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16.04.2009, 12:15

Die Katastrophe von Hillsborough

"Fatal errors" - Fehleinschätzungen wie Todesurteile

Es war die größte Katastrophe der britischen Sportgeschichte. Sie veränderte den Fußball in ganz Europa für immer. Am Rande des FA-Cup-Halbfinals zwischen dem FC Liverpool und Nottingham Forest kam es im völlig überfüllten Liverpooler Fanblock im Hillsborough-Stadion von Sheffield zu einem Unglück, in dessen Folge 96 Menschen starben und Hunderte verletzt wurden. Am 15. April 2009 jährte sich die Tragödie zum 20. Mal.

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Von Jörg Jakob

Es ist sechs nach drei, als ein Polizist aufs Spielfeld eilt und Schiedsrichter Ray Lewis auf die Schulter tippt. "Wir haben ein paar Probleme mit den Zuschauern. Würden Sie bitte die Spieler vom Platz bringen?" Lewis pfeift ab. Für Tony Bland hat der Kampf gegen den Tod gerade erst begonnen. Er wird ihn verlieren. Bland (22) stirbt nach vier Jahren künstlicher Beatmung. Er ist das 96. Todesopfer der Stadionkatastrophe von Hillsborough. Die meisten der 95 anderen kamen nicht mehr lebend raus aus der Heimspielstätte von Sheffield Wednesday. Sie sind im "Leppings Lane End" von Menschenmassen erdrückt worden, unter Leibern erstickt, am Zaun zerquetscht; auch noch als das Spiel schon lief, das FA-Cup-Halbfinale zwischen ihrem geliebten FC Liverpool und Nottingham Forest.

Ein Liverpool-Fan sitzt am 15. April 1989 fassunglos im Hillsborough-Stadion
Fassungslos sitzt ein Liverpool-Fan am 15. April 1989 im Hillsborough-Stadion von Sheffield.
© picture allianceZoomansicht

Der 15. April ist ein sonniger Frühlingssamstag. Die Menschen in Liverpool beginnen ihn erwartungsfroh. In der Saison, in der die Football League ihr 100-jähriges Bestehen feiert, stehen beide Klubs der Stadt im Halbfinale der Mutter aller Pokalwettbewerbe. "Are you watching Manchester?" Seht ihr das in Manchester?!

In den Autoradios läuft "Eternal Flame" ("Ewige Flamme"), der Hit der "Bangles", der einen Tag später für sechs Wochen die Spitze der englischen Charts erklimmt. Everton wird im Villa Park, Birmingham, 1:0 gegen Norwich City gewinnen. Bei den "Reds" dagegen nimmt die Tragödie ihren Lauf. Egal, ob Roter oder Blauer - für "Scouser", wie die Leute von der Mersey genannt werden, soll dieser 15. April 1989 lange vor 2001 zu einem 11. September werden. Im britischen Fußball ist danach nichts mehr, wie es vorher einmal war.

Nottingham, mit - wie erwartet - kleinerer Gefolgschaft, hat wie schon im Jahr zuvor, als Liverpool auf demselben neutralen Platz gewann, einige tausend Karten mehr für seine Fans erhalten als Liverpool mit seinem größeren Anhang. Peter Beardsley trifft in den ersten Spielminuten die Latte des Tores, hinter dem die Forest-Fans stehen. Später wird der Liverpooler Stürmer sagen: "Ich bin froh, dass ich kein Tor erzielt habe. Der Jubel im Stadion hätte womöglich den Ansturm derer, die noch draußen waren, noch weiter erhöht."

Da draußen haben sich verhängnisvolle Umstände zu Unheil zusammengebraut. Ein Stau auf einem Hauptanreiseweg. Der Andrang von mehreren tausend Liverpool-Fans eine halbe Stunde vor Spielbeginn. Polizisten, die Fans der "Reds" mit Tickets für andere Bereiche dort nicht hineinlassen und sie stattdessen auch zu den Eingängen an der Leppings Lane dirigieren, ebenso wie Besucher ohne Tickets, die auf den Schwarzmarkt hofften und nun auch von der Menge aufgesogen werden. Die Ordner und Beamten an den Eingängen versagen. Vor einem Stadion, das, wie sich später herausstellt, den geforderten baulichen Standards für ein solches Top-Spiel nicht mehr entspricht. "Fatal errors" - Fehleinschätzungen wie Todesurteile.

Die Tragödie

"Sie hätten den Anstoß verschieben können, keiner von den Spielern oder Trainern hätte etwas dagegen gehabt", sagt Kenny Dalglish heute. Nach fast 20 Jahren hat der damalige Liverpooler Teammanager für eine BBC-Dokumentation sein Schweigen über Hillsborough erstmals gebrochen.

