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10.12.2018, 00:18

Nach dem Finale der Copa Libertadores 2018

Rivers Triumph über Boca: Bis in alle Ewigkeit

Der süßeste Sieg in der Geschichte von River Plate war verdient. Bocas Niederlage ist auch verfehlter Personalpolitik geschuldet. Das Finale um die Copa Libertadores war daher auch symptomatisch für den Zustand in Argentiniens Fußball.

Strahlende Sieger: Die Spieler von River Plate.
Strahlende Sieger: Die Spieler von River Plate.
© Getty ImagesZoomansicht

Als hätte Don Alfredo wie einst, nur diesmal eben vom Fußball-Himmel herab, Regie geführt: Im Estadio Bernabeu, dort wo die einstige River-Legende Alfredo di Stefano zum alle Zeiten überdauernden Weltfußballer wurde, hat River Plate die Copa Libertadores gewonnen. Im Duell mit seinem ewigen Rivalen: Boca Juniors.

In Spanien sagen sie Enhorabuena, in Argentinien Felicidades. Rivers vierter Libertadores-Triumph nach 1986, 1996 und 2015 ist der mit Abstand größte Erfolg in der Geschichte des 1901 am Nationalfeiertag gegründeten argentinischen Rekordmeisters. Weil es gegen Boca ging, gegen den sechsmaligen Sieger, im sogenannten "Superfinal".

Tragische Vorgeschichte des "Superfinal"

Super war wenig um dieses Hin- und Rückspiel. Vielmehr war es eine Tragik, was sich da rund um das vertagte Rückspiel an Gewaltexzessen und an Funktionärsstreit offenbarte. Immerhin: Vor dem Einlaufen im Rückspiel im Bernabeu haben sich am Sonntagabend die beiden Kapitäne, Bocas Pablo Perez und Rivers Leo Ponzio, per Handschlag gegrüßt. Beide Teams waren getrennt gewesen durch einen Zaun, es passte zur Vorgeschichte: als würden da wilde Tiere getrennt. Der Gruß der Kapitäne untereinander war dann ein Zeichen, dass auch ein Superclasico, ja selbst der wichtigste überhaupt in der so langen wie ruhmreichen Geschichte der Erzrivalen, eine zivilisierte Angelegenheit sein kann. Man hatte es fast vergessen, traurig genug.

Spielbericht

Der Gruß war aber vielleicht ja auch ein Zeichen für Cesar Luis Menotti. Der legendäre Mann des argentinischen Fußballs hatte sich dieser Tage noch einmal pikiert gezeigt über den Austragungsort Madrid und der damit vermeintlichen Entwurzelung des Duells, fernab von Buenos Aires. Er habe früher zu aktiven Trainer-Zeiten auch unter Steinwurf-Attacken leiden müssen. Manchmal wäre es besser, auch verdiente Größen dieses Sports würden schweigen.

Zu hoffen bleibt auch und vor allem, dass es jetzt in Argentinien ruhig bleibt unter den rivalisierenden Fangruppen. River feiert den ewigen Ruhm, der Schmerz bei den Anhängern der blau-gelben Verlierer und, man muss kein Prophet sein, leider auch der aufgestaute Hass dürfte unermesslich sein.

Hoffnung auf ein friedliches Buenos Aires

Schöne Geste: Rivers Bruno Zuculini tröstet Bocas Esteban Andrada (l.).
Schöne Geste: Rivers Bruno Zuculini tröstet Bocas Esteban Andrada (l.).
© Getty ImagesZoomansicht

Dass das Finalstadion Bernabeu und beide Mannschaften außer Landes sind, wirkt da hoffentlich deeskalierend. Selbst besonnene Beobachter vor Ort in Argentinien erwarteten zuletzt Schlimmstes. Es geht ja nicht nur um die Zone rund um den Obelisken im Stadtzentrum von Buenos Aires, sondern um all die Plätze und dunklen Ecken im Land, ob in Mendoza, Cordoba oder Tucuman, wo Fans oder eben auch Hooligans von Boca und River aufeinandertreffen könnten.

"Visuell wird es kein attraktives Spiel", hatte Boca-Trainer Guillermo Barros-Schelotto geweissagt. Hartes Einsteigen auf beiden Seiten war angesagt, logisch fast angesichts der Vorgeschichte, aber brutal war es dann doch nur selten auf dem Rasen des Bernabeu. Generell hatte River schon anfangs mehr Ballbesitz, erholte sich sogar von einer strittigen Nicht-Elfmeter-Entscheidung nach knapp einer Stunde gegen Lucas Pratto. Der traf kurz darauf auch prompt zum 1:1. Eine wunderbare Kombination - auch dazu ist Argentiniens Fußball in der Lage, aber eben nur noch sporadisch.

Atletico-Trainer Diego Simeone zur Halbzeit, als Boca nach einem Konter durch Dario Benedetto noch führte, erklärt: "Das Beste bislang war die Nationalhymne." Boca wartete tief, hatte vor allem vor der Pause aber die gefährlicheren Abschlüsse, konterte sich da zur Führung. River dominierte dann ab der zweiten Halbzeit, gewann verdient. Dass mit Wilmar Barrios just ein Kolumbianer mit seinem Platzverweis letztlich die Waage zugunsten Rivers kippte, ist ihm Rahmen der Boca-Historie mit kolumbianischen Schlüsselspielern bei früheren Libertadores-Triumphen fast eine Zeitenwende. Zumal der Mittelfeldmann zuvor einer der Garanten war für Bocas Lauf bis ins Finale.

