Zur Loginbox springen Zur Navigation springen Zum Inhalt springen
Nicht registriert?

23.09.2012, 12:20

Interview mit Berti Vogts

"Wir sollten uns nicht an Spanien orientieren"

Über den Dächern von Baku traf der kicker den früheren Bundestrainer Berti Vogts (65) zum ausführlichen Gespräch. Der Nationaltrainer von Aserbaidschan ist zur Eröffnung der U-17-Frauen-WM nach Baku gereist und spricht im Interview über Fortschritte und Schwierigkeiten im aserbaidschanischen Fußball, die deutsche Nationalmannschaft und "seine" Borussia.

Über den Dächern von Baku: Berti Vogts im Gespräch mit kicker-Redakteur Julian Franzke (li.).
Über den Dächern von Baku: Berti Vogts im Gespräch mit kicker-Redakteur Julian Franzke (li.).
© kickerZoomansicht

kicker: Sie sind seit 2008 Nationaltrainer in Aserbaidschan. Wie hat sich der Fußball dort seitdem entwickelt, Herr Vogts?

Berti Vogts: Der Fußball hat in den letzten vier, fünf Jahren enorm aufgeholt. Jetzt kommen auch jüngere Mädchen und Jungs zum Fußball. Früher waren es 16- und 17-Jährige, jetzt sind es 12-Jährige. Auch in den Schulen wird jetzt Fußball gespielt. Die Lehrer müssen jährlich einmal an einer Fortbildung beim aserbaidschanischen Fußballverband teilnehmen. Die führenden Sportarten sind aber noch immer Ringen und Gewichtheben. Und im Schach sind sie weltführend.

- Anzeige -

kicker: Welche Entwicklungen haben Sie angeschoben?

Vogts: Zum Beispiel, dass in vielen Mannschaften jetzt vier Aserbaidschaner spielen. Früher gab es Teams, die ausschließlich mit Ausländern gespielt haben. Heute ist es Pflicht, dass drei Einheimische spielen müssen, plus einer unter 21 Jahren. Inzwischen sind die Aserbaidschaner so stark, dass auch in den internationalen Spielen, in denen diese Regel nicht greift, drei, vier Einheimische spielen.

kicker: Ist die Mentalität der Spieler mit der in Deutschland vergleichbar?

Vogts: Die Spieler hier wollen nicht zweimal am Tag trainieren. Das müssen sie aber, um den Anschluss an das europäische Mittelmaß zu finden. Ich habe mal einen Vergleich gemacht. Vor zwei Jahren hat Borussia Dortmund in der Qualifikation für die Europa League gegen Qarabag Agdam gespielt. Zwischen Hin- und Rückspiel hat Dortmund noch ein Bundesligaspiel gemacht, während hier die Liga abgesetzt wurde. Nach dem Spiel gegen den BVB wurden die Spieler drei Tage nach Hause geschickt. Sie haben überhaupt nicht trainiert. Regeneration kennen sie nicht. Dortmund hatte 14 Trainingseinheiten, der Klub hier hat fünfmal trainiert. Doch es ist schwierig, ihnen das zu erklären. Sie glauben, man will sie mit der Regeneration quälen. Aber man muss weiter vorangehen, auch wenn man mal ein Paar um die Ohren kriegt wegen des angeblich unmenschlichen Trainings. Damit kann ich aber gut leben.

"Auf dem Platz mögen sie keinen Mitspieler kritisieren"

kicker: Welche Unterschiede gibt es noch?

Vogts: Auf dem Platz, das ist ein Hauptproblem, mögen sie keinen Mitspieler kritisieren. Aber während der 90 Minuten ist es scheißegal, was du sagst. Nach dem Spiel und nach dem Duschen muss das Thema dann erledigt sein. Doch so kennen sie das nicht. Man muss sich auf dem Platz schonmal die Wahrheit sagen, um den anderen zu pushen. Nur so funktioniert Fußball.

kicker: Wie ist es um die Infrastruktur bestellt?

Vogts: Inzwischen muss jeder Klub ein Leistungszentrum mit zwei Fußballfeldern haben, das gab es nicht, als ich 2008 kam. Es gab Klubs, die hatten überhaupt keinen Fußballplatz zum Training, die mussten sich einen Platz mit anderen Vereinen teilen. Jetzt hat die Liga verstanden, warum man immer darum gebettelt hat, dass jeder Verein einen Trainingsplatz hat. In den Akademien sind 80 Prozent nur Einheimische. Aber sie kommen nach wie vor zu spät zum Fußball. Deshalb können sie die Spielsituationen nicht lesen, sie können sich nicht selbst aus den Situationen herausspielen, wie wir es vom Instinkt her gemacht haben. Daher muss man ihnen den Fußball hier anders beibringen, man muss sie erklären lassen: Wie kommst du jetzt aus der Situation heraus? Das ist ein sehr langwieriger Lernprozess.

kicker: Welche Bedeutung hat die am Samstag begonnene U-17-WM der Frauen?