14.52 Uhr. Der Anpfiff um drei wird nicht verschoben. Stattdessen lässt Chief Superintendent David Duckenfield, der Einsatzleiter - es ist sein erstes "großes Spiel" - jetzt 'Gate C' öffnen, um dort dem Druck von, nach offiziellen Angaben, 2000 nachdrängenden Fans nachzugeben. Zuvor passten einer, höchstens zwei durch die Drehkreuze, nun können in kürzester Zeit Hunderte durch das eigentlich als Ausgang vorgesehene Tor hindurch, in einen Tunnel hinein, der direkt in die längst überfüllten mittleren Blöcke 3 und 4 führt. Links und rechts, in den äußeren Stehplatzbereichen des Unterrangs, wäre noch Luft gewesen. Auf den mittleren Stehplätzen hinter dem Tor von Liverpool-Keeper Bruce Grobbelaar knickt einer der maroden Wellenbrecher ein. Die meist jugendlichen Fans brechen sich die Knochen, ringen nach Luft, um ihr Leben. Millionen irritierte Fernsehzuschauer erleben das live. Angehörige im ganzen Land sorgen sich um Söhne, Töchter, Väter, Geschwister. Lebenszeichen? Es gibt noch keine Handys. Die TV-Kommentatoren rätseln, vermuten Krawall: "Das sieht nach schlechtem Benehmen aus." Ein Radiokommentator sagt noch neun Minuten nach dem Spielabbruch: "Don't worry. Es wird nicht so wie Heysel."

Pferch 3 und Pferch 4 quellen förmlich über. Einige schaffen es über den sogenannten Sicherheitszaun, der zur Todesfalle geworden ist. Andere werden in verzweifelter Anstrengung von Fans im Oberrang aus den Zuschauerkäfigen gefischt. Es ist kaum zu ertragen, in den Archivfilmen zu verfolgen, wie scheinbar teilnahmslose Polizisten am Spielfeldrand hilflos zuschauen, wie vereinzelt sogar versucht wird, nach vorn Entkommene wieder zurückzudrängen. Wie Bobbys, teils mit Hunden, an der Mittellinie eine Kette bilden, in dem Irrglauben, es drohe eine "pitch invasion" und somit Übergriffe auf Forest-Fans.

Viel zu spät öffnet einer der Beamten endlich ein Tor, macht den Weg frei aufs Spielfeld. Überlebende reißen Werbebanden aus ihren Verankerungen, nutzen sie als Tragen, bergen so Verletzte. Mehr als 40 Ambulanzen stehen vor dem Stadion. Doch sie dürfen nicht rein. Noch immer glauben die leitenden Beamten an randalierende Liverpooler - und die kann man ja ruhig sich selbst überlassen.

Tony Edwards ist Sanitäter und widersetzt sich dem Befehl. Er und ein Kollege fahren den einzigen Krankenwagen in den Innenraum. Es ist schon 15.36 Uhr, als Edwards ins Chaos eintaucht. Das Trauma des Retters, der hilflos ist und kaum helfen kann unter Hunderten von Toten und Verletzten, wird ihn später dazu zwingen, seinen Beruf aufzugeben, wegzuziehen aus der Gegend um Sheffield, ein neues Leben zu beginnen. 766 Verletze stehen in der Bilanz dieses Tages. Ungezählt sind die Menschen, die psychisch krank wurden, ihr Leben lang. Die Zahl der Suizide, die Scheidungsrate ist hoch in den Familien von Hinterbliebenen und Überlebenden.

Die Trauer

In Liverpool, an der Anfield Road, spielen sich an den folgenden Tagen bis dahin beispiellose Szenen der öffentlichen Anteilnahme ab: Tausende pilgern zum Liverpooler Stadion, legen Blumen, Karten, Plüschtiere nieder, hängen Schals und Trikots auf. "The Kop", die berühmteste Stehtribüne der Welt, und das Spielfeld sind schließlich zugedeckt mit letzten Grüßen.

Die Liverpooler Spieler, die am frühen Abend erst nach und nach vom wahren Ausmaß der Katastrophe erfahren haben, besuchen in den folgenden Tagen Verletzte in Krankenhäusern und trauernde Familien in ihren Häusern. Kenny Dalglish geht an manchen Tagen zu drei Beerdigungen hintereinander. Kapitän Alan Hansen, heute bei der BBC, erzählt, wie sie sich gegenseitig getröstet haben: die Spieler die Angehörigen, manchmal aber auch die Angehörigen die Spieler.

Stürmer John Aldridge besucht Lee Nicol. Die Eltern haben sich das gewünscht. Der 14-Jährige liegt im Koma. Kurz nachdem Aldridge dem bewusstlosen Fan Mut und Trost zugesprochen hat, werden die Geräte abgeschaltet. John Aldridge erinnert sich: "Nichts bereitet dich auf so etwas vor. Es war kaum zu ertragen. In erinnere mich an ein Begräbnis, an dem erst ein großer Sarg vorbeifuhr, dann ein kleinerer. Es waren Vater und Sohn. Das war für mich einer der schrecklichsten unter all den schrecklichen Momenten."

