Verdientes EM-Aus: Keine Abwehr, keine Körpersprache

Wilmots: "Ich bin verantwortlich" - Courtois kritisiert Trainer

EM - 02.07. 00:40

Ein Heimspiel, ein vermeintlich machbarer Gegner, tolle Offensivkünstler: Der Weg ins Halbfinale schien für Belgien vorgezeichnet. Und dann das: 1:3 gegen Wales, das Ende aller Titelträume.

Aus Lille berichten Jörg Jakob, Frank Linkesch, Jörg Wolfrum und Sebastian Wolff

Au backe! Belgiens Nationaltrainer Marc Wilmots nach dem frustrierenden EM-Aus gegen Wales. © Getty Images

Lille sei am heutigen Abend die belgische Hauptstadt, behauptete der Moderator eines französischen Radiosenders wenige Stunden vor dem Viertelfinale gegen Wales. Am Ende wurde die nordfranzösische Metropole, die näher an Brüssel als an Paris liegt, der Schauplatz einer der größten Enttäuschungen belgischer Fußballgeschichte.

Alles war angerichtet für die Generation der Hochbegabten. Eden Hazard, Kevin de Bruyne und Co. wollten über Wales und Portugal bis nach Paris ins Finale, nun müssen sie die kurze Fahrt in die Heimat antreten. Dabei fing es gut an. Eine Dreifach-Chance in der 7. Minute verpuffte noch, sechs Minuten später legte Hazard quer auf Radja Nainggolan, und der Mittelfeldspieler vom AS Rom nagelte den Ball zur Führung ins linke obere Toreck.

Belgien schien den Gegner mit irrem Tempo zu überrollen, doch irgendwie riss plötzlich der Faden. Wales fasste Mut, griff bevorzugt über die schwache linke Abwehrseite mit den unerfahrenen Jordan Lukaku und Jason Denayer an und schockte die Belgier mit dem Ausgleichstreffer durch Ashley Williams.

Belgien zu unerfahren

Eine Reaktion blieb zunächst aus. Mit Beginn der zweiten 45 Minuten schien die Mannschaft von Marc Wilmots nochmals die Oberhand zu gewinnen, Lukaku (48.) und Hazard (50.) hatten die erneute Führung auf dem Fuß. Doch das 1:2 durch Hal Robson-Kanu änderte alles und zeigte zweierlei: mit einer solch schwachen Defensivleistung reicht es bei einer EM nicht für den ganz großen Wurf. Die Ausfälle von Thomas Vermaelen (Gelbsperre) und Jan Vertonghen (Bänderriss im Sprunggelenk) konnte Belgien nicht kompensieren. "Die jungen Spieler kann man nicht beschuldigen, wir mussten viel Erfahrung ersetzen", sagte Wilmots.

Hängende Schulter, Abwinken - Belgien fügt sich

Belgiens Spieler Fellaini, Nainggolan und Hazard sind fassungslos. © Getty Images

Und, zweitens, mit einer Körpersprache, wie nach dem 1:2, gewinnt man auch nichts. Hier hängende Schultern, dort ein Abwinken, insgesamt kein richtiger Kombinationsfluss mehr. Eine Ansammlung individuell Hochbegabter, aber keine richtige Mannschaft. Hazard versuchte viel, trennte sich aber zu oft zu spät vom Ball. De Bruyne enttäuschte völlig und tauchte zeitweise ab, einzig mit Bällen auf den Kopf von Marouane Fellaini kam in der Schlussphase nochmals Gefahr auf. Doch das 1:3, dieses Mal verteidigte Toby Alderweireld schlecht, zerstörte die letzten belgischen Hoffnungen.

Was wird aus Wilmots?

Vorerst bleibt diese so talentierte Generation also eine unerfüllte, Trainer Wilmots konnte sie nicht zum großen Coup führen. Nach dem Schlusspfiff zog er sich ein Sako über, klatschte Fellaini, Torhüter Thibaut Courtois oder Axel Witsel ab. Schon vor dem Turnier stand der Ex-Schalker in der Kritik. Ob er weitermachen wird und darf, werden die nächsten Tage zeigen.

"Er muss seine Entscheidung treffen. Ich habe ihm meine Meinung in der Kabine gesagt."

Belgiens Keeper Thibaut Courtois

Ungewiss, ob er alle Spieler hinter sich weiß: "Er muss seine Entscheidung treffen. Ich habe ihm meine Meinung in der Kabine gesagt", antwortete Courtois auf die Frage eines Journalisten, ob Belgien einen neuen Trainer brauche. Der Torhüter prangerte zudem "die gleiche Taktik, die gleichen Probleme wie gegen Italien" an.

Darauf in der Pressekonferenz angesprochen, empfahl Wilmots "erst mal abzukühlen", gab dann aber zu: "Ich bin verantwortlich für das hier." Für nichts anderes als die verpasste Großchance einer Generation. Ob er zurücktritt, wolle er nach dem Turnier entscheiden: "Gebt mit etwas Zeit."

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