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17.05.2018, 15:48

Interview mit Kult-Keeper Uli Stein zum DFB-Pokal-Finale

Stein: "Wir machen hier keinen Wochenendspaziergang!"

Als Eintracht Frankfurt letztmals einen Titel gewann, war Kult-Keeper Uli Stein dabei. Im kicker-Interview spricht er über seine Halbzeitansprache im DFB-Pokalfinale 1988, unnötige Toilettengänge - und die mentalen und körperlichen Probleme von Niko Kovacs Elf.

Uli Stein präsentiert am 29. Mai 1988 den DFB-Pokal auf dem Balkon des Frankfurter Römers
"Eine Riesenstimmung, sensationell": Uli Stein präsentiert am 29. Mai 1988 den Pokal auf dem Balkon des Frankfurter Römers.
© picture allianceZoomansicht

Torwart-Legende Uli Stein (63) gewann 1987 mit dem HSV, ein Jahr später mit Frankfurt den DFB-Pokal. Im kicker-Interview spricht er über den letzten großen Titelgewinn der Eintracht vor 30 Jahren und erklärt, warum er seinem Ex-Klub gegen die Bayern eine Überraschung zutraut. Wie bereits 2017 wird Eintracht-Markenbotschafter Stein das Finale live vor Ort verfolgen.

Herr Stein, welche Erinnerungen kommen Ihnen in den Sinn, wenn sie nach Berlin zum Pokalfinale aufbrechen?

Natürlich kommen nur gute Erinnerungen hoch, wenn man selbst zweimal im Endspiel gestanden und zweimal den Pokal gewonnen hat. Ich hoffe auf ein schönes Finale - mit dem besseren Ende für die Eintracht. Der Pokalsieg wäre schon letztes Jahr gegen Dortmund möglich gewesen. Es fehlte nicht viel. Wenn kurz vor der Pause der Pfostenschuss reingegangen und Frankfurt mit 2:1 in die Halbzeit gegangen wäre, wäre alles möglich gewesen. Dieses Jahr sind die Vorzeichen etwas anders, gegen die Bayern ist die Eintracht krasser Außenseiter, aber nicht chancenlos. Stuttgart hat gezeigt, wie man gegen sie spielen muss. Wenn es auch die Eintracht schafft, das einigermaßen umzusetzen, ist alles möglich. Dann kann man auch die Bayern schlagen.

Welche Erinnerungen haben Sie an den 1:0-Sieg gegen Bochum im Finale 1988?

Favorit waren wir nicht, vor dem Spiel standen die Chancen 50:50. Ich kam in der Saison 1987/88 im November zur Eintracht, da standen wir nicht gut da, am Ende wurden wir noch Neunter und zogen ins Pokalfinale ein. Das war schon eine Sensation, denn damit hatte in der Hinrunde kein Mensch gerechnet. Das war genauso überraschend wie die Finalteilnahme von Bochum. Bis zur Pause war die Partie vollkommen ausgeglichen, da haben wir allerdings auch sehr schlecht gespielt. In der Halbzeit habe ich gesagt: Jungs, wisst ihr, dass wir ein Jahr gearbeitet haben, um hier zu stehen? Das gibt man nicht so locker her, wir machen hier keinen Wochenendspaziergang. Ich bin hier, weil ich den Pott gewinnen und in der Hand halten will. Genau wie letztes Jahr. Ich habe versucht, den Spielern klar zu machen, wie toll das ist, wenn du am Ende den Pokal in der Hand hast. Das scheint gefruchtet zu haben. In der zweiten Hälfte wurden wir besser und haben verdient 1:0 gewonnen. Ich habe das Freistoßtor von Lajos Detari noch vor Augen.

Wir wurden von den Fans gefeiert, als hätten wir die Deutsche Meisterschaft gewonnen.Uli Stein über dem Empfang in Frankfurt nach dem Pokalsieg 1988

Was war in Berlin los in der Nacht nach dem Spiel? Und was am nächsten Tag in Frankfurt?