Argentiniens Fußball hat große Probleme

kicker-Redakteur Jörg Wolfrum
kicker-Redakteur Jörg Wolfrum
© kicker

Aber Boca ist eben auch eine Ansammlung an Altgedienten, von der es mit Leo Ponzio oder dem Ex-Nürnberger Javier Pinola übrigens auch einige bei River gibt. Doch Fernando Gago oder Carlos Tevez als Einwechselspieler auf Boca-Seite sprachen negative Bände. Coach Barros-Schelotto, als Spieler viermal Libertadores-Sieger, konnte keine Qualität nachlegen. Matias Biscay, der Statthalter des gesperrten Marcelo Gallardo, mit Juan Quintero, Camilo Mayada oder Julian Alvarez schon. Barros-Schelottos triumphale Vita als Profi wird - nach Boca-Lesart - auf immer befleckt sein mit der Niederlage vom Sonntag im Bernabeu.

Tevez hatte es bereits geahnt: "Wir foltern uns seit 40 Tagen." Seit das Finale feststand. Damit hat er Recht, auch wenn er anderes meinte. Denn Argentiniens Fußball hält sich selbst in Geiselhaft. Durch die zu extremer Gewalt neigenden Barrabravas, durch unfähige Funktionäre. Unvergessen ist 2015 die Abstimmung über Argentiniens neuen Verbandspräsidenten, als mehr Stimmen abgegeben wurden als Votanten anwesend waren. Peinlichkeit als Programm.

In Geiselhaft wird der Fußball am Rio de la Plata aber auch von dunklen Hintermännern genommen, von Rechteinhabern an Spielern etwa, auch wenn die FIFA diese Third-Party-Ownership eigentlich längst verboten hat. Und natürlich strangulieren mitunter auch die Profis selbst ihre Klubs. So hat etwa ein Carlos Tevez seinen vermeintlichen Herzensklub Boca seit Jahren an der Nase herumgeführt - horrendes Gehalt und Wechsel nach China und zurück sowie sportliche Minimalleistungen inklusive.

Zwischen Folklore und schlechten Deals

Tief enttäuscht: Fans der Boca Juniors.
Tief enttäuscht: Fans der Boca Juniors.
© Getty ImagesZoomansicht

Die mitunter ja auch positive Emotion in den Stadien von Santa Fe, Rosario oder Rafaela, die Altstars nach einem Jahrzehnt in den im Vergleich dazu atmosphärisch fast sterilen Stadien in Europa nach ihrer Rückkehr zum Karriereende in Argentinien erleben, mag selbst bei den gestandenen Profis Gänsehaut auslösen. Es ist dies aber nur der schöne Teil der Folklore.

Dass aber die Erstliga-Klubs eine Milliarde Pesos Schulden angehäuft haben, teils auch durch das Verpflichten von Altstars, zeugt von jahrelangem Missmanagement. Dass eine Milliarde argentinischer Pesos gerade Mal 25 Millionen Euro sind, macht es da kaum besser: Selbst Spielertransfers gleichen die Bilanzen der Klubs nicht aus, da die Profis zumeist eben Geldgebern gehören.

Endet in einem Verein eine finanziell desaströse Präsidentschaft, bleiben die Vereine zumeist auf den Schulden sitzen. Die Verantwortlichen aber sind über alle Berge und haben oft genug noch ihre Schäfchen im Trockenen. So könnte es auch sein, wenn River möglicherweise Spieler wie Pity Martinez oder Exequiel Palacios verkauft, Boca vielleicht Wilmar Barrios oder Cristian Pavon.

Zurück bleibt eine sich auch weiterhin stets selbst nährende Rivalität, die emotional an diesem Sonntag ihren Höhepunkt im ehrwürdigen Estadio Bernabeu erreicht hat, dort wo einst Alfredo di Stefano spielte, der erste, der mit River und Boca als Trainer Meister geworden war. Die Rivalität erreichte nun also ihren emotionalen Höhepunkt mit Rivers größtem, süßestem Sieg seiner Vereinsgeschichte. Und mit Bocas bitterster Niederlage. Einer, die "el mundo Boca", die Boca-Welt, wie sie rund um die Bombonera so gerne sagen, bis in alle Ewigkeit schmerzen wird.

Jörg Wolfrum

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© Getty Images, imago, Picture Alliance

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Vereinsdaten

Vereinsname:River Plate
Anschrift:Club Atlético River Plate
Av. Pte. Figueroa Alcorta 7597
1428 Buenos Aires
Internet:http://www.cariverplate.com.ar/

Vereinsdaten

Vereinsname:Boca Juniors
Anschrift:Club Atlético Boca Juniors
Brandsen 805
Capital Federal Buenos Aires
Internet:http://www.bocajuniors.com.ar/


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