Jon-Paul Gilhooley ist das jüngste Opfer von Hillsborough. Jon-Paul stirbt mit 10. Stevie G. war 8 damals. Heute ist Steven Gerrard der Kapitän des FC Liverpool. Jon-Paul war sein Cousin. Gerrard sagt: "Was in Hillsborough geschah, hat in diesem Klub eine große Bedeutung. Auch heute noch. Es zeichnet diesen Klub aus, dass in schweren Zeiten alle zusammenstehen. Ich versuche, bei jeder Gedenkfeier dabei zu sein. Auch die Spieler, die neu zu uns kommen, lernen rasch, was Hillsborough hier bedeutet."

Liverpool steht besonders eng zusammen, als vor allem das Boulevardblatt "The Sun" von der Polizei geschürte Vorwürfe erhebt, Liverpool-Anhänger hätten Polizisten beim Bergen von Verletzten behindert und Tote beklaut. Der Aufschrei der Empörung in Merseyside ist furios. Leser und Kioskbetreiber boykottieren das Blatt. Die Auflage der "Sun" in Liverpool sinkt von 400 000 auf 12 000.

Die Folgen

Die Regierung in London beauftragt Lord Justice Taylor mit einer umfassenden Untersuchung. Er stellt in erster Linie das Versagen der Polizei als Ursache für die Katastrophe fest. Der Taylor-Report verändert den britischen Fußball für immer: Für die Top-Ligen werden "All-seater-stadiums", also Stadien ohne Stehplätze, vorgeschrieben. Metallgitter als Begrenzungszäune zum Spielfeld werden abgeschafft. Die veralteten "Grounds" müssen Neubauten weichen oder werden modernisiert. In den Arenen wird der Ausschank von Alkohol verboten. Der Ticketverkauf wird strenger geregelt. Die Ticketpreise werden angehoben, weil man glaubt, mit Besuchern aus ärmeren Bevölkerungsschichten auch Randalierer vom Fußball fernzuhalten.

Fast wichtiger noch als technische und wirtschaftliche Reformen ist jedoch eine grundlegende Bewusstseinsveränderung im englischen Fußball: Fans, die der ehemalige Chelsea-Boss Ken Bates im von Hooliganismus gebeutelten Land noch mit Elektrozäunen einsperren wollte, werden nach der Katastrophe von Hillsborough nicht mehr nur als Gewalttäter betrachtet und wie Vieh behandelt. In der Polizeiarbeit und in den Klubs bahnt sich ein Umdenken im Umgang mit dem Publikum an.

Trotz der Schlüsse, die der Taylor-Report zieht, und obwohl nachgewiesen werden kann, dass Vernehmungsprotokolle nachträglich manipuliert wurden, um die Fehler der South Yorkshire Police zu vertuschen, bleiben in den zwei Jahrzehnten nach dem Desaster Strafen für die verantwortlichen Beamten aus. Ein in Hillsborough leitender Polizist wird mit einer beträchtlichen Abfindung in den vorzeitigen Ruhestand verabschiedet. Einsatzleiter David Duckenfield wird nach einem Prozess nicht verurteilt und wegen seiner posttraumatischen Störungen aus dem Dienst entlassen.

Die Hillsborough Justice Campaign (HJC) und die Hillsborough Family Support Group (HFSG), zwei Initiativen von Hinterbliebenen und Überlebenden, fordern bis heute "Gerechtigkeit für die 96", vermissen angemessene Verurteilungen und Entschädigungen. An der Anfield Road erinnert eine Gedenktafel an die Getöteten. Dort brennt auch eine "Eternal Flame", eine Ewige Flamme.

Nachtrag

Am 7. Mai gewinnt Liverpool das Wiederholungsspiel gegen Nottingham Forest in Old Trafford in Manchester mit 3:1. Im "Finale der Emotionen" gewinnt der FC Liverpool gegen den FC Everton am 20. Mai in Wembley mit 3:2 nach Verlängerung den FA Cup. Erst am Freitag, 26. Mai, wird das letzte Heimspiel des FC Liverpool nachgeholt. Es entscheidet die Meisterschaft. Der FC Arsenal gewinnt in einem dramatischen Spiel 2:0 und damit den Titel. Ungläubig erleben Spieler und Fans von Arsenal nach dem Schlusspfiff den Beifall des Liverpooler Publikums. Es ist einer der bewegendsten Momente in der langen Geschichte des englischen Fußballs.

Am 22. Februar 1991 tritt Kenny Dalglish als Teammanager des FC Liverpool zurück. Der Schotte, ein Idol der Fans, ist nervlich am Ende. Er hat Heysel als Kapitän der "Reds" erlebt, Hillsborough als Trainer.

16.04.09
 
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