"Wagen un Winnen!" Das überdimensionale Transparent, das die hoffnungsfrohen Bremer Fans in der Ostkurve ausgerollt hatten, klang wie eine Aufforderung. Doch Volkes Stimme, so dokumentiert in einer spektakulären Kurvenshow, blieb unerhört. Es blieb ein frommer Wunsch, ignoriert von den Profis und vor allem von Thomas Schaaf, dem Oberspielleiter, der diesmal entgegen seinem Naturell kaum ein Risiko bei der Inszenierung einging.
Die Quittung sah so aus: 0:4, eine beispiellose Pleite im Jubiläumsfinale, dem 25. in Berlin, dem zehnten mit Bremer Beteiligung. Selten hatten die erfahrenen "Berlin-Fahrer" aus der Hansestadt so geringe Chancen wie an diesem kalten Maiabend. Die "übermächtigen Bayern", wie Klaus Allofs den Kontrahenten rühmte, zerstörten alle Träume von der Titelverteidigung. "Eine Vollblamage für uns", gestand ein machtloser Tim Wiese.
Entsprechend war die Stimmung auf der Abschlussfeier, für die der Erstligist den In-Club "Spindler und Klatt" in Kreuzberg gemietet hatte. Kreuzberger Nächte können ganz schön kurz und auch traurig sein, wie die Werder-Familie feststellen musste. "Lasst euch die Laune nicht verderben!", forderte zwar Werder-Vormann Allofs auf, doch es blieb ein eher folgenloser Appell.
Auf der Bühne stand neben den geschlagenen Recken auch der Coach. "Schwer in Worte zu fassen" sei, was geschehen sei, meinte ein desillusionierter Fußballlehrer. Um dann verbal die Kurve zu kriegen. Schaaf erinnerte an die Spektakel seiner Mannen. Schaaf lobte die Qualität der Elf. Schaaf wörtlich: "Diese Elf ist etwas Besonderes. Wenn sie nicht in der Bundesliga wäre, würde etwas fehlen."
Kein Einspruch, Thomas Schaaf! Es war eine nachvollziehbare Replik. Doch es war beileibe keine Zustandsbeschreibung der Werder-Elf am 15. Mai 2010.
Alle Qualitätsmerkmale der Auflistung waren an diesem Tag verschüttet. Die Frage, die die Diskussionen im direkt an der Spree gelegenen Saal bestimmte: Welchen Anteil hatte daran Thomas Schaaf?
Der 49-Jährige, oftmals wegen seiner Glücksgriffe geadelt, hatte diesmal voll danebengegriffen. Mit der Taktik lag er falsch, mit der ungeeigneten Personalauswahl nicht wesentlich besser. Gewiss hatte er es am Reißbrett anders geplant, doch die Planspiele scheiterten, wie er selbst gestand. Schaafs Wunsch unerfüllt: "Wir haben nicht den Weg zum Tor gefunden, wie ich es mir vorgestellt hätte."
Treffende Analyse nach einer blutarmen und mutlosen Vorstellung mit nur sporadischen Attacken. Weitgehend Funkstille, der Sturm eine einzige Flaute, weil Schaaf den Gegenentwurf zu seiner Spielphilosophie von Offensive und Dominanz gezeichnet hatte. So formierte er das selten erprobte 4-4-2, ohne Raute, versuchte mit Borowski und Hunt die Außen dichtzumachen. Stellte Özil als Spitze auf, noch vor Pizarro, wo der Jung-Star deplatziert war. Die Folge: Ein spielerisches Nichts in der Offensivzentrale sowie eine späte Korrektur.

"Es lag nicht an der Aufstellung, sondern an der Einstellung", hielt Frank Baumann, Ehrenspielführer und Assistent der Geschäftsführung, ein Plädoyer im Sinne Schaafs. So argumentierte auch Günter Netzer (siehe Interview, Seite 27), doch es gab vereinsintern auch durchaus kritische Stimmen, die über die Maßnahmen des Trainers, inklusive der unverständlichen Auswechslung von Philipp Bargfrede, den Kopf schüttelten.
Es schien, als wollte Schaaf seinen auf der Tribüne sitzenden Ex-Trainer kopieren: Otto Rehhagels "kontrollierte Offensive". Heraus kam eine "offensivlose Kontrolle", die nur trügerisch und scheinbar war. "So wollten wir nicht spielen", erläuterte Allofs. "Wir wollten aus einer gut funktionierenden Defensive Konter setzen."

Voll danebengegangen. Werder, Sinnbild für attraktiven Fußball, zuletzt häufig Gewinner des Schönheitspreises, scheiterte gnadenlos mit einem zweckorientierten Stil. "Angriff total", die kicker-Schlagzeile vom Donnerstag, gab es nur vom Double-Gewinner. Es kam, wie der Tagesspiegel prophezeit hatte: Die Bayern waren die besseren Bremer, die Bremer die schlechteren Bayern.
Alles schon mal da gewesen. Vor genau einem Jahrzehnt: 2000 deklassierten die Münchner den Rivalen 3:0. "Diesmal", so fand Werders Ex-Geschäftsführer Manfred Müller, "war es noch schlimmer."
Als Gewinner aus norddeutscher Sicht durften sich nur die Fans fühlen. Mit einer optischen Darstellung stellten sie die Gegenseite in den Schatten, auch wenn ihre Parole vom "Wagen un Winnen" leider nur Poesie war und blieb.
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