Erstmal haben wir nachts in Berlin gefeiert. Am nächsten Tag sind wir zurück nach Frankfurt und hatten alle Sonnenbrillen auf, weil wir die Nacht natürlich zum Tag gemacht hatten. In Frankfurt war die Hölle los. Wir hatten am Römer einen Empfang, bei dem wir von den Fans gefeiert wurden, als hätten wir die Deutsche Meisterschaft gewonnen. Es war eine Riesenstimmung, das war sensationell. Solche Momente brennen sich ein, das behält man immer in Erinnerung. Das war einfach toll.

Wie beurteilen Sie es, dass Frankfurt zweimal in Folge das Finale erreichte?

Das ist eine klasse Leistung, die höchste Anerkennung verdient. Irgendwann wird man für die Arbeit belohnt. Glück hat nur der Tüchtige, und irgendwann wendet sich das Glück zum Tüchtigen, man muss nur daran glauben und hart daran arbeiten, dann wird das auch was. Die Mannschaft hat das Potenzial, davon bin ich überzeugt. Auch wenn sie in den letzten Wochen ein bisschen geschwächelt hat. Die Enttäuschung innerhalb der Mannschaft über den Abgang von Niko Kovac war klar auszumachen. Aber ich hoffe, dass sie in den vergangenen zwei, drei Wochen begriffen haben, dass es nicht um den Trainer, sondern nur die Mannschaft geht. Jeder Spieler muss sich sagen: Das ist unser mannschaftlicher Erfolg, unser Pokal, und den habe ich mein Leben lang in der Vita stehen. Das müssen sie sich klarmachen.

Man merkt der Mannschaft an, dass sie der Trainerwechsel mental mitgenommen hat. Körperlich ist es klar, das liegt an der Arbeit von Niko Kovac.Uli Stein

Glauben Sie, dass sich die Mannschaft noch einmal zu einem solchen Kraftakt aufraffen kann? Zuletzt hatte man den Eindruck, dass die Spieler mental und körperlich ziemlich ausgelaugt sind.

Man merkt der Mannschaft an, dass sie der Trainerwechsel mental mitgenommen hat. Körperlich ist es klar, das liegt an der Arbeit von Niko Kovac, der die Mannschaft getrimmt und konditionell auf einen hohen Stand gebracht hat, aber auf einen sehr laufintensiven Fußball setzt. Der hat viel Kraft gekostet. Das merkt man zum Ende der Saison. Als ich gegen den HSV im Stadion war, hatte man schon das Gefühl, dass die Mannschaft ab der 60., 65. Minute platt war.

Diesen Eindruck hatte man öfter in den letzten Wochen.

Die Mannschaft ist immer 90 Minuten marschiert, das kostet am Ende natürlich Kraft. Die Truppe hat immer alles gegeben, teilweise über 95, 98 oder 100 Minuten. Wenn du viel von der Kraft lebst, macht sich das irgendwann bemerkbar.

Aber darf man nicht erwarten, dass eine Mannschaft, die nicht international spielt, trotzdem genügend Kraftreserven hat, um diese Spielweise die ganze Saison durchzuziehen?

Ist heute Markenbotschafter bei Eintracht Frankfurt: Uli Stein.
© imagoZoomansicht

Das sollte man meinen, ja. Aber der Trainerwechsel hat bei der Mannschaft mental für einen Bruch gesorgt. Das geht auch körperlich nicht an dir vorbei. Du hast nicht nur vom Kopf her die Enttäuschung drin, das macht sich irgendwann auch im konditionellen Bereich bemerkbar. Diese zehn Prozent, die sie mehr gegeben haben, als sie wussten, das ist unser Trainer, waren dann weg. Das ist nicht so gewollt, passiert aber so. Dieses Gefühl hatte man in den letzten Spielen.

