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10.03.2008, 12:33

Kolumne von Oliver Birkner

Nonplusultra-Fußball-Safari

Wen interessieren schon äußere Bedingungen und Komfort, wenn man zum Fußball geht? Doch eigentlich nur Modefans. Italien hat sich hingegen bis heute gegen jegliche Modernität im Calcio erfolgreich gewehrt, und ist deshalb die extravagante Nonplusultra-Fußball-Safari. Denn hier ist es, abgesehen von abstrusen Zweitligateams wie Frosinone, ein unglaubliches Abenteuer, überhaupt ins Stadion zu kommen.

"Übern Brenner" - der etwas andere Blick auf den Calcio

Italien

Sich mal eben schnell zwei Stunden vor Anstoß zu Hause zu verabschieden "Weißt du was Schatz, schau du ruhig Sex and the City, ich gehe ins Stadion", nein, so funktioniert das nicht. Wäre ja auch wirklich zu einfach. Ein Stadionbesuch will eben durchdacht sein. Also muss man mit Personalausweis spätestens ein, zwei Tage vor der Partie in einer autorisierten Vorverkaufsstelle vorstellig werden. Einige Teams der Serie A wie beispielsweise die Roma besitzen am Stadion keine Kassenhäuschen mehr. Für die "Gelbroten" kann man zwar noch am Spieltag Tickets erwerben, doch muss man a) sonntags erst einmal einen Laden finden, der überhaupt geöffnet ist, und b) werden auch dort einige Stunden vor Anpfiff die Leitungen gnadenlos gekappt.

Viele leere Plätze im Olimpico: Das Ticket-System ist in Italien aber auch verdammt kompliziert.
Viele leere Plätze im Olimpico: Das Ticket-System ist in Italien aber auch verdammt kompliziert.
© imagoZoomansicht

Das kann natürlich auch seine amüsanten Episoden haben: Als das personalisierte Ticket in Italien vor ein paar Jahren Debüt feierte, schaute sich ein 40-Mann-Fanklub der Roma die Partie gegen Parma im TV eines Pubs rund 500 Meter vom Stadion entfernt an. Die Unwissenden waren eigens mit dem Bus zwei Stunden angereist, kamen für die Ticketprozedur jedoch zu spät. 50.000 Plätze im Olimpico blieben leer, im Pub trösteten sich reichlich Leidensgenossen mit Pints.

So eine personalisierte Karte mit dem eigenen Namen drauf ist zweifelsohne hübsch. Ist man nun aber verhindert, weil sich kurzfristig mal wieder lästiger Besuch ausgerechnet zur Fußballzeit selbst eingeladen hat, wird man das Ding kaum los. Dazu muss man schon durch die Wunderwelt des "cambio nominativo" - der Namensänderung. Per Fax oder via Internet ist man verpflichtet, Ticketcode, Namen, Ausweisnummer, Steuernummer, Telefon, Adresse des neuen Inhabers zu vermelden, gnädigerweise verzichtete man auf Schuhgröße, Hobbys und Bildungsweg. Der "cambio nominativo" verbietet ebenfalls Spontaneität, denn einen Tag vor der Partie ist meist Meldeschluss. Ohne das lästige Prozedere dürfen selbst Jahreskarten nicht von einer anderen Person genutzt werden.

All das Tamtam soll als Gewaltpräventive greifen. Dabei ist es dann vortrefflich, dass sich in den meisten Teilen des Stadions eh jeder hinsetzt, wo er will und Ausweise höchst selten kontrolliert werden. Während des letzten Besuchs in Mailand, blinkte das elektronische Lesegerät bei meinem Ticket warnend rot: "Gehen Sie mal rein, passiert manchmal", sagte der gelangweilte Ordner.

Als Belohnung erhält man in vielen Arenen immerhin einen Hauch Nostalgie, wie ungemütlich es auch in Deutschland einmal war. Weit oben rangiert dabei das erschreckend baufällige Stadio Artemio Franchi in Florenz. Für 30 Euro sieht man sich unten auf der Gegengeraden einer knapp drei Meter hohen Plexiglas-Wand gegenüber, besonders vorteilhaft für die Sicht aufs Feld, wenn es regnet. Aber besser als im Gästeblock zu stehen, wo die Tifosi von Pexiglas in fünf Metern Höhe eingepfercht sind und bei heiklen Partien nach dem Schlusspfiff aus Sicherheitsgründen fast eine Stunde ausharren müssen. Ausgesprochen beliebt bei Dauerregen und nach einer Niederlage. Immerhin steht der eigene Name auf dem Ticket, hat ja auch was.

Aus Florenz berichtet Oliver Birkner

 

kicker-sportmagazin

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