Mittelfeldmann räumt Verunsicherung ein

Gündogan und die Suche nach Leichtigkeit

Nationalelf - 10.09. 10:20

Neuanfang. Für die Nationalmannschaft im Allgemeinen standen die beiden Partien gegen Frankreich (0:0) und Peru (2:1) unter diesem Schlagwort. Im Besonderen galt das für den vor der WM wegen des Erdogan-Fotos ausgepfiffenen Ilkay Gündogan. Der zeigte sich am Sonntagabend gelöst, betonte aber, dass die DFB-Auswahl noch mit den Folgen aus Russland zu kämpfen habe.

"Das gab mir ein gutes Empfinden": Ilkay Gündogan war erleichtert, dass es gegen Peru keine Pfiffe gegen ihn mehr gab. © imago

Natürlich kam die Frage einmal mehr. Auch in Sinsheim, wo der Spielmacher von Manchester City gegen die Südamerikaner startete, anders als in München, wo er am Donnerstag für Leon Goretzka eingewechselt worden war: Fällt da Nervosität ab, wenn man merkt, dass die Fans nicht mehr ihren Unmut äußern? "Ich hatte nicht das Gefühl, dass negative Stimmung da war oder es Pfiffe gab. Das gibt mir ein gutes Empfinden", atmete Gündogan auf und gab im gleichen Atemzug zu Protokoll, dass es "ein komisches Gefühl war, ausgepfiffen zu werden von mehreren hundert oder tausend Fans im eigenen Land. Das hat wehgetan". Nichtsdestotrotz stehe er als Fußballer in der Öffentlichkeit und müsse wissen, wie er mit Kritik umzugehen habe. "Ich glaube, am Ende zählt nur die Leistung. Wenn die Zuschauer merken, dass man sich für die Mannschaft und das Land opfert, dann springt der Funke wieder über."

Dominanz in Hälfte eins hing eng mit Gündogan zusammen

Es mag sein, dass Gündogan bewusst die martialische Aufopferungs-Begrifflichkeit wählte - schließlich war auch Mentalität ein Thema in der WM-Aufarbeitung des Bundestrainers. Insofern darf das im Zustandekommen glückliche, aber verdiente 2:1 gegen Peru als weiterer Schritt gewertet werden – in doppelter Hinsicht: für die DFB-Auswahl mit einem akzeptablen Ergebnis gegen einen sich wirkungsvoll wehrenden, aber dennoch limitierten Gegner; für Gündogan persönlich mit guten Akzenten in den ersten 45 Minuten. Kaum ein Akteur steht mit seiner Wendigkeit, seiner Fähigkeit zum Ein-Kontakt-Spiel und dem guten Auge für den Stil, den Joachim Löw eigentlich bevorzugt, wie Gündogan. Es war kein Zufall, dass der viermalige Weltmeister gerade in der ersten Hälfte schnell Tiefe in sein Spiel brachte und zahlreiche Chancen hatte. Diese Dominanz hing eng mit Ilkay Gündogan zusammen.

"Es war ein komisches Gefühl, ausgepfiffen zu werden von mehreren hundert oder tausend Fans im eigenen Land. Das hat wehgetan."

Ilkay Gündogan

"Da haben wir es als Mannschaft gut gemacht, wobei wir ein, zwei Kontersituationen besser verteidigen können", mahnte der 27-Jährige, die altbekannte Schwäche an. Irgendwo zwischen einer jener vielen vergebenen Gelegenheiten und dem Pausenpfiff aber ging die Leichtigkeit, die Selbstverständlichkeit verloren wie vor dem Turnier in Russland zwischen Eppan und Watutinki.

Mangelnde Chancenverwertung auch gegen Peru ein Thema

Natürlich fiel der Begriff Chancenverwertung mehrfach in den Katakomben der Arena von Sinsheim. Warum geht das deutsche Team derlei fahrlässig mit seinen Möglichkeiten um? "Ich glaube, so etwas kann man relativ schwer beantworten." Gündogan zuckte mit den Schultern. Der England-Legionär erkennt "noch eine leichte Verunsicherung in der Mannschaft aufgrund der Geschehnisse der letzten Monate. Das ist normal und menschlich. Das gilt es, mit guter Leistung vergessen zu machen, auch in unseren eigenen Köpfen".

Der feine Techniker ist "kein Freund davon, alles von der WM schlechtzumachen". Der Titelträger, dem die Deutschen ja zum Auftakt Nationen-Liga ein Remis abgetrotzt hatten, sei dafür das beste Beispiel mit seinem ergebnisorientierten Auftreten. "Ich finde, dass bei der WM keiner herausgestochen hat mit seiner Art, Fußball zu spielen." Da hat Gündogan einerseits recht, andererseits lässt das wenig Gutes erahnen für den Liebhaber des schönen Spiels. Doch das dürfte in einem DFB-Team auf dem Weg zurück zunächst wenig interessieren. Es geht um Feinjustierungen und Kommunikation, wie der Ex-Dortmunder und -Nürnberger erklärte. Die Auswahl müsse "in erster Linie mental zu alter Stärke finden".

Benni Hofmann

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