Spielt das im Pokalfinale noch eine Rolle?

Die Mannschaft muss jetzt eindeutig wissen, dass es nur um sie selbst und den Erfolg geht. Sie müssen sich noch einmal richtig zusammenraufen und sich sagen: Dass wir hier stehen, ist der Lohn für die Arbeit eines ganzen Jahres. Jetzt können sie sich selber belohnen. Da ist es egal, welcher Trainer am Spielfeldrand steht. Wenn sie das verinnerlichen, sind sie sicher dazu in der Lage, noch einmal 100 Prozent abzurufen.

Wenn ich vom Warmmachen kam, rannte ich noch zweimal auf die Toilette, obwohl ich gar nicht musste.Uli Stein

Was kann Frankfurt von Stuttgart, das mit nur 20 Prozent Ballbesitz 4:1 in München gewann, lernen?

Du musst eine hohe Laufbereitschaft haben, da die Bayern Ball und Gegner laufen lassen. Du läufst 70 bis 80 Prozent der Zeit hinterher, darüber muss man sich im Klaren sein. Und dann musst du gegen die Bayern eines machen, das haben die Stuttgarter gezeigt: selbstbewusst und mutig nach vorne spielen, wenn du die Möglichkeit dazu hast. Das hat der VfB in Perfektion gemacht. Wenn die Eintracht, die Minimum das Gleiche drauf hat wie Stuttgart, das genauso umsetzt, ist im Pokalendspiel alles möglich. Die Frage ist: Wird die Kraft am Ende reichen? Das ist das große Fragezeichen.

Letztes Jahr im Endspiel gegen Dortmund hatte Frankfurt in der zweiten Hälfte nicht mehr viel zuzusetzen.

Genau. In der ersten Hälfte war die Eintracht gleichwertig, wenn nicht sogar ein Tick besser als Dortmund. In der zweiten Halbzeit haben sie dann gar nicht mehr gespielt, da war die Kraft nicht mehr vorhanden.

Auf welche Spieler könnte es besonders ankommen?

Vor allem auf diejenigen, die die ganze Saison kämpferisch und körperlich vorangegangen sind. In aller erster Linie Kevin-Prince Boateng, aber auch die komplette Hintermannschaft, die eigentlich eine hohe Qualität hat. Wenn die Abwehr kompakt und gut steht, ist es schwer, gegen Frankfurt ein Tor zu machen. Und vorne brauchst du zwei Stürmer, die auch mal wieder das Tor treffen. Es wäre ganz wichtig, dass Ante Rebic noch einmal spielen kann.

Wie fühlt man sich als Torhüter in so einem großen Finale?

Während der 90 Minuten war ich so konzentriert, dass ich nicht nach links und nicht nach rechts geschaut habe und mich auch nicht habe ablenken lassen von Sachen, die im Stadion passiert sind. Da war ich so fokussiert, dass ich keine Gedanken an irgendetwas anderes verschwendet habe. Nervös war ich vor dem Spiel. Das musste aber auch sein. Wenn ich vom Warmmachen kam, rannte ich noch zweimal auf die Toilette, obwohl ich gar nicht musste. Aber in dem Moment, in dem ich auf dem Platz stand und der Anpfiff kam, war das vorbei, da gab es keine Nervosität mehr.

Interview: Julian Franzke

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kicker.tv Hintergrund- 17.05., 14:22 Uhr
Experten übers Finale: "Frankfurt ist Underdog, aber..."
Stefan Effenberg, André Breitenreiter und Simon Rolfes haben den DFB-Pokal schon gewonnen - hier sagen sie, was das Finale in Berlin so außergewöhnlich und warum Eintracht Frankfurt gegen den FC Bayern vielleicht doch eine Chance hat.
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weitere Infos zu Kovac

Vorname:Niko
Nachname:Kovac
Nation: Kroatien
Verein:Bayern München


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