Karriere des Stürmers verlief nicht linear - nun wird er gefeiert

Griezmann: Einst verschmäht, nun verehrt

EM - 08.07. 00:43

Einst wollte ihm kein Klub in der Heimat eine Chance geben, spätestens jetzt hat Frankreich Antoine Griezmann ins Herz geschlossen - nach dieser denkwürdigen Donnerstagnacht von Marseille, diesen beiden Toren im Stade Velodrome. Mit einer Gala bereitete er Deutschlands EM-Hoffnungen ein jähes Ende und schoss "Les Bleus" ins Endspiel von St. Denis. Auf dem Weg zum Stadion hatten Griezmann und seine Teamkollegen eine Spritze Extramotivation verabreicht bekommen.

Frankreichs Mann des Tages: Antoine Griezmann schoss Les Bleus mit zwei Toren ins Endspiel. © getty images

Da standen sie nun in einer Reihe, einer neben dem anderen. Ohne Bärte. Aber in blauen Trikots. Sie streckten die Arme gen Himmel, klatschten rhythmisch und stießen inbrünstig in die Nacht von Marseille: ein kraftvolles "Huh!" Nach dem 2:0 im EM-Halbfinale gegen Deutschland kopierte die französische Auswahl das Ritual der Isländer und beging die nächtliche Siegesfeier im Stile der Nordeuropäer. Mittendrin: Antoine Griezmann, der schmächtige Stürmer.

Der 25-Jährige hatte soeben das vielleicht größte Spiel seiner Karriere geliefert und das gesamte Publikum mit einem mitreißenden Auftritt in Wallung versetzt. Als er wenig später vor die Journalisten trat, war er ganz nüchtern. "Wir waren eine geschlossene Mannschaft, deshalb stehen wir jetzt im Finale", sagte Griezmann - und vergaß nicht einmal die Physiotherapeuten: "Es war Teamarbeit. Auch von ihnen." Anders als manch exzentrischer Superstar reklamierte Griezmann auch in der größten Stunde des Erfolgs die Lobhudeleien nicht für sich.

Dies mag auch daran liegen, dass er in jungen Jahren gleich mehrere Stunden des Misserfolgs durchstehen musste. Er wurde verschmäht - von Saint-Etienne und Sochaux. Auch von Metz und Auxerre. Keiner hatte Verwendung für den zierlichen Jungen, nachdem sich dieser zum Profitraining vorgestellt hatte. So musste er ausziehen, um Einzug in die Herzen Frankreichs zu erhalten. Er siedelte nach Spanien über, um den Zuspruch zu erhalten, der ihm in der Heimat versagt blieb. Real Sociedad gab ihm eine Chance, er ging seinen Weg von der Jugendabteilung bis zu den Profis. Inzwischen ist der Angreifer von Atletico Madrid in der Weltspitze angekommen.

"Die Begeisterung war Wahnsinn"

Die französische Presse huldigt dem besten Angreifer des Landes, die Fans liegen dem einst verlorenen Sohn zu Füßen. Im Klub ist Griezmann mittlerweile ebenso unumstritten wie im Nationalteam. Im Dress der Equipe Tricolore hat er bei dieser EM gemeinsam mit Dimitri Payet und Olivier Giroud eine Welle der Begeisterung losgetreten - mit einem stürmischen 5:2 im Viertelfinale gegen Island. Die Grande Nation war jetzt nach anfänglicher Zurückhaltung ob der behäbigen Auftritte des Teams infiziert. Euphorie schwappte durch die Bevölkerung. "Als wir zum Stadion gefahren sind", berichtete Trainer Didier Deschamps, "haben wir die Fans gesehen. Die Begeisterung war Wahnsinn."

"Huh!": Die Equipe tricolore feiert im isländischen Stil mit ihren Fans. © getty images

Im nationalen Fußballzentrum von Clairefontaine-en-Yvelines, einer beschaulichen Gemeinde unweit von Paris, ist die Nationalmannschaft von der Öffentlichkeit hermetisch abgeschottet. In der Idylle besinnt sich das Team einzig auf den Sport, von der Außenwelt bekommt es kaum etwas mit.

Die enthemmte Schar von Fans auf dem Weg zum Stadion zu sehen, diente den Spielern als Zusatzschub an Motivation. Dies beflügelte Deschamps' Mannschaft und trug sie zum Sieg. Nach dem Spiel verriet Griezmann: "Wir werden heute feiern und den Sieg genießen." Den Anfang machte Frankreich noch auf dem Rasen. Nach dem Vorbild Islands.

lei

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