Zur Loginbox springen Zur Navigation springen Zum Inhalt springen
01.07.2016, 11:27

Die Kolumne der kicker-Reporter

Der Fußball fraternisierte Feinde

Stechmücken sind die einzige Gefahr. Hier und heute. Früher war das anders. Da war es hier tödlich. Jeder zweite oder dritte ließ sein Leben. Im Kugelhagel des ersten Weltkrieges, als hier das große Töten stattfand. Hier, unweit von Neuville-Saint-Vaast, und an einer über 800 Kilometer langen Frontlinie, die sich von Belgien bis zur Schweiz erstreckt.


Aus Neuville-Saint-Vaast berichtet Jörg Wolfrum

Kleine, aber umso eindringlicher wirkende Gedenkstätte von Neuville.
Kleine, aber umso eindringlicher wirkende Gedenkstätte von Neuville.
© kickerZoomansicht

Deutschland hatte im August 1914 Belgien und Nordfrankreich besetzt. Es begann: ein Grabenkrieg. Auch hier, nur 50 Kilometer entfernt von Lille, das an diesem Freitag bis zu 100.000 Fans aus Belgien erwartet, zum Viertelfinale gegen Wales.

Zwei Jahre verharrte damals im Nordosten Frankreichs die Front, ohne sich groß zu bewegen.
An Weihnachten des Kriegswinters 1914/15 aber, da tat sich was. Da tauschten die Soldaten Zigaretten, tranken Kaffee, sangen, zündeten Kerzen an. Und sie spielten Fußball. Vielerorts an der Front, meist nur für Stunden.

Hingeworfene Mützen bildeten die Torpfosten. Der Fußball fraternisierte Feinde, ein schottischer Offizier schrieb: "Am Nachmittag gingen wir zu den Deutschen... Einige von ihnen spielten Fußball gegen Celtic." Gemeint waren Soldaten eines Sächsischen Regiments, die vor Kriegsausbruch, nur Monate lag das zurück, noch in Leipzig gegen Celtic Glasgow gespielt hatten.

Franzosen und Deutsche sahen einander an und stellten fest, dass sie alle Menschen waren.

Etwas außerhalb des Ortes Neuville-Saint-Vaast steht eine kleine, aber umso eindringlicher wirkende Gedenkstätte. Dort kann man folgenden Satz lesen, den der französische Korporal Louis Barthas hier ganz in der Nähe für die Nachwelt hinterließ: "Dieselbe Leidensgemeinschaft zu teilen, bringt Herzen näher, lässt Hassgefühle schmelzen und Sympathie entstehen zwischen gleichgültigen Menschen und sogar Feinden. Franzosen und Deutsche sahen einander an und stellten fest, dass sie alle Menschen waren. Sie lächelten sich zu, tauschten Worte aus. Männer reichten sich die Hand umarmten sich und teilten Tabak, einen Viertelliter Saft oder Fusel."

Vorhin waren wir nur ein paar Kilometer weiter an der Gedenkstätte in Vimy, das war damals nur noch eine Ruinenstadt. Man kann ein kleines Museum inmitten des einstigen Schlachtfeldes besichtigen. Gegenüber wird ein neues Haus gebaut, natürlich ein größeres. Am kommenden 9. April jährt sich zum 100. Mal die Eroberung einer strategisch wichtigen Anhöhe durch die Alliierten.

Eine Gedenkstätte erinnert an den ersten Weltkrieg.
Eine Gedenkstätte erinnert an den ersten Weltkrieg.
© kickerZoomansicht

Kanadier und Briten kämpften da, aber auch Marokkaner standen den Deutschen gegenüber, vertreten durch ein Bayerisches Regiment. In Schützengräben, mannshoch und auf Sichtweite, mit bloßem Auge. Oft waren das nicht mehr als 20 Meter, Freistoß-Entfernung. Zu was für Barbarei sind Menschen fähig?

Gewalt und Randale auch bei der EM

Man hat es dieser Tage auch bei der EM gesehen. Praktisch zum Start des Turniers in Marseille, als russische Hooligans auf Engländer losgingen, oder auch in Lille, als Deutsche vor dem Gruppenspiel gegen die Ukraine in der Innenstadt randalierten, dazu die Reichskriegsflagge präsentierten.

Am selben Abend saß Daniel Nivel im Stade Pierre Mauroy auf der Tribüne, auf Einladung des DFB. Heutet steigt im selben Stadion das Viertelfinale Wales - Belgien. 1998 war der Gendarm während der WM von deutschen Hooligans im nahen Lens fast zu Tode geprügelt worden, lag wochenlang im Koma, seit dem Überfall ist er auf einem Auge blind, kann nur mühsam sprechen. Was muss er sich gedacht haben, als er vor knapp drei Wochen die Nachrichten von den Auswüchsen deutscher Hooligans hörte?

Wer gewann, war egal

Sie "sahen einander an und stellten fest, dass sie alle Menschen waren". Worte von Korporal Barthas. "Weihnachtsfrieden" ist der Begriff für das, was damals geschah. Darunter auch: Fußballspielen an der Front, die für ein paar Stunden keine war. Wer gewann, war egal.

Wir stehen an der Gedenkstätte in Neuville-Saint-Vaast. In der Ferne peitschen, ja was eigentlich? Schüsse? Hört sich nur so an. Stechmücken sind die einzige Gefahr. Heute. Dafür scheint es wichtig, wer Europameister wird.

Zur EM gehört weitaus mehr als nur der Fußball an sich: Land und Leute, Fans und Stimmung, Kultur und Kurioses. 14 kicker-Reporter sind vor Ort in Frankreich, um auch von außerhalb der Stadien zu berichten.

 

kicker

Lesen Sie die aktuelle kicker-Ausgabe vor allen anderen auf Ihrem Tablet oder Smartphone!
noch vor Verkaufsstart verfügbar: Lesen Sie die Montagsausgabe schon Sonntagabend
mit unserem Abo-Service verpassen Sie garantiert keine Ausgabe
bequeme und sichere Bezahlung über Ihren Appstore-Account
mühelos und in Sekunden-
schnelle geladen!
   

Facebook

Schlagzeilen

Der Rahmenterminkalender

Bundesliga, Pokal, Champions League, Europa League, Nationalelf etc: Auf einem Blick wissen, was wann stattfindet.

Alle Termine 18/19

Livescores Live

TV Programm

Zeit Sender Sendung
21:30 EURO Snooker
 
21:30 SKYS2 Fußball: DFB-Pokal
 
22:00 SKYS2 Fußball: DFB-Pokal
 
22:00 SKYBU Fußball: Bundesliga
 
22:00 SKYS1 Golf: US PGA Tour
 

Community

Die aktuellsten Forenbeiträge
Re: TIPPSPIEL 2. BUNDESLIGA 7. Spieltag 2018/2019 von: BridgetW - 24.09.18, 21:12 - 0 mal gelesen
Re (3): P.S. Braunschweig von: Txomin_Gurrutxaga - 24.09.18, 21:11 - 1 mal gelesen
Re (2): TSG - Die Schande unseres Landes von: alemao82 - 24.09.18, 21:05 - 17 mal gelesen

DIE GANZE WELT DER KICKER APPS!
Informieren Sie sich über unser vielfältiges App Angebot:
Smart TV Tippspiel kicker MeinVerein FußballQuiz eMagazine