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29.06.2016, 23:36

Englands Ex-Nationalspieler über heutige Generation

Carraghers Abrechnung: "Wir erschaffen Babys statt Männer"

Warum ist schon wieder eine englische Nationalmannschaft bei einem großen Turnier krachend gescheitert? Ex-Nationalspieler Jamie Carragher rechnet in einer Kolumne mit der heutigen Spielergeneration ab - und hat einen Favoriten für die Nachfolge von Roy Hodgson: einen Deutschen.

Dele Alli nach dem 1:2 gegen Island
"Dumme Entscheidungen, dumme Schüsse, dumme Pässe": England nach dem 1:2 gegen Island.
© imagoZoomansicht

Eine Nation "mit mehr Vulkanen als Fußballprofis" (Gary Lineker) ist England bei der EURO zum Verhängnis geworden. Selbst jenes Land, das seit 1966 mit WM- und EM-Enttäuschungen aller Art bestens vertraut ist, kann sich an keine schlimmere Demütigung erinnern als an das 1:2 im Achtelfinale gegen Island am Montagabend.

Warum erlebten die Spieler aus der reichsten Liga der Welt, die mit zeitweise mitreißendem Fußball durch die Qualifikation spaziert waren, dieses Desaster? Trainer Roy Hodgson übernahm die Verantwortung und verkündete seinen Abschied, Torwart Joe Hart entschuldigte sich für seine Patzer. Für Jamie Carragher (38), Liverpool-Legende und 38-maliger Nationalspieler, geht das jedoch alles in die falsche Richtung: In seiner Kolumne für das Boulevardblatt "Daily Mail" macht er ein grundlegendes Problem im englischen Fußball aus - und für die nicht enden wollenden "years of hurt" verantwortlich.

"Einige Zwölf- und 13-Jährige haben nun schon Berater. Warum?"

Die Spieler der heutigen Generation - er nennt sie "Academy Generation" - seien "physisch und mental verweichlicht". "Sie werden zu den Fußballschulen kutschiert, trainieren auf makellosen Plätzen, spielen in blütenweißer Trainingskleidung. Alles wird getan, damit sie sich nur auf den Fußball fokussieren müssen", schreibt Carragher. "Wir glauben, wir machen Männer aus ihnen, aber in Wahrheit erschaffen wir Babys."

Schon die Jugendspieler würden "verhätschelt", findet er: "Sie werden mit Geld überschüttet und wenn etwas schiefgelaufen ist, wird ihnen gesagt, dass es nicht ihre Schuld ist. Einige Zwölf- und 13-Jährige haben nun schon Berater. Warum?" Die Folgen seien verheerend.

Der Unterschied zu Island? "Sie werden nicht panisch, wenn der Druck steigt"

Carragher nämlich glaubt zu wissen, was die technisch limitierten Isländer oder einen wie Italiens Sturmtank Graziano Pelle ("Er hätte es nicht in Englands Kader geschafft") von den englischen Nationalspielern unterscheidet: "Sie sind gerissen, sie wissen, wie man mit bestimmten Situationen umgeht. Ihre Verteidiger decken dich bei Standardsituationen so eng, dass du das Gefühl hast, sie stünden in deinen Schuhen. Sie werden nicht panisch, wenn der Druck zunimmt." Mentalität und Charakter seien "vielleicht das Wichtigste im Fußball".

Die englischen Nationalspieler dagegen hätten gegen Island nach dem 1:2 versagt - durch "dumme Entscheidungen, dumme Schüsse, dumme Pässe". In solchen Momenten könnten sie nicht erwarten, Hilfe von außen zu erhalten, "sie müssen ihre eigenen Entscheidungen treffen". Dieses Verantwortungsbewusstsein jedoch fordere ihr Alltagsleben nicht. "Sie leben mit persönlichen Assistenten, Kindermädchen und Beratern, die alles für sie regeln. Einige von ihnen können nicht einmal einen Urlaub oder einen Zahnarzttermin selbst buchen."

Carraghers Analyse hat auch Schwächen

Deshalb sei es falsch, dass immer äußere Umstände oder der Trainer für die schlechten englischen Turnierleistungen herhalten müssen. Bei der WM 2010 zum Beispiel - Carragher war ja selbst dabei - "waren wir einfach nicht gut genug. England ist dieses Mal so verdient rausgeflogen wie wir damals."

Jamie Carragher
Gefragter Experte - und 38-maliger Nationalspieler: Jamie Carragher.
© Getty Images

Babys statt Männer, Verhätschelung statt Mentalität - das ist also Carraghers Analyse, doch sie hat auch Schwächen: Werden denn die deutschen oder belgischen Nationalspieler weniger gut behütet ausgebildet? Sind die Isländer nicht gerade deswegen so erfolgreich, weil die Talente schon frühzeitig das Land verlassen, um sich Jugendakademien im Ausland anzuschließen, in England zum Beispiel?

Jetzt wünscht sich Carragher Klinsmann

Auch Carragher streift noch andere Ursachen, Hodgsons Einwechslungen gegen Island etwa. Dass die Premier League taktisch hinterherhinkt, den Spielern ein Mammutprogramm ohne Winterpause zugemutet wird, kein einziger Nationalspieler im Ausland spielt - diese Faktoren indes spart er aus. Dafür nennt er seinen Favoriten für Hodgsons Nachfolge: US-Coach Jürgen Klinsmann. Begründung: "Er stand mit Deutschland im WM-, mit den USA im Copa-Halbfinale und kennt unser Spiel."

Medien: Southgate steht nicht zur Verfügung

Gareth Southgate steht allerdings nach übereinstimmenden Medienberichten nicht als Interimstrainer zur Verfügung. Der U21-Coach habe dem Verband FA mitgeteilt, dass er den Job als Hodgon-Nachfolger weder übergangsweise noch dauerhaft übernehmen wolle, schrieben englische Zeitungen am Mittwochabend.

FA-Geschäftsführer Martin Glenn hatte den früheren Nationalspieler nach dem peinlichen Aus im EM-Achtelfinale als "offensichtliche Wahl" für eine Interimslösung bezeichnet.

jpe

Video zum Thema
kicker.tv Hintergrund- 29.06., 13:09 Uhr
Rückkehr der Gedemütigten - England fährt nach Hause
Es ist ein Stahlbad für die jungen englischen Nationalspieler: Nach der Blamage im EM-Achtelfinale gegen Island prasselt die Kritik auf die Three Lions ein. Roy Hodgson trat ungewollt noch mal vor die Presse - und registrierte einen "großen Schaden beim Entwicklungsprozess der Mannschaft".
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3 Leserkommentare

kkjohannes
Beitrag melden
30.06.2016 | 14:49

Eher Angst als Willensschwäche

Das Argument von K_S_ finde ich sehr stichhaltig; auch die deutsche Nationalmannschaft hat noch mal [...]
K_S_
Beitrag melden
30.06.2016 | 07:39

Keine Legionäre

Also diese sogenannte 'Academy Generation' gibts nicht nur in England, also ist das - wenn überhaupt [...]
ahrno
Beitrag melden
29.06.2016 | 18:43

Die eigenen Entscheidungen

Relativ gute Analyse von Herrn Carragher, "Mentalität und Charakter seien vielleicht das Wichtigste [...]

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