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07.07.2016, 00:59

Drachen-Party in Cardiff

Cristiano, der Traumfänger

Erst bemüht, aber stumpf. Doch dann entscheidet Cristiano Ronaldo mit zwei Aktionen das EM-Halbfinale gegen Wales. Portugal steht nach dem 2:0 (0:0), seinem ersten Turniersieg innerhalb der regulären 90 Minuten, im Endspiel. Weil die Organisation der Selecao stimmt und weil sie den "diesmal glücklicheren" Individualisten hat, wie der Superstar selbst zugibt.


Aus Lyon berichten David Bernreuther und Benni Hofmann

Cristiano Ronaldo und die Tränen des Glücks.
Finaleinzug: Portugals Cristiano Ronaldo und die Tränen des Glücks.
© Getty ImagesZoomansicht

Mit Cristiano Ronaldo ist es ein bisschen wie mit Lakritze. Entweder man liebt ihn, oder man hasst ihn. In Portugal, da lieben sie ihn logischerweise. 10,46 Millionen Einwohner ermittelte die Weltbank im Jahr 2013 zwischen Algarve im Süden und Douro-Tal im Norden. Wenn einer darunter noch kein glühender Verehrer des dreifachen Weltfußballers war, dann dürfte sich das spätestens an diesem Mittwochabend geändert haben.

Engagiert ist der 31-Jährige schon in Durchgang eins, fällt allerdings zunächst durch sein leider übliches Lamentieren auf. Im Falle von Collins' Ringergriff im Strafraum ist das sogar gerechtfertigt. Mitunter ist das aber so nervenzehrend wie ein mäßig talentierter Musikschüler, der sich stundenlang an einer Trompete versucht. Und ausgerechnet sein Konterpart auf Gegners Seite wirkt vor der Pause griffiger und spritziger. Gareth Bale hat seine Szenen, verzog aber (19.).

Vielleicht weckt der walisische Drache damit Ronaldos Eifer. Mit seinem Kopfstoß (44.), knapp drüber, scheint der 31-Jährige die Weichen zu stellen: Bloß nicht noch so ein blasser Auftritt. Wie er überhaupt bis dahin blass geblieben war bei dieser EM, sieht man vom Galaauftritt gegen Ungarn ab.

Aber, sagt Chris Coleman, Trainer des stolzen Halbfinalgegners: "Sie haben nicht nur Ronaldo, sie haben einen Plan." Deshalb, glaubt der 46-Jährige auch daran, dass die Iberer eine Chance auf den Titel haben. "Egal ob gegen Deutschland oder Frankreich."" Seine Schützlinge fahren nun nach Cardiff. "Sie werden dort einen netten Empfang bekommen - und den haben sie sich auch verdient."

Sie haben nicht nur Ronaldo, sie haben einen Plan.Wales-Trainer Chris Coleman

Fernando Santos sieht das ähnlich, schließlich sei Colemans Team "stets sehr gut organisiert". Was gleichermaßen für die Auswahl des Portugiesen gilt. "Wir haben immer einen Plan", sagt der 61-Jährige, der das Finale am Sonntag (21 Uhr, LIVE! bei kicker.de) als "Highlight meiner Karriere" bezeichnet. "Es gibt einen offensiven und einen defensiven Plan", meint der in Lissabon Geborene.

Sein Hauptaugenmerk gilt stets der Balance. Die stimmt meist, was im Turnierverlauf zwar zu mitunter ermüdendem Gekicke wie dem Viertelfinale gegen Polen führt, aber sein Team eben nun nach Paris. Renato Sanches ist, wenngleich manchmal zu ungestüm, unheimlich präsent im Mittelfeld, Jose Fonte mausert sich in Abwesenheit des verletzten Pepe zu einem guten Abwehrchef. Und vorne ist diesmal der Individualist da.

Entscheidung in 2,53 Meter Höhe

Ronaldo explodiert kurz nach seinem Kopfball übers Tor von Wayne Hennessey. Mit der Sprungkraft eines Basketballers federt er seine 80 Kilo in die Höhe. Die Flanke des Neu-Dortmunders Raphael Guerreiro schlägt auf seinem Kopf ein, Sekundenbruchteile später im Netz (50.) - die ARD ermittelt seinen Kopfball in einer Höhe von 2,53 Meter Höhe. "Das erste Tor war entscheidend", befindet Coleman, dessen Elf "nie ihren Rhythmus" gefunden habe. Und weil der Kapitän der Selecao nun einmal ein Phänomen ist, braucht er nur drei Minuten, um mit der nächsten Aktion, einem Schuss, das 2:0 durch Nani vorzubereiten, wenn auch unfreiwillig (53.). Damit ist das Halbfinale entschieden.

"Diesmal war ich eben der Glücklichere", kommentiert Ronaldo, der aber auch Nani, Sanches und Quaresma erwähnt wissen will: "Sie haben in diesem Turnier auch getroffen. Wir sind ein Team. Und jetzt sind wir nur noch einen Schritt vom großen Traum entfernt." Weil das Kollektiv vor allem defensiv funktioniert - was in der Selecao beileibe nicht immer der Fall war - kann Ronaldo vorne den Traumfänger geben. Nicht umsonst bemüht Trainer Santos auffällig oft die Worte Einheit, Geist und Arbeit, wenn er über den Weg der Portgiesen bei dieser EM spricht.

Gedanken an 2004: Ronaldo 19, Santos Radioreporter

Vor zwölf Jahren, da haben sie es schon einmal ins Finale geschafft. Santos kommentierte damals das 0:1 gegen Griechenland, das der heutige Portugal-Coach von 2010 bis 2014 trainierte, im Radio. Ronaldo stand mit 19 Lenzen auf dem Platz und weinte bittere Tränen nach dem Treffer von Angelos Charisteas. Diesmal will er es besser machen als 2004. "Wir, ich, die Fans, jeder einzelne Portugiese verdient es, dass wir nun endlich den Titel gewinnen", sagt der 31-Jährige.

Worte, an die sich am Sonntag 10,46 Millionen erinnern werden.

 
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weitere Infos zu Cristiano Ronaldo

Vorname:Cristiano Ronaldo
Nachname:Dos Santos Aveiro
Nation: Portugal
Verein:Juventus Turin
Geboren am:05.02.1985


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