt 29-33
04109 Leipzig
Telefon: (03 41) 12 47 97 0
Telefax: (03 41) 12 47 97 11
Internet:http://redbulls.com/soccer/leipzig/de/home.html

- Anzeige -

- Anzeige -