Denn der Hannoveraner bewegte sich in historischen Dimensionen. Seit Heinrich Kwiatkowski (1926 bis 2008) musste kein deutscher Keeper bei seinem ersten Einsatz dreimal oder öfter hinter sich greifen. Dem 22-jährigen Zieler passierte dies sogar innerhalb von 45 Minuten, weshalb zum Pausentee das Trainerteam gefordert war.
"Er war zur Halbzeit sehr enttäuscht, weil er keinen Ball gehalten hatte", sagte Bundestrainer Joachim Löw über Zieler. Bundestorwarttrainer Andreas Köpke musste in der Kabine entsprechende Aufbauarbeit leisten. "Jetzt lass nur nicht den Kopf hängen", gab er Zieler mit auf den Weg in die zweite Hälfte - was der junge Mann beherzigte.
Erst rettete er in der 50. Minute gegen Nazarenko in Klasse-Manier. In der Schlussminute bewahrte Zieler die DFB-Auswahl mit einem tollen Reflex bei einem Schuss von Devic dann sogar noch vor einer Niederlage. "Das hat er klasse gemacht. Deshalb war das absolut zufriedenstellend", lobte Löw.
Auch Zieler beurteilte seinen ersten Auftritt im DFB-Dress trotz der drei Gegentore positiv: "Natürlich ärgert man sich, wenn man drei Tore kassiert. Aber in der Halbzeit habe ich mir gesagt, jetzt gehst Du trotzdem mit breiter Brust raus. Dass ich den Ball am Ende gehalten habe, hat mich dann so richtig gefreut", sagte der 22-Jährige, auch wenn er sich seinen ersten Auftritt im A-Team "anders vorgestellt hat". Kleiner Trost: Kwiatkowski musste bei seinem ersten Spiel gleich achtmal hinter sich greifen, 3:8 hieß es im ersten WM-Duell 1954 gegen Ungarn. Am Ende feierte die deutsche Elf dann aber ihren ersten WM-Titel.

Vom EM-Titel war die deutsche Elf im Finalstadion der EURO 2012 aber weit entfernt. Was aber auch der Umstellung auf eine Dreier-Abwehrkette geschuldet war: "Wir haben dieses System nicht einmal trainiert. Erst in der Mannschaftssitzung am Spieltag haben wir erfahren, dass wir so spielen", sagte Abwehrspieler Jerome Boateng und gab damit die Überraschung der deutschen Spieler über die Löw'sche Entscheidung wider.
Offenbar war es der Plan von Löw, die Flexibilität seiner Spieler zu überprüfen. "Eine gute Mannschaft muss in der Lage sein, verschiedene Systeme zu spielen", sagte Löw.
„"Wir haben dieses System nicht einmal trainiert. Erst in der Mannschaftssitzung am Spieltag haben wir erfahren, dass wir so spielen"“Jerome Boateng
Allerdings waren nicht nur die Defensivleute Jerome Boateng, Hummels und Badstuber mit der neuen Raumaufteilung überfordert, auch die doppelt besetzte Zentrale mit Özil und Götze brachte nicht die erhoffte Wirkung. So musste Mittelstürmer Gomez, der die deutsche Elf am Freitagabend erstmals als Kapitän auf das Spielfeld führte, häufig ausweichen und konnte nicht an die zuletzt gezeigten Leistungen anknüpfen.
Löw urteilte aber gnädig: "Auch wenn ich einer der wenigen bin, ich war sehr zufrieden. Zwei der drei Tore sind nach Eckbällen für uns gefallen, da waren alle Abwehrspieler vorne. Das dritte Tor war ein Schuss aus 30 Metern in den Winkel. Da haben wir andere Fehler in der Zuordnung gemacht, das darf uns natürlich nicht passieren. Das hatte aber nichts mit der Dreierkette zu tun. Fehler sind passiert, aber nicht in der Dreierkette", meinte Löw.
Dennoch dürfte dem 51-Jährigen nicht entgangen sein, dass seine Elf nicht nur Schwierigkeiten hatte, die Stammkräfte Lahm, Schweinsteiger und Klose zu ersetzen, sondern dass die Mannschaft in der Besetzung der ersten 45 Minuten wohl auch keine Zukunft haben wird. Denn einige aus der "zweiten Reihe" konnten ihre Chance nicht nutzen und dürften im Kampf um einen EM-Platz wohl eher Boden verloren haben.
Immerhin bewies die deutsche Mannschaft im zweiten Abschnitt Moral und schaffte noch das Remis. Verantwortlich dafür waren auch die Einwechselspieler, WM-Torschützenkönig Thomas Müller gelang zum Beispiel das 3:3.
Für den Klassiker gegen die Niederlande am Dienstagabend (20.45 Uhr) in Hamburg will Löw wohl das 4-4-2 testen. Die genaue Ausrichtung richtet sich aber auch danach, ob Lazio-Stürmer Klose rechtzeitig fit wird. "Beim Spiel gegen Holland werden wir nicht mit Dreierkette spielen. Wir werden sehen, ob wir mit zwei Spitzen spielen können. Das hängt davon ab, ob Miroslav Klose am Sonntag wieder trainieren kann", sagte Löw. Der ehemalige Bayern-Stürmer laboriert derzeit ein einer Sehnenreizung und reiste ebenso wie Mönchengladbachs Reus nach Hamburg nach.
Definitv fehlen wird der Dortmunder Marcel Schmelzer. Der Außenverteidiger verließ nach der Rückkehr der DFB-Auswahl aus der Ukraine wegen einer Wadenzerrung das DFB-Quartier in Richtung Heimat. Schmelzer hatte wegen dieser Blessur schon in Kiew passen müssen.
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