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07.06.2008, 17:40

Polen: Interview mit Zbigniew Boniek

"Es war ein Fehler, Kuba heimzuschicken!"

Am Sonntag geht es los, Klagenfurt rüstet sich für den Ansturm der Fans. Mit rund 50.000 Menschen aus Deutschland und Polen rechnen die Veranstalter in der 90.000-Einwohner-Stadt am Wörthersee. Die schrillen Töne in den Boulevardmedien Polens sollten mit dem Anpiff der Vergangenheit angehören. kicker-Online unterhielt sich am Tag vor dem Spiel mit dem polnischen Fußball-Idol Zbigniew Boniek.

Zbigniew Boniek
Polens Fußball-Idol Zbigniew Boniek hätte Jakub Blaszczykowski nicht heimgeschickt.
© imagoZoomansicht

Der 52-jährige spielte drei Weltmeisterschaften für sein Land, wurde 1982 in Spanien Dritter und gewann mit Juventus Turin den Europokal der Landesmeister, den Vorläufer der Champions League.

kicker: Herr Boniek, we erklären Sie sich diese martialischen Schlagzeilen der vergangenen Tage?

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Zbigniew Boniek: Wissen Sie, es ist nicht das Spiel, das sich ändert. Fußball ist seit einhundert Jahren gleich. Was sich geändert hat, sind die Medien. TV-Sender brauchen Quote, Zeitungen Auflage - da sind "bad news" eben "good news". Übertrieben wird überall, in Polen wie in Deutschland. Aber intelligente Menschen machen sich nichts draus. Sie schauen es sich an und wissen es einzuschätzen. Sie wissen, dass es kein Konflikt zwischen den Menschen in Polen und Deutschland ist, sondern ein Konflikt von und zwischen den Medien.

kicker: A propos Intelligenz. Sie wurden zitiert, die polnischen Jungs seien Jungs seien "16 mal intelligenter" als die Deutschen. War das nötig?

Boniek: Erstens habe ich das so nicht gesagt. Ich glaube zwar nicht, dass polnische Jugendliche von ihren deutschen Altersgenossen viel lernen können, aber ich würde so etwas nie auf die Fußballer beziehen. Viele von ihnen kenne ich ja. Und aus meiner Generation bin ich mit einer Menge Deutscher befreundet: Uwe Seeler, Franz Beckenbauer, Kalle Rummenigge, Rudi Völler. Aber wissen Sie, was mir nicht gefällt? Das sind diese Werbespots, in denen die Polen als Diebe dargestellt werden. Das ist eine geschmacklose Vorverurteilung eines ganzen Volkes, so etwas gehört sich nicht.

kicker: Reden wir über den Fußball. Sie beobachten als TV-Experte des Senders "POLSAT" das polnische Team seit Tagen. Wie schätzen sie die Form ein?

Boniek: Es ist Vorbereitung. Die meisten von ihnen haben seit Wochen nicht mehr in einem Pflichtspiel gestanden. Aber die Mannschaft hat eine gute Qualifikation gespielt, das spricht für sie.

Oberhalb der Gürtellinie, also mental, sind die Deutschen sehr stark, unterhalb lediglich normal.Zbigniew Boniek

kicker: Wie sehen Sie die deutsche Elf?

Boniek: Deutschland ist der natürliche Favorit, allein aufgrund der Erfolge. Die Mannschaft hat Weltklassespieler wie Michael Ballack, sie hat aber auch große Lücken. Ich sage immer: Oberhalb der Gürtellinie, also mental, sind die Deutschen sehr stark, unterhalb lediglich normal.

kicker: Ihre Einschätzung der Gruppe B? Wer kommt ins Viertelfinale?

Boniek: Im Gegensatz zu vielen Experten halte ich die Gruppe für stark. Okay, Deutschland ist sowieso schon weiter, oder? Was soll ich sagen? Kroatien ist stark. Polen will hier keinen Betriebsausflug feiern. Und Österreich ist der Gastgeber, der die Fans wie eine Wand hinter sich hat. Mir fällt die Prognose sehr, sehr schwer.

kicker: Mit Jakub Blaszczykowski verlor Polen einen seiner talentiertesten Spieler wegen Verletzung. Ein großer Verlust?

Boniek: Ein sehr großer! Ich halte es für einen Fehler, ihn heimzuschicken. Man hätte ihn behandeln und schonen sollen. Vielleicht hätte es dann gereicht, ihn im letzten und möglicherweise entscheidenden Spiel einzusetzen. In einer entscheidenden Partie kann man einen Spieler wie ihn sehr gut gebrauchen. Er wird ja durch die Pause nichts verlernt haben.

kicker: Wer wird der Top-Star dieser EURO 2008?

Boniek: Will Deutschland etwas erreichen, muss Michael Ballack überragend spielen. Ohne ihn geht es nicht. Luca Toni ist ein Anwärter ebenso wie natürlich Cristiano Ronaldo. Aber man sollte auf Adrian Mutu achten. Der Rumäne aus Florenz ist mein Geheimtipp, ihm traue ich zu, dass er alle Experten überrascht.

Interview: Frank Lußem

07.06.08
 
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