Vogts: Ich hoffe dass die U-17-WM die Aufmerksamkeit für den Fußball steigert. Für die WM sind sechs kleine, schöne Stadien gebaut worden, für 10000 bis 12000 Zuschauer. Das Turnier ist auch wichtig für den Verband, der sich gegenüber der FIFA und der UEFA präsentieren kann. Es gibt eine kleine Chance, dass sich Aserbaidschan zusammen mit Georgien um die Austragung der EM 2020 bewirbt. Die U-17-WM hilft dabei schon. Man ist westlich orientiert und will in die EU. Das ist das Langzeitprojekt. Auch der Eurovision Song Contest im Mai hat dem Land sehr gut getan. Und deshalb fanden wir es nicht in Ordnung, wie einige deutsche Medien über dieses Land berichtet haben. Man muss wissen, dass deutsche Firmen an dem Song Contest beteiligt waren. Alles wurde von deutschen Firmen erstellt. Die gesamte Organisation lief über Deutschland. Und das waren die Einzigen, die das Land so enorm kritisiert haben.

kicker: Kommt manchmal Wehmut auf, als "Entwicklungshelfer" im Fußball zu arbeiten und nicht um Titel mitzuspielen?

Vogts: Dann würde ich hier nicht unterschreiben, sondern zu einem Klub gehen. Vielleicht werde ich mal als Berater oder Sportdirektor irgendwo arbeiten, aber den Stress als Vereinstrainer tue ich mir nicht mehr an. Ich bin 14 Tage im Monat hier in Aserbaidschan und den Rest zuhause, wo ich mir meine Borussia anschaue.

De Jong? "Simonsen haben wir nach drei Monaten zurückgeschickt"

kicker: Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Gladbacher?

Vogts: Favre macht einen super Job, auch die die Einkäufe sind richtig ausgewählt. Die Diskussion um de Jong kann ich nicht verstehen. Er hat 12 Millionen gekostet - und nur weil er nicht schon jetzt zehn Tore geschossen hat, gilt er bei manchen als Fehleinkauf. Kevin Keagan hat ein Jahr gebraucht, um in Deutschland überhaupt Anschluss zu finden. Oder Allan Simonsen. Der wurde Europas Fußballer des Jahres. Doch zuvor haben wir den nach drei Monaten wieder zurückgeschickt. Er ist erst wieder geholt worden, weil wir Verletzungsprobleme hatten. Und wie toll hat er sich dann entwickelt! Bei jungen Spielern braucht man Geduld.

kicker: Ist der Gladbacher Erfolg noch immer allein auf Favre zurückzuführen, wie Sie im kicker-Interview am 27. Dezember 2011 behauptet haben?

Vogts: Dass jetzt der Sportliche Leiter Max Eberl auch dazu beigetragen hat, spricht für ihn. Wir haben uns mal wirklich gekabbelt, weil er mich mehrfach angegriffen hat, wobei ich schuldlos war. Ich habe ihm dann einmal eine zurückgegeben. Aber ich habe mich bei ihm entschuldigt und das Thema ist erledigt. Man muss auch wissen: Wenn man in dem Klub 14 Jahre lang gespielt hat, dann hat man Angst, dass der Klub absteigt. Und es wurde vieles hineininterpretiert. Ich wäre in die Opposition gegangen, dabei stimmte das gar nicht. Ich habe an einem Gespräch der Opposition teilgenommen, dann aber gesagt, dass ich mich damit nicht identifizieren kann. Aber das ist Schnee von gestern.

23.09.12
 

- Anzeige -
Seite versenden
zum Thema

weitere Infos zu Vogts

Vorname:Berti
Nachname:Vogts
Nation: Deutschland
Verein:Aserbaidschan

- Anzeige -

Vereinsdaten

Teamname:Deutschland
Gründungsdatum:01.01.1900
Anschrift:Deutscher Fußball-Bund (DFB)
Otto-Fleck-Schneise 6
Postfach 71 02 65
60492 Frankfurt am Main
Telefon: 0 69 - 6 78 80
Telefax: 0 69 - 6 78 82 66
Internet:http://www.dfb.de/

- Anzeige -
- Anzeige -

- Anzeige -