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04.07.2018, 12:45

Nationaltrainer Southgate zog Lehren aus der eigenen Erfahrung

Lotterie? Akribie! Wie England das Elfmeter-Trauma überwand

England hat sein Elfmeter-Trauma im WM-Achtelfinale gegen Kolumbien überwunden. Ausgerechnet mit Gareth Southgate als Nationaltrainer. Oder gerade seinetwegen.

Gareth Southgate
22 Jahre liegen zwischen diesen beiden Bildern: Gareth Southgate - nach dem Sieg in Moskau 2018 (l.) und nach seinem Elfmeter-Fehlschuss 1996.
© imagoZoomansicht

Turin 1990, Wembley 1996, Saint-Etienne 1998, Lissabon 2004, Gelsenkirchen 2006, Kiew 2012 - die Liste der englischen Elfmeter-Dramen ohne Happy End ist lang. Und doch stand er bislang wie kein Zweiter für das englische Elfmeter-Trauma. Dieser Fehlschuss gegen Deutschland im Halbfinale der Heim-EM 1996, er verfolgte Gareth Southgate auch noch 22 Jahre später.

"Wie ein Blitz aus heiterem Himmel"

Damals hatte ihn Nationaltrainer Terry Venables wenige Momente vor Beginn des Elfmeterschießens gefragt, ob er schießen würde. "Wie ein Blitz aus heiterem Himmel" habe ihn das damals getroffen, berichtete Southgate später. Beim langen Gang von der Mittellinie zum Elfmeterpunkt sei er immer nervöser geworden. Andreas Köpke parierte, Andreas Möller traf, England schied aus.

Dass Southgate diese persönliche Tortur durchleben musste, trug nun wohl einen sehr großen Teil dazu bei, dass Englands Team am Dienstag in Moskau so gut vorbereitet wie noch nie in ein Elfmeterschießen ging und sich gegen Kolumbien erstmals bei einer WM in einem solchen durchsetzte. "Ich hatte ein paar Jahrzehnte Zeit, es zu durchdenken", hatte Southgate unlängst mit einem Augenzwinkern zu Protokoll gegeben. Schon 2012, also lange vor seiner Zeit als Nationaltrainer, hatte er gefordert, dass die englische Nationalmannschaft mit einem Sport-Psychologen zusammenarbeiten solle, um ihr Elfmeter-Trauma zu überwinden.

Ob seine Spieler schon begonnen hätten, Elfmeter zu trainieren, wurde er nach dem 0:1 gegen Belgien noch einmal gefragt. Schon seit März, verriet Southgate, und zwar nach so gut wie jeder Trainingseinheit - inklusive dem Gang von der Mittellinie zum Punkt. Vor der Abreise ins WM-Quartier nach Repino gab es für die Spieler gar psychometrische Tests, die Erkenntnisse darüber liefern sollten, wer in Stresssituationen über die größten nervlichen Kapazitäten verfügt.

Pickford: "Falcao war der einzige, der nicht so geschossen hat wie vorhergesagt"

Jordan Pickford pariert den Elfmeter von Carlos Bacca
Reaktionsschnell - und gut vorbereitet: Jordan Pickford pariert den Elfmeter von Carlos Bacca.
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Ein Team von Video-Analysten nahm die Elfmeterschützen möglicher WM-Gegner und das Sprungverhalten ihrer Torhüter schon vor dem Turnier genau unter die Lupe. Elfmeter-Held Jordan Pickford, der den Versuch des Kolumbianers Carlos Bacca in starker Manier parierte, erklärte nach dem gewonnenen Elfmeterschießen, dank ausgiebigem Videostudium bestens vorbereitet gewesen zu sein: "Falcao war der einzige, der nicht so geschossen hat wie vorhergesagt."

Auch Blitze aus heiterem Himmel schlugen am Dienstag in Moskau nicht mehr ein, seine fünf Elfmeterschützen und die Nachrücker hatte Southgate längst festgelegt. Der gängigen Beschreibung des Elfmeterschießens als "Lotterie" hatte der 47-Jährige immer wieder vehement widersprochen: "Es ist definitiv kein Glück und kein Zufall. Es geht darum, etwas unter Druck ausführen zu können. Dabei gibt es viele Dinge, an denen man arbeiten kann."

So bereitete Southgate ein mögliches Elfmeterschießen akribisch vor, arbeitete mit den Spielern viel im mentalen Bereich. Man wolle den Ablauf selbst in der Hand haben, hatte Englands Nationalcoach stets betont. Die Kontrolle behalten und nicht - wie er einst in Wembley und so viele andere nach ihm - unter dem Druck eingehen.

Keine Entscheidungen in der Hitze des Augenblicks

Den Entwicklungsprozess, der bereits bei der englischen U 17 angestoßen worden war, hatte Southgate skizziert: "Wir haben uns individuelle Abläufe und Techniken angeschaut, verschiedene Studien und Trainingsmöglichkeiten. Dann haben wir uns überlegt, wie wir ein Elfmeterschießen als Team angehen wollen, um sicher zu gehen, dass es eine gewisse Gelassenheit gibt, dass wir den Ablauf in der Hand haben und nicht Entscheidungen in der Hitze des Augenblicks getroffen werden."

Vier wichtige Bereiche wurden dabei ausgemacht. Einer betraf bereits die Verlängerung: Wie konnte verhindert werden, dass die Angst vor einem drohenden Elfmeterschießen bereits hier die Leistung beeinträchtigte? Dann die Organisation nach dem Schlusspfiff: Welche Betreuer nehmen auf dem Platz die Einteilungen und Anweisungen vor, welche bleiben lieber weg? Dann wird es ernst: Der Anlauf von der Mittellinie, das Hinlegen des Balles - wie schafft man es, nicht zu hastig vorzugehen, ruhig zu bleiben? Schließlich, der Schuss: Ein Ziel hierbei war, dass jeder Spieler mehr als nur einen Standard-Elfmeter im Repertoire haben sollte, den er - abhängig vom Torhüter - variieren könnte.

Klar, ein wenig Glück gehörte am Dienstag trotzdem dazu, zum Beispiel, als Uribes Elfmeter an die Unterkante der Latte knallte. Doch England ließ sich auch von Hendersons Fehlschuss nicht aus der Bahn werfen. Kane, Rashford, Trippier und schließlich Dier verwandelten sicher.

Englischer Jubel nach dem Elfmeterschießen
Geschafft! Englands Spieler nach dem entscheidenden Schuss von Eric Dier.
© imago

Southgate war entsprechend froh. "Nicht nur, das Elfmeterschießen zu gewinnen, sondern das Ende des Spiels durchleiden zu müssen, das sich wie ein Auswärtsspiel anfühlte, in einem Stadion, in dem fünfmal so viele kolumbianische Fans waren", lobte der Nationalcoach seine Spieler: "Sie haben ihre eigene Geschichte geschrieben."

Seine eigene, war sich Southgate sicher, würde er deshalb trotzdem nicht mehr umschreiben können: "Meinen Elfmeter verschossen zu haben, werde ich niemals abschütteln. Aber heute ist ein besonderer Moment für dieses Team, der hoffentlich auch künftigen Spielergenerationen Glauben verleihen wird."

ski

 
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weitere Infos zu Southgate

Vorname:Gareth
Nachname:Southgate
Nation: England


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