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25.06.2016, 13:00

Jörg Jakob über Kultur und Fußball im kleinsten EM-Spielort

Lens - Wahre Schönheit kommt von innen

Mit dem Achtelfinale zwischen Kroatien und Portugal verabschiedet sich Lens von der Europameisterschaft 2016. Und die internationalen Gäste verabschieden sich von Lens. Jörg Jakob über Kultur und Fußball im kleinsten EM-Spielort.


Aus Lens berichtet Jörg Jakob

Stade Bollaert-Delelis
Vor dem Gruppenspiel zwischen England und Wales: das Stade Bollaert-Delelis in Lens.
© kickerZoomansicht

Liebes Lens,

nun ist es bald vorbei. Nach drei Gruppenspielen noch das Achtelfinale. Kroatien gegen Portugal, eine schöne Paarung zum Abschied. Aber dann heißt es endgültig: Adieu "Öro" 2016.

Du hast mich und all die anderen charmant empfangen, wenngleich das für so eine Stadt mit nur 32.000 Einwohnern nicht einfach ist. Michelle hatte gleich bei der Ankunft ein Lächeln in den Augen und einen Flyer zur Hand. Eine einladende Begrüßung. Aber es war verdammt viel los im Gare SNCF de Lens, als die Fans der Mannschaften einrollten. Es war nicht die Stunde der Hochkultur, es gab jetzt Wichtigeres.

Deine Schönheit erkennt man erst auf den zweiten Blick. Das geht mit den Mosaiken in der Bahnhofshalle schon los, und erst wenn man draußen steht und noch einmal auf dieses Gebäude schaut, ist sein erstaunlicher Art-déco-Stil zu erfassen. Halbrechts vom Vorplatz droht eine Hausfassade wie in der Filmkulisse für eine Geisterstadt, die noch gruseliger wirkt, als wir am Abend in Bierlachen und einem Meer von Plastikbechern waten, inmitten fröhlich betrunkener Briten und schwer bewaffneter Polizisten.

Aber das hier nur am Rande. Deine wahre Schönheit kommt, wie so häufig, von innen. Auf dem Boulevard Basly etwa und in der Rue Lanoy. Vor allem aber: Links vom Bahnhof führt der Weg "directement" zum Museé du Louvre-Lens und Richtung Stade Bollaert-Delelis. Das Bollaert, wie es bei Euch nur heißt, fasst im normalen Leben 38.000 Zuschauer und trägt zwei Namen: den seines Finanziers Felix Bollaert, Direktor der Bergbaugesellschaft anno 1933, und den des 2012 verstorbenen Bürgermeisters André Delelis. Die Namen sind Programm: Die Industrie, die Arbeiterstadt, der Fußball - im Herzen des "schwarzen Landes" wuchs zusammen, was zusammengehörte. Und es wird nicht getrennt, auch wenn die letzte Grubenlampe seit langem erloschen ist.

Dein stillgelegtes Revier gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe, auf einem Deiner ehemaligen Zechengelände, gleich hinterm Stadion mit seiner klassisch-kantigen Architektur, steht nun eine Dependance des Louvre, ein riesiger Glaspavillon in einem Landschaftsgarten. Raum und Zeit für Kultur - auch für Fußballkultur, was Dich, kleines Lens, mir noch sympathischer macht.

Mit einer schmalen Allee und einem unaufdringlichen Gedenkstein zwischen Bollaert und Museum erinnert Ihr an Marc-Vivien Foé, den kamerunischen Nationalspieler, der von 1994 bis 1999 für den RC spielte und 2003 im Spiel gegen Kolumbien an Herzversagen verstarb. Ich halte das für eine wertvolle Erinnerung.

Plakat zur Eröffnung des Louvre-Lens im Stade Bollaert-Delelis
"En Sang et Or" - Plakat zur Eröffnung des Louvre-Lens im Stade Bollaert-Delelis.
© imagoZoomansicht

Kultur und Fußball. Bis 7. November ist im Louvre die Ausstellung "RC Louvre" zu sehen, bei freiem Eintritt. Sie erzählt die Geschichte von "Sang et Or", von "Blut und Gold", wie die Fans ihren Racing Club des Lens nennen. 1998, als der 1. FC Kaiserslautern zum Bundesliga-Titel durchmarschierte, gelang auch Euch mit der Meisterschaft ein Wunder. Viele Höhen und Tiefen, auch im Europapokal, folgten. Eure Leidenschaft jedoch ist ungebrochen.

25.000 kommen auch jetzt in der Zweiten Liga, hat Michelle gesagt. Das will ich erleben. Und vielleicht reserviere ich einen Tisch, auch wenn's etwas teurer ist, im "L'Atelier de Marc Meurin" im Louvre. Hier kocht der Chef persönlich. Es sein denn, "Sang et Or" spielt. Dann ist er, natürlich, im Bollaert und besingt mit all den anderen im Chanson "Les Corons" die Siedlungen der Bergarbeiter und Fußballfans.

Lens, ich komm gerne wieder.

Zur EM gehört weitaus mehr als nur der Fußball an sich: Land und Leute, Fans und Stimmung, Kultur und Kurioses. 14 kicker-Reporter sind vor Ort in Frankreich, um auch von außerhalb der Stadien zu berichten.

 
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