Es wurde kein denkwürdiges Debakel wie beim 1:4 gegen Italien in Florenz am 1. März 2006. Doch auch das 0:1 gegen Argentinien unter den Augen von Ex-Bundestrainer Jürgen Klinsmann genügt, um an der WM-Mission der deutschen Nationalelf 102 Tage vor ihrem Auftakt gegen Australien gravierende Zweifel zu wecken. Gegen die mit Klasse-Akteuren gespickten Südamerikaner, jedoch nur mit Ach und Krach für Südafrika qualifiziert, zeigte sich das Team um Michael Ballack weit entfernt von den vollmundig geäußerten Titel-Ambitionen. Zu verwundbar die Defensive, zu bieder die spielerischen Mittel.
Zudem fehlten Esprit und Leidenschaft, die von einer echten WM-Generalprobe hätten erwartet werden dürfen. "Große Vorfreude" hatte Teammanager Oliver Bierhoff kurz vor Anpfiff beschworen, was dann folgte, war eher Dienst nach Vorschrift. Die Diskussion, ob Bundestrainer Joachim Löw und sein Stab vor dem Hintergrund der spektakulär gescheiterten Vertragsverlängerung wirklich noch das nötige Feuer im Team entfachen können, dürfte so weiter an Fahrt gewinnen. Ein erneutes Gesprächsangebot von DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach lehnte Löw zu Wochenbeginn kategorisch ab. Im Hinblick auf die Brennpunkte in seinem Kader hat er bis zur WM-Nominierung ohnehin genug zu tun.
Mit der folgerichtigen Ernennung zur Nummer 1 erhielt René Adler am Montag die wenige Stunden zuvor im kicker-Interview geforderte Klarheit. Doch tat ihm diese wirklich gut? Zunächst wirkte der Leverkusener sicher, patzte dann aber beim 0:1 - gerade anderthalb Wochen nach seinem "Klops" bei Naldos Freistoß in Bremen. Diesmal verschätzte sich Adler deutlich, als er weit aus seinem Strafraum eilte, wirkte schlichtweg übermotiviert. Für den ZDF-Experten Oliver Kahn kein überraschendes Phänomen: "Wenn du den Kampf um die Nummer 1 gewonnen hast, ergibt sich eine neue Situation. Du wirst noch kritischer beäugt, musst deinen Status verteidigen. Das muss ein junger Mann wie Adler erst mal verkraften." Eine Herausforderung, die der 25-Jährige gegen Argentinien vorerst nicht bestand.
„Wenn du den Kampf um die Nummer 1 gewonnen hast, ergibt sich eine neue Situation. Du wirst noch kritischer beäugt, musst deinen Status verteidigen. Das muss ein junger Mann wie Adler erst mal verkraften.“Ex-Nationaltorwart Oliver Kahn
Sollte Adler nun auch in der Liga an Stabilität einbüßen, muss die Diskussion um die Nummer 1 vielleicht noch einmal neu geführt werden. Für eine mögliche Belastung des Arbeitsklimas in Südafrika sorgte derweil ausgerechnet Torwarttrainer Andreas Köpke. Während Manuel Neuer von ihm in München über die Entscheidung informiert wurde, erfuhr der verletzte Tim Wiese nur über die Medien, dass er in Südafrika als Reservist vorgesehen ist. Köpke blieb die Antwort schuldig, warum er so beim Bremer verständliche Verstimmung auslöste.
Löw testete gegen Argentinien eine Viererkette, die noch nie zuvor in dieser Formation zusammenspielte - und hoffentlich auch bei der WM nicht die deutschen Hoffnungen tragen muss. Serdar Tasci unterstrich nach sechsmonatiger Länderspiel-Pause, dass er nicht die Ideallösung neben Per Mertesacker verkörpert. Ebenso wenig konnte das bisher aber der in den vier vorangegangenen Länderspielen getestete Heiko Westermann nachweisen. Der hinteren Reihe fehlte Abstimmung, aber auch individuelle Klasse. Mertesacker leistete sich einen Stellungsfehler vorm 0:1, Tasci und Jerome Boateng sahen bei di Marias Lattentreffer alt aus.
171 Länderspiele vereinen Michael Ballack und Bastian Schweinsteiger, nun erprobte Löw das Duo erstmals als Doppelsechs. Ballacks Bedenken, Schweinsteiger sei wie auch Sami Khedira zu offensiv veranlagt für diese Position, erhielten neue Nahrung. Löw hatte die Diskussion abgetan, darüber mache er sich "gar keine Sorgen". Aber: Gerade beim Pass zum 0:1 wurde im Mittelfeld zu langsam umgeschaltet, dem Gegner zu viel Raum gestattet. "Da fehlte der defensive Mittelfeldspieler", kritisierte Kahn. Zudem blieben die offensiven Hoffnungsträger Özil, Müller und Podolski blass.

Klose oder Gomez? Löw entschied sich mit seiner Aufstellung zunächst gegen die Wertung von Louis van Gaal, unter dem sich Gomez beim FC Bayern als Stammkraft etabliert hat und Klose zum Joker degradiert wurde. Klose begann, mit 48 Länderspiel-Toren erfolgreichster Goalgetter im aktuellen Kader und mit sieben Treffern deutscher Top-Torjäger in der WM-Quali. Doch hing Klose in der Luft, nach der Pause blieb auch Gomez wirkungslos.
"Die Mannschaft soll beginnen, sich einzuspielen. Andererseits möchte ich aber auch Dinge testen. Diesen Spagat muss ich schaffen", hatte Löw angekündigt. Gelungen ist die Übung am Mittwoch Abend nicht.
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