| Vorname: | Cesare |
| Nachname: | Prandelli |
| Nation: | Italien |
| Verein: | Italien |
Auf einmal brachen alle Dämme. Es übermannte die meisten der bemitleidenswerten Italiener nach einer wahren Lehrstunde, die ihnen der historische Titelträger Spanien beim epochalen Titel-Hattrick erteilt hatte. 0:4 gegen den erfolgreichen Titelverteidiger und amtierenden Weltmeister im Olympiastadion von Kiew, nicht nur dem emotionalen Höhepunkt der 14. Europameisterschaft, sondern auch dem fantastischen Schlusspunkt eines dreiwöchigen Turniers.
Die Azzurri konnten das Wasser nicht mehr halten. Mario Balotelli, der diesmal glücklose und blasse Torjäger, warf sich auf den Boden. Und der im Halbfinale sich als Kraftprotz produzierende Exzentriker bekam feuchte Augen, wie die Kameras in Nahaufnahmen dokumentierten. Als er nach der Siegerehrung von der Ehrentribüne hinabstieg, zeigte auch Superstar Andrea Pirlo, ansonsten ein Pokerface, erste Regungen bei diesen Titelkämpfen. Der Turiner weinte ebenso wie Kollege Leonardo Bonucci, der untröstlich wirkte. Italia in einem Tränenmeer nach der erduldeten Demütigung durch wie entfesselt spielende Spanier.
„Wir haben hier Fantastisches geleistet.“Cesare Prandelli
Als einer der Ersten hatte Gianluigi Buffon, der Anführer der geschlagenen Truppe, die Fassung wieder gefunden. Heute hätten sie nicht die Form besessen, analysierte der Klassekeeper sogleich nach dem Schlusspfiff. "Wir haben gegeben, was wir konnten. Aber im Leben ist es so, dass man manchmal auf einen Stärkeren trifft."
Korrekte Zusammenfassung der 90 mitreißenden Minuten in der Hauptstadt der Ukraine. Buffon erwies sich als untadeliger Sportsmann, eilte sofort nach dem Schlusspfiff zur Gratulationscour zu den Siegern in diesem kontinentalen Süd-Gipfel. Danach führte der Kapitän seine geschlagenen Mannen in die Fankurve, wo etwa 5000 Tifosi mit ihren Idolen trauerten.
Auf der VIP-Tribüne im Olympiastadion saß derweil Mario Monti, Italiens Premierminister. "Wir sind alle ein bisschen enttäuscht", sagte der aus Rom angereiste Politiker. Doch auch Monti fand an diesem bitteren Abend, als die Italiener fast eine halbe Stunde lang in Unterzahl sich der spanischen Übermacht erwehren mussten, weil der eingewechselte Thiago Motta nur ungefähr fünf Minuten auf dem Rasen agierte und dann verletzt ausgetauscht werden musste, wobei das Auswechselkontingent bereits erschöpft gewesen ist, tröstende und aufbauende Worte für die Verlierer: "Die Jungens haben Außergewöhnliches geleistet."
Stolz bei dem hochrangigen Ehrengast und auch bei Cesare Prandelli, der seine Bewunderung für seine Zöglinge in diesen Satz kleidete: "Wir haben hier Fantastisches geleistet." Als krasser Außenseiter gestartet, erblühte Italia zu altem Glanz und scheiterte erst auf der letzten Etappe des Weges zurück an die europäische Spitze. Fazit aus Sicht der Italiener: Sie haben sich eindrucksvoll zurückgemeldet im Kreis der großen Nationen. Mit dem Weltmeister von 2006, der in seinen Reihen einige erfolgsversprechende Talente weiß, ist wieder zu rechnen.
So sieht es auch der "tecnico" Prandelli. Die Elf stehe erst am Anfang, so der 54-Jährige. Sie werde weitermachen, sich entwickeln und verbessern. Mit ihm als dem entscheidenden Mann: Prandelli, dessen Vertrag bis 2014 läuft, bekräftigte am Abend dieser bitteren Niederlage, dass "ich meine Mission fortsetzen werde".
Demnächst ist ein richtungsweisendes Gespräch mit dem Verbandschef Abate anberaumt. Um dieses hatte der Trainer schon vor dem Endspiel gebeten. Prandelli will in dieser Unterredung auf den Stellenwert der Nationalelf hinweisen und versuchen, diesen im Bewusstsein des Verbands und der Tifosi anzuheben. "Nun sind alle euphorisch und glücklich", hatte er nach dem famosen Erfolg im Halbfinale gegen Deutschland betont, "doch im September, wenn die Saison begonnen hat, interessiert die Nationalelf wieder überhaupt nicht."
Es stört Maestro Prandelli, genauso wie der Modus der Europameister-schaft. Zwei Tage weniger Pause vor dem Semi-Finale gegen die Löw-Elf, nun einen Tag weniger für Ruhe und Regeneration als die Spanier - der Italo-Trainer hatte schon mehrfach die UEFA dafür kritisiert und andere Lösungen verlangt. Nun erwähnte er nochmals diese Benachteiligung seiner Mannen, die müde und ausgelaugt wirkten. Prandelli wörtlich in der Pressekonferenz: "Unser Tank war einfach leer."
Hans-Günter Klemm