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07.02.2005, 14:48

Argentinien: "Was er sagt, wird in der ganzen Welt gehört"

Mythos Maradona

Am Mittwoch trifft Deutschland auf Argentinien. Eine der stärksten Mannschaften überhaupt. Gespickt mit Weltstars. Doch der Spieler, der nach wie vor die Menschen in der südamerikanischen Heimat wirklich bewegt, ist schon lange nicht mehr aktiv: Diego Armando Maradona (44).

Ewiger Ruhm: Maradona, Weltmeister 1986.
Ewiger Ruhm: Maradona, Weltmeister 1986.

Heiliger Abend ist am 29. Oktober. Der Vorabend des Tages, an dem der "Erlöser" zur Welt kam. Der höchste Feiertag der Glaubensgemeinschaft ist jedoch der 22. Juni. Denn an jenem Tag im Jahre 1986 zeigte der "Allmächtige" sich in seiner vollen Größe. Damals geschah das Wunder.

Innerhalb von zwölf Sekunden tanzte Diego Armando Maradona sechs Gegner aus. Es war das Viertelfinale der WM in Mexiko, und mit seinem genialen Solo zum 2:0 schickte Argentiniens Kapitän die - vier Jahre nach dem Falklandkrieg am Rio de la Plata noch immer verhassten - Engländer in die Hölle. Und seine Heimat zugleich in den siebten Himmel. Die Schmach des verlorenen Waffengangs war getilgt. Am Obelisken, dem Wahrzeichen von Buenos Aires, trafen sich die Normalsterblichen spontan zur nationalen Freudenfeier. Auch, weil den Argentiniern zuvor bereits die "Hand Gottes" zu Hilfe geeilt war - und mit dem 1:0 den für das nationale Selbstbewusstsein so überaus wichtigen Triumph erst eingeleitet hatte.

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Wunderdinge dieser Art sind es, die auch im Jahr 44 n. D. das Heer der Maradona-Gläubigen in Argentinien nicht schwinden lassen. Nicht nur in Buenos Aires, der Geburtsstadt des Angebeteten. Auch in Rosario.

Dort war Maradona Anfang der Neunziger den Menschen für ein paar Wochen im Dress der Newell's Old Boys erschienen. In der "Iglesia Maradoniana" treffen sich auch im Jahr 44 nach der Geburt Diegos noch immer regelmäßig Dutzende Jünger und huldigen ihrem "Dios". "Diego ist der Gott unserer Herzen", erklärt Alejandro Veron, Gründer der Maradonianer-Sekte.

55 000 eingeschriebene Mitglieder hat die Gemeinde. "El Diego - Mein Leben" heißt ihre Bibel. Das ist Maradonas Autobiografie, erschienen zu dessen 40. Geburtstag. Zehn Gebote gibt es auch. Das dritte ist das wichtigste: "Stehe zu Diego, was immer geschehe", sagt Alejandro.

Und das tun sie dann auch. Erst recht in den schlechten Zeiten. Also seit rund 15 Jahren.

Schließlich sei Maradona "argentinische Folklore". Was der Maradonianer-Gründer meint: "Maradona gehört uns allen." Noch immer folgen sie daher in Heerscharen ihrem Fußball-Gott.

Als der damals 43-Jährige im vergangenen April mit Herzproblemen in ein Krankenhaus in Buenos Aires eingeliefert wurde, ging auf der Avenida Pueyrredon davor nichts mehr. Hunderte kamen, am Abend waren es weit über tausend. Besetzten Vorplatz, Gehweg und Straße - und blieben teils wochenlang. Bis Diego entlassen wurde. Richteten sich in Bushaltestellen ein, zündeten Kerzen an und beteten für ihren mit dem Tod ringenden Helden. Briefe und Blumen, Poster und Plüschtiere. Vor dem Buckingham Palace sah es nach Dianas Tod auch so aus.

Radio- und TV-Stationen berichteten rund um die Uhr. Wie während der WM 1986 oder, Jahre später, als Maradona wegen eines Drogenvergehens vor laufender Kamera festgenommen wurde.

So war es immer. Was Maradona sagt, macht oder auch unterlässt (vor allem einen dem kranken Herzen angemessenen Lebenswandel), ist in Argentinien fast schon von nationaler Bedeutung. Als Maradona sogar den Papst übel beschimpfte, drohte zwar nicht die Exkommunikation. Die Beziehungen zum Vatikan zu kitten, bedurfte es jedoch allerhand diplomatischen Geschicks. Doch um Außenwirkung hat sich Maradona ohnehin noch nie geschert. Auch das lieben sie so an ihm.

Eduardo Damboriana erklärt es so: "Er verbiegt sich eben nicht", weiß der Maradona-Anwalt. Zum Jahreswechsel machte sich der Ex-Fußballer darüber lustig, bei der WM 1990 habe man den brasilianischen Nationalspieler Branco mit einem Schlafmittel außer Gefecht gesetzt: Das deutlich schwächere Argentinien gewann das Spiel gegen den Erzrivalen mit 1:0.

