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03.08.2009, 12:53

Bundestrainer Joachim Löw im Interview

"Jetzt ist nicht der Zeitpunkt für Experimente"

Wenig Zeit für Jochim Löw (49). Am 12. August muss die Nationalelf in Aserbaidschan ran. Die Bestandsaufnahme des Bundestrainers, der sich zum Kurs im WM-Jahr äußert. Auch zu den Personalien Michael Ballack, Bernd Schneider und Jermaine Jones äußert sich Löw im großen kicker-Interview.

Joachim Löw
Ein Lob für die U-21-Europameister: Bundestrainer Joachim Löw.
© imagoZoomansicht

kicker: Unter welchem Motto steht die WM-Saison, Herr Löw?

Joachim Löw: Ein Motto ist nicht ausgegeben. In den kommenden Monaten hat natürlich erst einmal die Qualifikation für Südafrika absolute Priorität. Besonders das Spiel gegen Russland am 10. Oktober in Moskau steht im Blickpunkt und wird eine schwere Aufgabe. Darüber hinaus machen wir uns auch unsere Gedanken über Organisation, Logistik und Planung der WM. Aber ich kann es nur nochmals betonen: Unsere Konzentration gilt ganz klar den vier ausstehenden WM-Qualifikationsspielen. Zur Vorbereitung darauf ziehen wir uns in dieser Woche für ein paar Tage mit der sportlichen Leitung der Nationalmannschaft zurück.

kicker: Nach welchen aktuellen Erkenntnissen benennen Sie am Donnerstag den Kader für das Qualifikationsspiel am Mittwoch kommender Woche in Aserbaidschan?

Löw: Dieser Kader wird nach den generellen Kenntnissen nominiert, die wir über die Nationalspieler haben, da es nach einem Pokalspieltag noch keine großen neuen Erkenntnisse geben kann. Wir haben aus der Distanz einige Eindrücke aus den Vorbereitungsspielen der Klubs gesammelt: Tendenzen, wer die Vorbereitung durchgängig absolviert hat, wer in guter Frühform ist.

kicker: Sind Überraschungen zu erwarten, zum Beispiel aus dem Kreis der U-21-Europameister?

Löw: Einige sind bei uns ja ohnehin schon im erweiterten Kreis dabei gewesen wie Marin, Beck, Özil und Neuer. Jetzt ist aber nicht der Zeitpunkt für Experimente. Wir haben eh nur zwei, drei Tage Vorbereitung auf das Spiel in Baku.

Für Gomez war der Wechsel ein logischer Schritt. Er möchte sich täglich in einem stärkeren Konkurrenzkampf messen.

kicker: Welche Erkenntnisse hat Ihnen die U-21-Europameisterschaft gebracht?

Löw: Es war ein Turnier auf gutem Niveau. Da hat man gesehen, dass einige Spieler sehr, sehr talentiert sind. Von Boateng über Höwedes bis Khedira gibt es einige Spieler, denen es zuzutrauen ist, dass sie in den nächsten Jahren auf ganz hohem internationalen Niveau eine gute Rolle spielen können. Ob von ihnen jetzt schon einer auf den WM-Zug springen kann, wird sich im Laufe der Saison zeigen.

kicker: Aserbaidschan mit dem früheren Bundestrainer Berti Vogts als Coach hat in fünf Qualifikationsspielen fünf Tore kassiert, noch kein Tor geschossen und bei einem Remis vier Niederlagen erlitten. Diese Bilanz riecht nach einem 1:0-Sieg für die deutsche Mannschaft.

Löw: Bei solchen Spielen spielt die mentale Komponente die wichtigste Rolle. Das beginnt in der Vorbereitung. Wenn man einen Gang zurückschaltet, dann geht es in der Regel schief. Man muss sich deshalb optimal auf das Spiel einstellen. Wenn man nur denkt, man könnte etwas weniger abrufen, dann wird es gegen Mannschaften wie Aserbaidschan immer ganz gefährlich. Dann ist der Unterschied nicht mehr sehr groß. Wenn wir jedoch mit der Einstellung an die Aufgabe rangehen, die eigene Topleistung abzurufen und 100 Prozent Einsatz zu bringen, werden wir das Spiel gewinnen.

kicker: Wie steht es um Kapitän Michael Ballack?

Löw: Ich habe vergangene Woche mit ihm gesprochen. Er arbeitet hart in der Reha. Anfang dieser Woche werde ich wieder mit ihm sprechen.

kicker: Sie haben ihn noch nicht abgeschrieben für Aserbaidschan?

Löw: Ich habe noch Hoffnung. Bei einem Zehbruch kann niemand eine genaue Prognose geben. Das ist sehr schmerzhaft, aber es gibt sehr unterschiedliche Heilungsverläufe.

kicker: Mehrere Nationalspieler haben den Verein gewechselt. Mario Gomez ist von Stuttgart zum FC Bayern gegangen. Ein richtiger Schritt?

