Das Urgestein der "Spatzen" im Interview

Reichert: "Ulm ist ein schlafender Riese"

Pokal - 18.08. 23:05

Seit frühester Kindheit trägt Johannes Reichert das Trikot des SSV Ulm. Entsprechend überwältigt war der Verteidiger von den Emotionen rund um die Pokalsensation gegen Eintracht Frankfurt. Im Interview spricht er über den Pokalfight und erklärt, was der Sieg über den Tag hinaus für den Verein und die Region bedeutet.

Er kennt den Verein seit Kindesbeinen an: Ulms Verteidiger Johannes Reichert. © imago

kicker: Herr Reichert, wie fühlt es sich an, wenn man den Pokalsieger rausgeworfen hat?

Johannes Reichert: Das ist ein absoluter Traum - bei uns zu Hause vor ausverkauftem Haus. Wir haben ein Riesenspiel gemacht, sind mit den Zuschauern im Rücken zum Teil über uns hinausgewachsen. Dass wir das Spiel gewinnen, passt zu dem ganzen Wahnsinn, der hier in letzter Zeit los ist. Wir sind einfach überglücklich.

kicker: Was es das Spiel eures Lebens?

Reichert: Ja, das würde ich schon sagen. So etwas haben wir alle noch nicht erlebt. Wir sind einfach überglücklich.

kicker: Was waren die ausschlaggebenden Punkte für den Erfolg?

Reichert: Schon vor dem Spiel war ich sicher: Wir sind eine Mannschaft! Das sah man bereits in unseren Ligaspielen. Wir sind eine starke Mannschaft, eine geschlossene Einheit - so sind wir heute rausgegangen. Wir haben uns vorgenommen, Frankfurt zu ärgern, das haben wir von der ersten Minute an geschafft. Hinten heraus haben wir natürlich unsere Chance gewittert. Wir waren eiskalt, haben gut verteidigt und hatten das nötige Glück. Das gehört dazu. Jetzt sind wir einfach glücklich.

kicker: Was ging in Ihnen vor, als Ihr Mannschaftskamerad Vitalij Lux vor dem 2:0 aufs Tor zulief?

Reichert: Das war unglaublich. Wir spielen gegen Eintracht Frankfurt, den Titelverteidiger. Vitalij läuft alleine aufs Tor zu, ich stehe hinten, mein Puls, mein Körper, der ist fast geplatzt, und dann macht er das Ding rein. Das war pure Erleichterung. Wobei man nicht vergessen darf, dass wir am Ende schon noch gezittert haben. Aber das gehört dazu.

"Auffällig war, dass jeder von der Besprechung fast genervt war, weil keiner mehr etwas gebraucht hat. Wir wollten einfach raus."

Johannes Reichert

kicker: Gab es vor dem Spiel ein besonderes Ritual, mit dem sich die Mannschaft heißgemacht hat?

Reichert: Nein, auffällig war eher, dass jeder von der Besprechung fast genervt war, weil keiner mehr etwas gebraucht hat. Wir wollten einfach raus. Wir sehen die Leute, wir sehen die Stadt, wir wissen, was das für ein Verein ist: ein schlafender Riese. Wir haben heute einfach die Möglichkeit ergriffen und alles reingehauen.

kicker: Sie sind seit frühester Kindheit beim SSV Ulm...

Reichert: ...seit den Bambinis...

kicker: ...und haben alle Höhen und Tiefen mitgemacht. Können Sie dieses Spiel in einen größeren Zusammenhang einordnen?

Reichert: Eigentlich müsste ich dann heulen. Bis vor einigen Jahren war es echt schlimm, es lief eigentlich gar nichts zusammen, wirtschaftlich wie sportlich. Aber seit drei, vier Jahren sind wir auf einem guten Weg, und es macht einfach unglaublich viel Spaß. Wir sind noch lange nicht fertig.

kicker: Was kann dieser Sieg für den schlafenden Riesen auslösen?

Reichert: Viel. Alle Leute haben gesehen, was hier möglich ist. Wir sind der größte Verein in der Region. Das haben wir in den letzten Jahren nie gezeigt, und auch nie wirtschaftlich und führungstechnisch hinbekommen. Aber jetzt ist der Verein gut strukturiert und aufgestellt, sodass hier alles möglich ist. Wir müssen nur weiter solide arbeiten, dann mache ich mir keine Sorgen.

kicker: Seit dem Sommer heißt Ihr Trainer Holger Bachthaler, der zuletzt die U 18 von RB Salzburg trainiert hatte. Was zeichnet ihn aus?

Reichert: Er hat viel verändert und professionelle Strukturen eingeführt. Uns allen hat er sehr gutgetan. Wir sind fit, wir haben Spaß, wir sind hungrig.

kicker: Ulm ist nach vier Spielen in der Regionalliga Südwest oben dabei. Wäre das Ziel Aufstieg in die 3. Liga angemessen?

Reichert: So weit würde ich noch nicht nach vorne preschen. Langfristig muss das das Ziel sein, das ist auch mein Ziel, mein Traum. Dafür lohnt es sich, jeden Tag alles zu geben.

kicker: Haben Sie einen Wunschgegner für die 2. Runde?

Reichert: Wer kommt, ist egal. Ich wünsche mir wieder einen Bundesligisten, einen Traditionsklub.

Aufgezeichnet von: Julian Franzke

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