Zur Loginbox springen Zur Navigation springen Zum Inhalt springen
18.06.2016, 18:28

Mittelfeldspieler ist wieder verletzt

Rosicky: EM-Aus - nie mehr für Tschechien?

Mit einer genialen Flanke leitete Tomas Rosicky Tschechiens Comeback gegen Kroatien ein. War dieses Meisterwerk sein letztes im tschechischen Nationaltrikot? Thomas Hennecke über einen großen Spieler - der seinen Spitznamen hasst.


Aus St. Etienne berichtet Thomas Hennecke

Tschechiens Mittelfeld-Lenker Tomas Rosicky
Wieder am Oberschenkel verletzt: Tschechiens Mittelfeld-Lenker Tomas Rosicky.
© imagoZoomansicht

Genau vor dem Zaun, der den Parkplatz der Mannschaftsbusse von allzu neugierigen Journalisten trennt, tigert Tomas Rosicky auf und ab. Tschechiens Mannschaftskapitän telefoniert und wirft mir dabei ein freundliches Lächeln zu. Rosicky und ich kennen uns seit 15 Jahren. Aber hier in St. Etienne fällt das Wiedersehen traurig aus. Der 35-Jährige hat sich im Spiel gegen Kroatien (2:2) verletzt. Wieder einmal.

Vier Stunden vorher. Bei ihrer Ankunft wirken Tschechiens Fußballer, als wären sie auf dem Weg in einen angesagten Club in Paris. Sie tragen hellgraue Hosen, ein weißes Hemd, blaue, modisch geschnittene Sakkos - und Einstecktücher. Bei den Kroaten hat sich der Verband für Anzug und weißes Hemd mit Krawatte entschieden, so würden Modric, Rakitic & Co. wohl auch zum Empfang bei Staatspräsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic erscheinen.

"Schnitzel"? Rosicky hasst das

Rosicky steht sein Outfit. Seine mittlerweile 35 Jahre sieht man ihm nicht an, genauso wenig die damals 20 Jahre, als er im Januar 2001 bei Borussia Dortmund landet. 29 Millionen Mark blättert der BVB für das schmächtige Bürschchen hin, dem der Boulevard den dümmlichen Spitznamen "Schnitzel" verpasst (weil er doch ein paar Pfund mehr auf den Rippen brauche). Rosicky hasst das. Lieber lässt er sich als "kleiner Mozart" beschreiben, weil er an guten Tagen auf dem Rasen Sinfonien aufführt.

149 Bundesligaspiele bestreitet Rosicky für Dortmund, schießt 20 Tore, bereitet 29 vor. Die Meisterschaft 2002 trägt vor allem seine Handschrift (und die von Marcio Amoroso und Jan Koller), Rosicky schwebt über den Rasen, wo er ist, ist in dieser Zeit der Erfolg. Die Welt, so scheint es, liegt dem kleinen Ballschmuser zu Füßen. Doch Rosicky, der bald nur noch Straßenmusikanten, aber keine Orchester-Solisten an seiner Seite hat, weil in Dortmunds Kasse die Schwindsucht herrscht, gewinnt danach keine Meisterschaft mehr. Nur noch zweimal den FA Cup mit dem FC Arsenal (2014, 2015) und den Community Shield (ebenfalls 2014).

"Für mich ist alles vorbei"

Vor der Europameisterschaft hat der "kleine Mozart" fast ein Jahr lang seine Instrumente nicht mehr stimmen können. Eine Knie-Operation im August 2015 und eine langwierige Oberschenkelverletzung (Januar 2016) verlangen ihm alles ab. "Es war das bisher schwierigste Jahr meiner Karriere", seufzt er. Bei den Gunners in London fällt nach 170 Premier-League-Spielen (19 Tore) der Vorhang für ihn. Rosickys Vertrag wird nicht verlängert. "Es war ein Privileg, mit ihm gearbeitet zu haben", sagt Arsène Wenger. Nicht einmal zehn Millionen Euro musste er 2006 investieren, um den genialen Tschechen, dem sein Körper so oft die Gefolgschaft verweigerte, auf die Insel zu holen. Verglichen mit heute üblichen Summen ein Spottpreis.

Und nun? Das Stadion von St. Etienne verlässt Rosicky im Trainingsanzug. Die Freude über das Comeback seiner schon mit 0:2 zurückliegenden Mannschaft klingt gedämpft. Er hat dafür einen hohen Preis bezahlt. "Für mich ist alles vorbei", verrät er, "gegen die Türkei werde ich sicher nicht spielen." Die hintere Oberschenkel-Muskulatur. Ein tiefer Schmerz. Rosicky hat trotzdem durchgespielt, hat sich geopfert, jetzt ist wohl Schluss. Für immer? Nach 105 Länderspielen? In jedem Fall verkündete der tschechische Verband am Samstagabend, dass zumindest das Turnier in Frankreich aufgrund eines Muskelfaserrisses definitiv vorbei ist.

War dieser Beckenbauer-Gedächtnis-Pass Rosickys letztes Meisterwerk?

Es hat ohnehin etwas von Abschiedsstimmung, als die Anhänger der Tschechen immer und immer wieder Rosickys Namen rufen. Der Kapitän zieht sein Trikot aus und wirft es auf die Ränge. "Ich habe alles für dieses Unentschieden gegeben", sagt er. Sogar seine Gesundheit. Der perfekte Außenrist-oder Franz-Beckenbauer-Gedächtnis-Pass, den Milan Skoda zum Anschlusstor verwerte - es könnte der letzte große Moment in seiner langen Laufbahn gewesen sein.

Hinter dem eingangs schon beschriebenen Zaun, den ein gewissenhafter Ordner (in Frankreich Steward genannt) wie ein Kasernentor bewacht, telefoniert Rosicky immer noch. Er winkt mir zu, dann steigt er in den Bus.

Sbohem, Tomas. Auf Wiedersehen.

Zur EM gehört weitaus mehr als nur der Fußball an sich: Land und Leute, Fans und Stimmung, Kultur und Kurioses. 14 kicker-Reporter sind vor Ort in Frankreich, um auch von außerhalb der Stadien zu berichten.

Europameisterschaft, 2016, Vorrunde, 2. Spieltag
Tschechien - Kroatien 2:2
Tschechien - Kroatien 2:2
Jubelschrei

Ladislav Krejci (#19) weiß, bei wem er sich zu bedanken hat. Tomas Necid (#7) traf in der Nachspielzeit vom Punkt aus zum 2:2-Endstand.
© Getty Images

vorheriges Bild nächstes Bild
 

Bis jetzt gibt es noch keine Kommentare zu diesem Beitrag.
Seien Sie der Erste und kommentieren Sie jetzt!

Seite versenden
zum Thema

weitere Infos zu Rosicky

Vorname:Tomas
Nachname:Rosicky
Nation: Tschechien
Verein:Sparta Prag
Geboren am:04.10.1980


DIE GANZE WELT DER KICKER APPS!
Informieren Sie sich über unser vielfältiges App Angebot:
Smart TV Tippspiel kicker MeinVerein FußballQuiz eMagazine