Löw: Diesen Wechsel halte ich für einen logischen Schritt. In Stuttgart war er gesetzt. Er hat mir mehrfach gesagt, dass er sich einer neuen Herausforderung stellen will. Er möchte sich täglich in einem stärkeren Konkurrenzkampf messen, auch wenn er weiß, dass er vielleicht nicht immer spielen wird. Denn bei Bayern kämpfen mindestens vier gute Stürmer um die Plätze. Ich glaube, dass ihn diese Konkurrenz weiterbringt. Es war der richtige Zeitpunkt für diesen Wechsel.

kicker: Lukas Podolski ging den anderen Weg. Vom FC Bayern zum 1. FC Köln, wo er gesetzt ist.

Löw: Die beiden Spieler unterscheiden sich deutlich. Podolski lebt ganz stark von der Emotionalität. Er braucht Vertrauen und ein Umfeld, in dem er sich wohlfühlt. Deshalb habe ich ihm auch geraten zu diesem Schritt, wenn er ihn von seinem Bauchgefühl als richtig empfindet, nachdem er in den vergangenen drei Jahren unregelmäßig gespielt hat bei den Bayern und manchmal wochenlang nicht zum Einsatz gekommen ist. Er braucht jetzt vor allem viele Spiele. Ich hatte in den Gesprächen den Eindruck: Er liebt Köln, er möchte zurück, kann deshalb auch der ungeheueren Erwartungshaltung dort standhalten. Wenn er sich wohlfühlt, kann er jedem Druck widerstehen.

kicker: Haben Sie den von München nach Bremen zurückgekehrten Tim Borowski noch im Auge?

Löw: Er ist noch im Blickfeld. Tim Borowski bringt eine hohe Spielintelligenz mit. Wenn er in Bremen die Leistung bringt, die er vor seinem Wechsel nach München gezeigt hat, ist er für uns immer interessant.

kicker: Wird sich der frühere Mönchengladbacher Marko Marin in Bremen durchsetzen?

Löw: Junge Spieler können sich in Bremen gut entwickeln. Dort werden sie in einem intakten Umfeld von Thomas Schaaf behutsam aufgebaut. Das stimmt mich positiv bei Marin. Er ist talentiert, aber nicht ausgereift. In Bremen wird er auch über die internationalen Spiele stärker gefordert, ohne dass ich erwarte, dass er für alle Spiele gesetzt ist. Ich sehe diesen Wechsel positiv.

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kicker: Bernd Schneider musste verletzungsbedingt seine Laufbahn beenden ...

Löw: ... was mich getroffen hat. Er war ein Spieler, wie ihn sich jeder Trainer wünscht. Ich bin ein Freund von feiner Technik, intelligenter Spielweise, und wenn man den Bernd erlebte, mit welcher Lust und Begeisterung er Fußball gespielt hat und dabei in der Lage war, sich mit den besten Technikern auf der ganzen Welt zu messen, dann hat es schon besonders wehgetan, dass er auf diese Art und Weise aufhören musste. Er war bei mir fest eingeplant vor der EM 2008, da konnte er leider nicht mitmachen. Er hätte es verdient gehabt, mit einem Turnier oder einem großen Spiel seine Karriere zu beenden. Beim Spiel gegen Südafrika am 5. September in Leverkusen werden wir uns für ihn etwas ganz Besonderes einfallen lassen. kicker: Wie kommentieren Sie die "Flucht" von Jermaine Jones in das US-Nationalteam?

Löw: Wenn er meint, dass es für ihn der richtige Weg ist, akzeptiere ich das. Die FIFA-Regelung verstehe ich nicht ganz. Aber es wurde eben so entschieden, dass ein Wechsel möglich ist, wenn man schon A-Länderspiele bestritten hat. Wenn er davon überzeugt ist, dass er für ein Land spielen kann, zu dem er keine ganz so große Beziehung hat, wünsche ich ihm alles Gute. Im Moment haben wir auf dieser Position keine Vakanzen. Deshalb war Jermaine Jones für mich nicht erste Wahl. Torsten Frings, Thomas Hitzlsperger, Simon Rolfes und möglicherweise auch Sami Khedira bevorzuge ich auf dieser Position.

Es war nie unser Ansinnen, dass wir Trainingspläne an Vereinstrainer verteilen. Das wäre ja völlig unsinnig.

kicker: Hat Deutschland keinen Weltklassespieler, wie Oliver Bierhoff dieser Tage meinte?

