Löws Nibelungentreue auf dem Prüfstand
Mit welcher Selbstverständlichkeit Schweinsteiger nach der milden UEFA-Sperre von einem Spiel infolge seiner Roten Karte gegen Kroatien nun von Joachim Löw in die Anfangself gegen Portugal berufen wird, verblüfft viele Beobachter. Erst recht die Begründung des Coaches, der aus Schweinsteigers Fauxpas gar eine Zusatzqualifikation ableitet: "Er hat jetzt eine Bringschuld und wird vor Motivation und Energie strotzen."
Brave Mittelfeld-Rivalen wie Tim Borowski, Piotr Trochowski oder Thomas Hitzlsperger könnten daraus viele Schlüsse ziehen. Etwa den, dass Löw ihre Trainingsleistungen nicht zufriedenstellen. Oder jenen, dass sie von vornherein nur als stille Hinterbänkler vorgesehen waren. So oder so: Ein leistungsfördernder Konkurrenzkampf findet de facto kaum statt. Ob dieser erwünscht ist, lassen inzwischen viele Indizien bezweifeln. Löws Nibelungentreue zu Schweinsteiger ist schließlich kein Einzelfall. Für Jens Lehmann und Christoph Metzelder wurde bis Turnierbeginn sogar ausdrücklich das Leistungsprinzip außer Kraft gesetzt.
Beide "WM-Helden" sollten die ersten EURO-Auftritte nutzen, um sich einzuspielen. Im Fall Lehmann scheint die Rechnung aufzugehen, Metzelder bleibt ein Risikofaktor. Der maßgebliche Härtetest dürfte gegen Portugal folgen. Dabei kommt Löws Entschluss auf den Prüfstand, nicht einen der topfitten und für ihre Trainingsleistung hochgelobten Arne Friedrich und Heiko Westermann im Abwehrzentrum zu bevorzugen.
Kritikern, die dem Bundestrainer vorwerfen, den im Turnier überdurchschnittlich bedeutsamen Faktor Form zu wenig zu berücksichtigen, hat Löw reichlich Nahrung geboten. Auch dank seiner Verfahrensweise mit Mario Gomez. Obwohl dessen Verunsicherung schon bei der Generalprobe gegen Serbien zu spüren war und sich von Spiel zu Spiel steigerte, durfte er in sämtlichen EM-Partien von Beginn an auflaufen. Der Schlussfolgerung, dass Kevin Kuranyi nicht das Vertrauen der Trainer besitzt, mochte am Mittwoch nicht mal Nationalelf-Manager Oliver Bierhoff widersprechen.
Viel beschworen wird dagegen Schweinsteigers Bilanz gegen Portugals Keeper Ricardo: Im Spiel um Platz drei der WM 2006 (3:1) glänzte der Mittelfeldmann mit zwei Weitschusstoren, zudem überwand er Ricardo am 18. Oktober 2006 im Champions-League-Duell zwischen Bayern und Sporting Lissabon (1:0). Die größte Hoffnung auf Schweinsteiger speist sich also aus Leistungen, die weit zurückliegen oder eben nicht der aktuellen Verfassung entsprechen. Wie auch bei David Odonkor. Der fiel seit seiner Torvorbereitung im WM-Gruppenspiel gegen Polen (1:0) kaum noch positiv auf - und gewann dennoch das Duell um ein EM-Ticket gegen den fußballerisch eindeutig versierteren Marko Marin.
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