Wahrheit oder Dichtung? Wer weiß das schon. Auch Maradona nicht. Ohnehin - es ist ihm egal. Doch die Idee, die findet er "gut". Und klatscht sich, zur Freude des Moderators, grienend auf die Schenkel.

So ist er eben: "Er nimmt nie ein Blatt vor den Mund", sagt Damboriana. Das ist vor allem für den "kleinen Mann" wichtig: Wenn der einstige "Goldjunge" mit seiner ureigensten Mischung aus Patriotismus, Stolz und Bauernschläue gegen Politiker, die FIFA, die ungeliebten USA oder die verhassten internationalen Konzerne wettert, dann kommt das an. Auch, weil bei Maradona meist die anderen schuld sind. Und Argentinier eigenen Misserfolg ohnehin gerne auf böse Mächte schieben.

Zudem braucht es in Krisenzeiten Helden. Und weil der Pampa-Staat seit Jahrzehnten von einer wirtschaftlichen Unpässlichkeit und politischen Extremsituation in die nächste taumelt, bleibt vielen nur der Glaube an die Mythen. Evita, Che Guevara, Gardel, der Tangokönig. "Von den Lebenden kann da nur Diego mithalten", weiß Damboriana.

Deshalb wird jeder Auftritt, und sei es der Schulabschluss der Töchter, zum Medienereignis - wenn, ja wenn Diego seinen von Amigo Fidel Castro bezahlten Drogen-Entzug (wahlweise Abspeckkur) auf Kuba gerade mal wieder unterbrochen hat und im Lande weilt. "Maradona garantiert noch immer beste Einschaltquoten", sagt der Soziologe und Medienwissenschaftler Adolfo Ruiz-Huidobro. Vor allem bei den kleinen Leuten. Maradona ist ihr Sprachrohr. "Was er sagt, wird in der ganzen Welt gehört", freuen sich die Fans. Dass Maradona bei seinen TV-Auftritten aufgrund des Übergewichts schwitzt wie einst auf dem Platz und fast zu platzen droht - macht nichts. Auch seine Drogenprobleme und die Alimente-Zahlungen an uneheliche Kinder - den Napolitaner Diego Junior Sinagra (18) und Jana Sabalain (8) in Buenos Aires - machen Diego da nur noch authentischer.

Kaum eine Rockband, die keine Diego-Hymne im Repertoire hätte. In den Stadien des ganzen Landes intonieren Maradona-Jünger noch immer regelmäßig und minutenlang "Maradooo, Maradooo". Graffiti im ganzen Land preisen ihn ohnehin als "Größten aller Zeiten".

Längst ist der Weltmeister von 1986 aber eher der Star einer mittelmäßigen "Daily Soap". Einer, auf den Intellektuelle und auch die zahlungskräftige Klientel zumeist mit einer Mischung aus Mitleid und Verachtung schauen. Und der für die Werbeindustrie daher völlig uninteressant ist.

Einer, der sich nach Herzanfall und künstlichem Koma selbst aus dem Krankenhaus entlässt, Journalisten sein nacktes Hinterteil zeigt, einen Rückfall erlebt, 133 Tage in eine psychiatrische Anstalt gesteckt wird (Maradona: "Die schlimmste Zeit meines Lebens. Es war wie in 'Einer flog über das Kuckucksnest'."), mit Selbstmord droht und schließlich auf richterlichen Beschluss zu seiner 20-jährigen Freundin Adonay Frutos nach Kuba ausreisen darf.

Und dessen Konterfei bald von einarmigen Banditen in den Spielhöllen der ganzen Welt grüßt, wie Anwalt Damboriana verrät. Irgendwie muss ja Geld reinkommen.

Zuletzt war eine griechische Zeitung nicht bereit, kolportierte 80 000 Dollar für ein Interview zu zahlen. Doch "eine finanzielle Krise gibt es nicht", sagt der Jurist. Denn: Rotweine, Trikots, eine Parfümlinie, Bälle und Teesorten. Es gibt allerhand, was Maradonas Namen trägt - und Geld abwirft. Doch vorwiegend im Ausland. Ein "Museo 10" wandert seit einem Jahr um die Welt, zeigt verschwitzte Maradona-Trikots und ausgelatschte Diego-Schuhe - und macht derzeit in Neapel Station.

Auch dort hat Maradona noch immer "Gott-Status". Pünktlich zu 45 n. D. soll es im Oktober im Stadion "San Paolo" ein Abschiedsspiel geben. Ach was, eine tränenreiche "Hommage", wie 2001 in der Bombonera von Buenos Aires.

Dabei "sollten sie ihn am besten in Ruhe lassen", poltert César Luis Menotti, der Argentiniens "Sportler des 20. Jahrhunderts" lange in der Nationalelf trainierte und noch heute Kontakt zu dem gefallenen Helden hat. "Was Diego braucht, ist Stille, sonst nichts." Was Menotti befürchtet: Einen Rückfall in den Drogenrausch. Es wäre vermutlich der letzte. Glaubt man zumindest kubanischen Ärzten: "Einen solchen würde er nicht überleben."

Der Mythos Maradona hingegen, so viel scheint sicher, wird nie sterben.

Jörg Wolfrum

07.02.05
 
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