Löw: Da wurde wieder viel reininterpretiert in ein Interview. Es ging doch darum, dass wir zum Beispiel 1990 zahlreiche Spieler im Ausland hatten bei Topvereinen wie Inter Mailand. Auf der anderen Seite hat der deutsche Fußball heute eine fantastische Infrastruktur, die Vereine sind finanziell relativ gesund, und wenn dann unsere Nationalspieler bei den Spitzenvereinen der Bundesliga spielen, ist das eine gute Tendenz.

kicker: In der Sommerpause gab es auch wieder Diskussionen um Ihre Trainingspläne für Nationalspieler, zum Beispiel kam Kritik von Felix Magath.

Löw: Es war nie unser Ansinnen, dass wir Trainingspläne an Vereinstrainer verteilen. Das wäre ja völlig unsinnig. Jeder Trainer hat seine eigene Philosophie. Was unsere Erkenntnisse über die Nationalspieler angeht, gibt es einen Austausch mit den Vereinstrainern. Dabei geht es allein darum, wo es einen Ansatz gibt, den einzelnen Spieler im beiderseitigen Interesse noch zu verbessern auf einer gemeinsamen Linie. Wir versuchen die Spieler nur daran zu erinnern, dass man mehr Zeit investieren muss in seinen Beruf, um zur Elite zu gehören.

Matthias Sammer
"Aufgaben klar verteilt": Joachim Löw zieht gemeinsam mit Matthias Sammer (li.) und Oliver Bierhoff an einem Strang.
© imago

kicker: Sind die Kompetenzen zwischen Ihnen und Sportdirektor Matthias Sammer nun abgesteckt?

Löw: Das ist absolut abgestimmt. Es gab ja noch ein Gespräch am Rande der U-21-EM mit Präsident Theo Zwanziger, Generalsekretär Wolfgang Niersbach, Oliver Bierhoff, Matthias Sammer und mir. Dort wurden alle unterschiedlichen Vorstellungen auf einen Nenner gebracht. Die Aufgaben sind klar verteilt. Im sportlichen Bereich geben Matthias Sammer und ich die Linie vor, stehen dafür, dass unsere Philosophie umgesetzt wird. Oliver Bierhoff ist für organisatorische und logistische Dinge und die Abwicklung unserer Wünsche zuständig. Matthias Sammer und ich sind sich in den sportlichen Kernpunkten absolut einig. Intern sind die Aufgaben klar abgesteckt zwischen A-Team und U 21 sowie von der U 20 bis zur U 15. Ab der U 20 ist Matthias hauptverantwortlich für die Umsetzung der konsequenten Übertragung einer einheitlichen Linie von oben nach unten.

kicker: Will Matthias Sammer Sie als Bundestrainer beerben?

Löw: Der Matthias hat in dieser Frage überhaupt keine Ambitionen im Moment.

kicker: Hat Oliver Bierhoff Ihnen schon verraten, wann er seinen Vertrag als Manager des Nationalteams verlängern will?

Löw: Das hat er mir noch nicht verraten.

kicker: Haben Sie ihn gefragt?

Löw: Es war mal so angedacht, dass es Gespräche darüber nach der Sommerpause geben soll.

kicker: Und wie sieht es mit Ihrer Vertragsverlängerung als Bundestrainer aus?

Löw: Wir wollen uns mal zusammensetzen und abklopfen, welche Möglichkeiten es gibt. Vor der EM war es so, dass ich im Herbst 2007 nach der Qualifikation verlängert hatte. Das machte Sinn. Das ist jetzt auch das Thema. Die Grundvoraussetzung aber bleibt, dass wir zunächst die Qualifikation schaffen wollen und diese schwierige Aufgabe nicht unterschätzen.

kicker: Mal ehrlich, reizt Sie nicht auch wieder einmal die Arbeit bei einem Verein?

Löw: Es wird der Zeitpunkt kommen, wo es für mich wieder eine andere Möglichkeit gibt. Aber im Moment ist es für mich eine ganz überragende Sache, Bundestrainer zu sein. Es macht mir wahnsinnigen Spaß. Die Mannschaft hat sich gut entwickelt, auch wenn es gelegentlich mal kleine Rückschläge gegeben hat. Die Konzeption und die einheitliche Philosophie beim DFB ist gut und fruchtet immer mehr.

kicker: Was würde es für Ihre Planungen bedeuten, wenn Russland Gruppensieger würde und Deutschland in zwei Play-off-Spielen um das WM-Ticket kämpfen müsste?

Löw: Das würde eine Stresssituation auslösen, die wir umgehen wollen. Dass man jedoch bei einem so starken Konkurrenten wie Russland in die Play-offs muss, ist nicht ganz auszuschließen. Aber im Moment haben wir eine gute Ausgangsposition, weil wir gegen die Russen in Dortmund gewonnen haben. Das gibt uns einen kleinen Vorteil.

Interview: Rainer Franzke

03.08.09
 

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