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23.05.2011, 16:13

England: Ein Fan-Projekt schreibt Geschichte

Wunder, Wahnsinn, Wimbledon

Sie wurden beraubt, sie wurden belächelt, sie wurden belohnt: Die Fans des FC Wimbledon haben Geschichte geschrieben, nein, ein Märchen, eine Schnulze für Fußball-Romantiker. Ein paar Unentwegte hatten ihren geliebten Klub vor neun Jahren kurzerhand neugegründet, nachdem der einfach aus London weggezogen war. Eine "Schnapsidee", wie sie heute selbst sagen - aber eine mit Happy-End: Am Samstag stieg der AFC Wimbledon in den Profi-Fußball auf.

Der AFC Wimbledon feiert den Aufstieg in die League Two
Entsteht da eine neue "Crazy Gang"? Der AFC Wimbledon feiert ausgelassen den Aufstieg in den Profi-Fußball.
© picture alliance

Selbst die örtliche Zeitung war anfangs skeptisch. Dieses Projekt könne auf Dauer nicht überleben, war der Tenor in den "Wimbledon News", als sich eine Handvoll Wimbledon-Anhänger aus Wut und ein wenig Verzweiflung ob der Situation um ihren einstigen Fußball-Fixstern an ein leicht wahnsinnig anmutendes Projekt machten: Sie gründeten den AFC Wimbledon, einen Verein von Fans für Fans, der in der neunten englischen Liga erste Gehversuche unternahm. Und heute? Sind die "Wombles" zurück im Profi-Fußball - und die "Wimbledon News" längst pleitegegangen.

"Wimbledon hat endlich wieder den Status, der ihnen vor neun Jahren so schändlich gestohlen wurde", jubelte der AFC, nachdem das Märchen seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht hatte. Im Play-off-Finale gegen Luton Town entschied das dramatische Elfmeterschießen über den Aufstieg in die League Two, die vierthöchste Spielklasse in England. 6000 Wimbledon-Fans waren in Manchester dabei, um mitzuerleben, wie das Wunder wahr wird. "Die Pubs haben geöffnet, bis ihr nicht mehr könnt - oder bis das Bier alle ist", versprach der Klub auf seiner Website.

Es war eine Erlösung nach fast exakt neun langen Jahren. Am 28. Mai 2002 hatte der FC Wimbledon den negativen Höhepunkt seines Finanz-Chaos' erreicht - der Verein zog aus London weg nach Milton Keynes, einer rund 100 Kilometer entfernten und erst in den 1960er Jahren entstandenen Stadt. Nach 113 Jahren im Südwesten der britischen Hauptstadt war der Traditionsklub, den die legendäre "Crazy Gang" 1988 noch zum FA Cup geführt hatte, plötzlich verschwunden, ausgelöscht, nicht mehr existent.

Torwart Seb Brown: Damals Demonstrant, heute Held

Zuvor hatte der FC schon elf Jahre lang als Untermieter beim Lokalrivalen Crystal Palace sein Dasein gefristet, weil das baufällige Stadion an der Plough Lane 1991 nicht mehr zu halten gewesen war. Cardiff? Dublin? Milton Keynes? Die Fans - darunter der 21-jährige Seb Brown, der am Samstag gegen Luton zwei Elfmeter parierte - liefen Sturm, als durchsickerte, dass sogar eine neue "Heimat" zur Debatte stehe. Vergeblich, die FA stimmte überraschend dem Umzug gen Norden zu. Was blieb? Erst stiller Protest - die 849 Zuschauer beim Zweitliga-Spiel gegen Rotherham Ende 2002 sind immer noch Minusrekord im Profi-Fußball; dann die "Schnapsidee" - man gründete den Verein neu.

Genau darum ging es in Wimbledon immer: der Underdog zu sein und für alles zu kämpfen, was wir erreichen können.Terry Brown, Manager des AFC Wimbledon

Während der FC inzwischen als Milton Keynes Dons fern der Heimat ohne die ehemaligen Unterstützer kickte, machten sich die Fans an den Neuaufbau: Aus einem Probetraining mit 500 Interessenten ging eine Mannschaft hervor, zum ersten Freundschaftsspiel kamen 4500 Zuschauer ins Stadion. Damals noch in Sutton, fand man bald im Kingsmeadow eine Bleibe, nicht weit vom Zentrum in Wimbledon entfernt. Dort begann der unaufhaltsame Aufstieg. Mit dem Dons Trust an der Spitze, einer Non-Profit-Fan-Organisation, in der jeder AFC-Fan Mitglied werden kann, Mitbestimmungsrechte inklusive.

"Erst war es eine Schnapsidee", erzählt der erste Präsident Kris Stewart, "dann wollten wir uns das Spiel zurückholen." Es gelang: Fünf Aufstiege in neun Jahren - jetzt sind die "Wombles" den alten Sphären wieder nah. "Vor neun Jahren hatte dieser Klub nichts", steht auf der AFC-Website: "Heute hat er 30 Mannschaften, ein eigenes Stadion, mehrere Fair-Play-Preise, fünf Aufstiege, eine starke Verwurzelung in der Gesellschaft, finanzielle Stabilität - und jetzt auch Profistatus. Ist es nicht genau das, worum es im Fußball geht?"

Terry Brown und Seb Brown
Ein Brown herzt den anderen: Terry und Seb, Manager und Elfer-Killer.
© picture alliance

Erst Las Vegas, dann Milton Keynes?

Das Besondere: Strukturell hat sich seit 2002 nicht viel getan, immer noch sei es die "Fan-Power", durch die der Verein lebt, erklärt Manager Terry Brown: "35 Freiwillige kümmern sich um alles im Klub-Umfeld. Wir kümmern uns um sie, sie um uns. Dieses Ethos wird sich auch in der neuen Liga nicht ändern, wo wir bei weitem die geringsten Lohnkosten haben werden. Aber genau darum ging es in Wimbledon immer: der Underdog zu sein und für alles zu kämpfen, was wir erreichen können."

Da passt es, dass es im Sommer erst einmal ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten geht. Geschäftsführer Erik Samuelson hatte im Falle des Aufstiegs einen Trip nach Las Vegas versprochen. Und dann? Der Traum vom nächsten Aufstieg wäre fast vermessen, wenngleich unendlich verlockend: In Liga drei sind schließlich die Milton Keynes Dons zuhause, das große Feindbild, die Diebe ihrer Liebe - der Erzrivale? Nein, sagen sie in Wimbledon: Gar nicht existent.

Jörn Petersen

23.05.11
 
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Vereinsdaten

Vereinsname:AFC Wimbledon
Gründungsdatum:01.07.2002